Stuck muss bröseln

Vom Verstülpen der Zeit: Der Londoner Sänger und Produzent James Blake im Berliner Admiralspalast

Die Welt, 18. November 2011

"Kann man die Zeit erzählen, diese selbst, als solche, an und für sich?", fragt Thomas Manns Erzähler im "Zauberberg". "Wahrhaftig, nein, das wäre ein närrisches Unterfangen! […] Es wäre, als wollte man hirnverbrannterweise eine Stunde lang ein und denselben Ton oder Akkord aushalten und das – für Musik ausgeben." Nun, Thomas Mann, der ja ein großer Musikexperte war, kannte die Minimal Music noch nicht und konnte sich womöglich nicht vorstellen, was für eine bewusstseinserweiternde Erfahrung es sein kann, die kleinsten Variationen zum Thema zu machen – ganz abgesehen vom Genuss elektronischer Tanzmusik, deren Gleichförmigkeit eine höhere Stufe von Hirnverbrennung darstellen mag, aber mit äußerst heilsamen Wirkungen.

Außerdem dürfte sich die Zeit um 1924 noch verhältnismäßig linear angefühlt haben, zumindest in München, während sie heute, nun ja, vielleicht ist der Dubstep die avancierteste musikalische Formulierung des Problems, mit seinen wurmlochartig sich in sich selbst verstülpenden Rhythmen, seinen subkutan injizierten Bässen und den isolierten, aus entgegengesetzten Richtungen schnellenden und zischenden Percussionelementen. Es ist die Zersplitterung der Wahrnehmung einer aufmerksamkeitsgestörten Gesellschaft, die hier ins Grandiose gewendet wird, meist mit einem endlos babbelnden MC, der die Tracks verkauft wie der Bügeleisenvertreter vor dem Kaufhaus die Bügeleisen.

Es erklärt sich vor diesem Hintergrund der begeisterte mediale Empfang für einen asketischen jungen Mann, der, im London der Nuller Jahre sozialisiert, durch diese Wurmlöcher gegangen ist, aber von der anderen Seite etwas ganz anderes mitbringt, alte Werte: Konzentration. Reduktion. Meisterschaft. Der 23jährige James Blake ist ein Jüngling, wie er Thomas Mann gefallen hätte – alabasterhafte Gesichtszüge, den Knabenscheitel ordentlich anrasiert, aristokratische Pianistenfinger. Er hat seinen John Cage und seinen Steve Reich studiert und er kann singen. Wie im Berliner Admiralspalast zu hören ist, sogar immer besser, jedenfalls übertrifft seine Stimmfarbausgestaltung am Mittwochabend mitunter die seiner Aufnahmen.

"Laptops gehören für mich nicht auf die Bühne", bekannte Blake in einem Interview, und tatsächlich sieht die Bühne aus wie ein Möbelkatalog aus den Sechzigern, oder besser, wie ein Möbelkatalog aus den Neunzigern, der aussehen soll wie ein Möbelkatalog aus den Sechzigern: Rechts Blake mit Sampler und E-Piano. Weit hinten der Drummer. Links außen, auf einem Kubus sitzend, der Gitarrist, über seinen Sampler Richtung Bühnenecke geneigt. Dazwischen Leere.

James Blakes Entzugsprogramm gewinnt seine Spannung ex negativo: durch Pausen, durch Verschleppungen, durch Reduktion und Kontrastierung. Entgegen der Unsitte, das Material live deutlich beschleunigt zu liefern, sind im Eröffnungsstück "Unluck" die Pausen zwischen der Basedrum und den Klacks auf dem Snaredrumrahmen noch zusätzlich gedehnt. In den skizzenhaften Arrangements verwischt die Grenze zwischen Komposition und Soundgestaltung, drum ist es auch schade, dass beim Wabbeln der Subbässe die Balkondecken des Admiralspalasts so laut mitschnarren, dass man hofft, der falsche Stuck möge in Bröseln niedergehen.

James Blake beherrscht zwei Register, die er sowohl getrennt als auch gemischt abruft: die Kammermusik am Piano (wie im Joni-Mitchell-Cover "A Case of You") und der Körperzugriff elektronischer Tanzmusik, am deutlichsten in "CMYK". Beiden gemeinsam sind die wie eingefrorenen Gospelharmonien des R&B. Im Blechecho des Vocoders singt Blake mit seinen Geisterstimmen im Chor, immer wieder gleiche Zeilen, und bevor sich ein Bild vervollständigt, schwillt aus dem Hintergrund eine Synthiewand an und droht alles zu verschlucken. Diese Musik macht wirklich das Vergehen der Zeit auf das Reizvollste bewusst. Aber James Blake macht noch mehr mit der Zeit, und es ist gar nicht so leicht zu beschreiben was es ist.

Schlagartig verstummt der entzückte Jubel des Publikums über das Mantra aus "I Never Learnt To Share", als es sich selbst als Sample wieder hört, eine unheimliche Erfahrung. Die Musik nimmt ihre eigenen Effekte vorweg und macht sie zum Thema. In ewig rückkoppelnden Schleifen verweigert sie einfachen Fortschritt und entwickelt sich in der Distanzierung dennoch vorwärts. Dabei scheint ihr Erleben unerreichbar weit entfernt, obwohl es gerade statt findet, klingt rätselhaft, aber ungefähr so fühlt es sich an, und das ist schön. Wie auch das Licht eines einzelnen Scheinwerfers, das während der Zugabe mit dem Four-to-the-floor-Beat ungefragt aufblendet und einfach blendet, blendet, blendet.

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für kunstkritik 2012