Tanz an der Stange

Werke aus der Sammlung Thyssen-Bornemisza bilden einen Erlebnisparcours im nordspanischen Gijón

monopol, 15. November 2010

Gerade tanzt man noch mit der spektral aufgefächerten Silhouette seiner selbst und fragt sich mal wieder, warum Olafur Eliasson so wichtig ist, da stupst einen Jeppe Heins wandernde Spiegelkugel an die Wade. Hey. Lass das. Ich schau hier gerade eine Kunstausstellung an!

Der Erlebnisparcours, der sich in einer Werkhalle am Rand der asturischen Kohlehafenstadt Gíjon ausbreitet, tut sein Bestes, den Betrachter aus dem Gleichgewicht zu bringen. Staunend umkreist man die schwebenden Brocken der explodierenden Mauer von Los Carpinteros: gefrorene Gegenwart. Einer hängt über der Brüstung, unter der sich erwartungsvoll die Glühbirnen-Spiralen Carsten Höllers drehen und sich in Doug Aitkens begehbarem Kaleidoskop spiegeln.

Unter Franco war das Laboral eine Monumental-Fakultät zur infrastrukturellen Aufrüstung. Seit 2007 ist es Kulturzentrum. Verzweifelt sucht das strukturpolitische Ufo Kontakt zum lokalen Publikum. Mit „Pasajes“ scheint es zu klappen. Zur Eröffnung hatten die Aufseherinnen Mühe, ihre Gäste davon abzuhalten, all die Wunderdinge mit Händen und Füßen zu begreifen. Wie fühlt sich Ernesto Netos biomorphe Nylon-Höhle an? Und Ai Weiweis zum golden leuchtenden Kronleuchter umfunktionierte Tempelsäule, hat sie nicht einen Griff am Rollbrett, der zum Mitnehmen einlädt?

Wir verlieren das Gefühl für Raum und Zeit im postmodernen „Hyperspace“, klagte der Kulturkritiker Fredric Jameson. Die Kuratoren Benjamin Weil und Daniela Zyman wenden das ins Positive und feiern das Aufgehen von Repräsentation in purer Präsenz. Einfach gesagt: Sie wollten einen Vergnügungspark bauen.

Das ist gelungen. Monika Sowsnowska lädt ins hypertrophe Türenlabyrinth einer sozialistischen Arbeiterwohnung und in einem Treppenraum wartet ein Scheinwerfer von Olaf Nicolai, um auf Eintreten des Gastes einen schwindelerregenden Tanz an der Stange aufzuführen. Was sonst die Akteure ins Licht rückt, hat hier einen Soloauftritt, und plötzlich bekommt diese so freundliche Schau noch einen schönen bösen Dreh: Verführung und Kontrolle sind ein Paar.

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für kunstkritik 2012