Adrian Lohmüller

Katalog der 6. Berlin Biennale, 11. Juni 2010

Für Adrian Lohmüller ist die Kanalisation das kollektive Unbewusste. Das Verdrängte, ohne das wir nicht an der Oberfläche unsere Leben in Wohlgeruch und Reinlichkeit führen könnten. Schon Freuds Konzept der Verdrängung war ja der Hydraulik entlehnt. Lohmüller überführt es zurück. All die Leitungen, die Plätze und Wände durchziehen, die unsichtbaren Versorgungssysteme, die verborgenen Abläufe, machen Gebäude und Städte zu sozialen Organismen mit lebendigen Membranen, durchlässig, sinnlich, taktil.

Für Das Haus bleibt still (2010) hat der Künstler das Gebäude am Oranienplatz 17 mit einem Adergeflecht versehen. In drei Etagen sickert Wasser aus Eimern in Rohre, verschwindet im ehemaligen Aufzugschacht und sammelt sich im ersten Geschoss. Über einem Gasbrenner wird es sanft erhitzt. Am Ende der Leitung wird es von einem Salzleckstein empfangen und auf den Boden weitergeleitet, wo Bettzeug ausgebreitet liegt. Langsam zieht das Wasser in Stoff und Daunen ein, um schließlich im Raum zu verdunsten. Zurück bleiben die Salzkristalle, die sich in den Kissen sammeln, wie die Schweißspuren einer Liebesnacht.

Weitet Lohmüller mit seinen Installationen den Begriff des Sozialen auf das Stoffliche aus, gehen umgekehrt technische Abläufe bei ihm unter die Haut. Immer wieder dringt er als Amateur in fremde Berufsfelder ein um neue kollektive Erfahrungen herzustellen. 2007 absolvierte er ein Praktikum in einer Kläranlage und baute anschließend mithilfe der Mitarbeiter sein eigenes Reinigungssystem Klaerwerk. Darin wusch er die Arbeitskleidung von Menschen verschiedener Berufe und destillierte für jeden ein individuelles Porträt aus Schmutzwasser. Mit Interventionen wie diesen werden die Ausläufer der Systeme, die deren Funktionieren erst sicherstellen, sinnlich erfahrbar. Und erinnern sie im besten Fall an ihren eigentlichen Zweck, wie 2005 in Baltimore: Ein Highway trennte zwei Nachbarschaften am Rand der Stadt. Ganze Familien mit Kinderwagen schufen sich mangels Fußgängerüberwegen ihren Trampelpfad über den Mittelstreifen. Die Stadtverwaltung baute einen Zaun. Die Bewohner rissen ein Loch. Lohmüller gründete das Maryland Office for Public Apology und errichtete, getarnt als Bauarbeiter, stellvertrend für die Stadtverwaltung ein Schild mit einer öffentlichen Entschuldigung. So legt der Künstler neue Leitungen im großen Kreislauf aus Waren, Menschen, Schmutz und Liebe.

Seine Installation für die Berlin Biennale verfolgt hingegen keinen Zweck, der außerhalb ihrer selbst läge. Leicht schief und leicht zerbrechlich ziehen sich die Rohre durch den Raum. Eine absurde Versuchsanordnung mit viel Zeit und ohne Ziel, wie eine Figur von Beckett. Aus Wasser wird Luft. Das Gebäude scheint zu atmen, friedlich mit sich selbst beschäftigt. Und das weiche Lager gerinnt vor den Augen der Besucher zur Skulptur.

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für kunstkritik 2012