Sven-Åke Johansson

Katalog der 6. Berlin Biennale, 11. Juni 2010

„Gewisses am Sehen kommt uns rätselhaft vor“, schreibt Wittgenstein, „weil uns das ganze Sehen nicht rätselhaft genug vorkommt.“ Es gibt, so zeigt er im Nachlass zu den Philosophischen Untersuchungen, kein Kritierium für die „richtige“ Wahrnehmung eines Gegenstands, außer den Routinen sozialer Praxis. Jede Wahrnehmung geschieht unter einem bestimmten Aspekt: Sehen ist immer ein „Sehen als …“. Jedes Mal, wenn ein neuer Aspekt aufscheint, wird sich der Wahrnehmende seiner Wahrnehmung bewusst; und damit seiner Existenz.

Man kann die Kunst Sven-Åke Johanssons als ständige Übung im Aspektwechsel beschreiben, ob im Zeichnen, im Schreiben, im Komponieren oder auf der Bühne: Der Pappkarton wird zum Klangkörper, das Schlagzeugbecken zum Gurkenschneider, Traktoren zu Orchesterinstrumenten und der Musiker unter Verwendung unhörbarer Schaumstoff-Cymbals zum gestischen Akteur. Johansson arrangiert das vermeintlich Selbstverständliche und lässt es mit neuen Augen hören, mit neuen Ohren sehen.

Als Schlagzeuger prägte Sven-Åke Johansson mit EMT und im Duo mit Alexander von Schlippenbach den europäischen Free Jazz. In den 1970er Jahren begann er, Aufführungsideen in gezeichneten Partituren festzuhalten. Daraus entwickelte sich die eigenständige zeichnerische Arbeit, die eine Poetisierung von Alltagsgegenständen unternimmt. In Serien begreift der Künstler mittels Kohle und Bleistift seine Objekte in all ihrer Materialität und gewinnt ihnen fortwährend neue Aspekte ab. „Das Herkömmliche muss beseelt werden“, sagt er. „Ein dramatischer Akt.“

Die Hubschrauber, die Johansson im Rahmen der Berlin Biennale zeigt, bilden in großformatigen Zeichnungen selbst eine regelrecht musikalische Aufführung. Mal schweben die Piloten wachsam vorüber, mal verbergen sie sich hinter verdunkelten Scheiben, mal nähert sich von Weitem eine bedrohliche Schwadron. Nach Motorrädern, Ventiailatoren und Windrädern arbeitet sich der Künstler erneut an der Faszinationskraft rotierender Klangerzeuger ab. Vor allem reizt den Künstler die Naturähnlichkeit der Flugkörper: „Sie sind mehr Insekt als Gerät. Wie Libellen können sie lauernd in der Luft stehen. Man ist geschützt und gefährdet zugleich, wenn man in einem Hubschrauber unterwegs ist. Sie sind immer da und überall.“

Das versammelte Ensemble der Senkrechtstarter schwebt durch den Raum, vom Leichtbaugerät bis zum Militärhubschrauber. Die Titel der Zeichnungen übernehmen die Typenbezeichnungen: KLS-I, F-+11. Sie sind allerdings frei erfunden. Verbindlichkeit ist suggeriert, wo sie gar nicht gefragt ist, wie schon im Buch Gurken (1998), das den Zeichnungen Erklärungen anfügt wie „belgische schlangengurke“ oder „siebenbürger salzgurke“. Spielerisch wird der Vorgang technischer Indexierung ad absurdum geführt. Was auf Eindeutigkeit pocht, geht auf in Komik und Poesie. Jeder Name ist Willkür. Jeder Hubschrauber belebt. Jeder Rotor ein Instrument.

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für kunstkritik 2012