Vincent Vulsma

Katalog der 6. Berlin Biennale, 10. Juni 2010

Mit dem Titel seiner Gemäldeserie ARS NOVA E5305-B spielt Vincent Vulsma auf die Produktbezeichnung von Leinwänden im Künstlerbedarfshandel an. Solche Leinwände, im Einheitsformat von 80 mal 100 Zentimetern, stellt Vulsma aus – ohne sie je ausgepackt zu haben. Stattdessen besprüht er die Verpackungsfolie selbst mit schwarzer Lackfarbe. Genässt, dehnt sich die Folie aus und wirft Falten, in Formen, die sich der Kontrolle des Künstlers entziehen. Mit weißer Farbe sprüht er die Falten nach, so dass, wenn der Kunststoff trocknet und sich wieder strafft, ein Trompe-l’œil entsteht, das Dreidimensionalität vorspielt, wo keine ist – ohne bloße Behauptung zu sein. Es ist das treue Nachbild eines tatsächlichen Zwischenstadiums, bestimmt von Zufall und Chemie. Jedes Bild trägt seine eigenen Spuren, inklusive der Nähte, die sich über manche Folien ziehen.

Hier ist die Leinwand weder Träger von Inhalt noch von Inhaltslosigkeit. Sie ist als Möglichkeitsraum anwesend, doch mystisch entrückt, vermummt und stumm gestellt. Die dreizehn Folienbilder sind von edler Schönheit und haptischem Zauber wie die Stoffe in altmeisterlichen Barockgemälden. Jedes für sich ginge als vollkommenes Kunstwerk durch. Doch lenken sie, gerade als Serie vom Format einer Einzelausstellung, den Blick auf das Material, seinen Sinn und seine Entstehungsbedingungen. So stammen die Leinwände aus China, was daran erinnert, dass auch der Globus heute aus ökonomischer Sicht flach ist. Die Tradition des Tafelbilds wird heruntergebrochen auf ein industrielles Massenprodukt – in Schwarz, der negativen Summe aller Farben. Zugleich suggeriert die Verschleierung versteckte Geheimnisse und verleiht den Gemälden eine Aura des Transitorischen.

1915 verkündete Kasimir Malewitschs Schwarzes Quadrat das Ende der gegenständlichen Malerei. Jenes Pathos des Neuen klingt im Titel ARS NOVA E5305-B in ironischer Brechung wider. Souverän verortet sich Vulsma damit in der Tradition der Avantgarden. Für seine Abschlussarbeit an der Gerrit Rietveld Academie Amsterdam stellte er Lüftungsrohre aus, die er aus einem neuen Anbau der Akademie geschnitten hatte, in der Tradition der Interventionen Michael Ashers. Für die Berlin Biennale vollzieht er eine verblüffende Rahmenverschränkung: Seine Gemälde werden mitsamt der Galeriewände präsentiert, an denen sie erstmals gezeigt wurden. So stellt das Werk nicht nur seine Geschichte aus, sondern auch die Geschichte seiner Einschreibung in den Kunstmarkt. Der White Cube, der den ungestörten Genuss des Kunstwerks sicherstellen soll, ist zerlegt und mit zur Disposition gestellt. Und mit ihm die architektonischen, sozialen und ökonomischen Realitäten, die das Werk erst als Kunstwerk konstituieren.

Transzendierte die abstrakte Kunst die Malerei, so transzendiert Vincent Vulsma die Abstraktion. Seine Arbeit spiegelt den Anspruch an die Kunst, Wirklichkeit zu verhandeln, schlicht zurück. Aus der schwarzen Fläche blickt nur heraus, was zuvor darin versteckt wurde.

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für kunstkritik 2012