Serviervorschlag

Mit seiner neuen Serie "Lebensmittel" schärft der Fotograf Michael Schmidt unseren Blick auf das, was wir Essen nennen

Die Welt, 13. März 2012

Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ungeheure Lebensmittelsammlung: Cornflakes, saftige Steaks, pralle Früchte, vorteilhaft drapiert. Dass unter den verführerischen Oberflächen der Produkte eine unüberschaubare Verausgabung von Arbeitskraft und Treibstoff herrscht, Panscherei und Etikettenschwindel, beklagen nach "We Feed the World" und Thilo Bodes "Die Essensfälscher" immer neue Filme und Bücher. Dabei verbleibt die Kritik oft in der Konsumentenperspektive, welche die der Empörung ist. Selten rührt sie an die Grundlagen des Kritisierten.

Aber wie etwas wirksam kritisieren, das längst seine eigene Parodie geworden ist? Beispiel: Da die europäischen und amerikanischen Märkte gesättigt sind, zwingt die EU derzeit westafrikanische Volkswirtschaften zur Abnahme von Geflügel. Dort bricht die Industrie zusammen, und wer nicht hungert, darf froh sein, wenn er als günstiger illegaler Einwanderer auf italienischen Apfelsinenplantagen den Betrieb am Laufen halten darf. Wirtschaftlich? Nö.

Wie bringt man solche Zusammenhänge ins Bild, nachdem schon Brecht feststellte, dass das Foto einer Fabrik nichts über die Verhältnisse verrät, in denen sie steht? Die Antwort des Berliner Fotografen Michael Schmidt: Er fotografiert Fabriken. Und Äcker, Kuhställe und Apfelplantagen. "Lebensmittel" heißt seine neue Serie, die gerade als Buch erschien. Schmidts Untersuchung beginnt, um das oben entstellte Marx-Zitat aufzunehmen, nicht bei der Ware, sondern bei deren Wahrnehmung. Mehr als von Lebensmitteln handelt sie vom Blick auf sie.

Das Buch eröffnet mit drei aufeinanderfolgenden Seiten, die nichts zeigen als sich krümmende Gurken im Karton. Finde den Unterschied: Die nur scheinbare Wiederholung befragt die Seherwartungen und stellt den Blick scharf.

Dann geht es los: über zerfurchte Äcker, vorbei an Milchfabriken hinter Zäunen, hoch hinauf zum Vogelblick auf die zerklüftete Kulturlandschaft, ganz nah dran auf plattgewalzte Lauchzwiebeln und dann an die Chiffre des technizistischen Verhältnisses von Mensch und Natur: Pumpen am Euter einer Kuh. 177 Fotografien zählt die Serie, gut 120 sind seit Sonntag im Leverkusener Museum Morsbroich zu sehen. Im Juni wandert die Ausstellung ins Taxispalais Innsbruck und kommenden Januar nach Berlin in den Martin-Gropius-Bau. Nach der gefeierten Werkschau im Haus der Kunst 2010 beginnt nun die nächste Runde der späten Würdigung dieser Ausnahmeposition in der künstlerischen Fotografie.

Michael Schmidt porträtierte das geteilte Berlin in einmaliger Härte und Formstrenge mit seiner Serie "Waffenruhe", die 1988 in die Sammlung des New Yorker MoMA ging. Er stellte Ende der Neunziger einen neuen selbstbewussten Typ Frau in sachlichen Akten vor. Er schuf mit der Serie "Einheit" sein Meisterwerk, eine raffinierte Infragestellung deutscher Geschichtskonstruktionen und der Fotografie selbst. Und jetzt: Essen? Direkt an den reich gedeckten Tisch zivilisationskritischer Allgemeinplätze?

Tatsächlich lässt sich am Tisch des Ehepaars Schmidt fabelhaft über schlechte Produkte schimpfen, über exzellentem Essen, versteht sich. Statt zu reisen, legen die beiden ihr Geld in Wein und Zutaten an. So lag die Frage nahe, wo die Paprika herkommt, der Käse und die Tomaten. Für die Antwort musste Schmidt dann wiederum doch auf Reisen gehen: 26 Fahrten unternahm er zwischen 2006 und 2010 durch Europa, fotografierte Zuchtbetriebe im Allgäu, Olivenhaine in der Toskana, Krabbenschälfarmen in Marokko. Immer dabei: Assistentin Laura Bielau, selbst aufstrebende konzeptuelle Fotografin.

Rinderzungen in einer Plastikbox, gewalzter Baguetteteig, purzelnde Pommes, purzelnde Fischfilets. Bohnen in glupschiger Soße, Fischköpfe, neben die eigenen Gerippe gestreut. Ein niedergestreckter Schweineleib und ein noch atmender, lagernd im Saft seines Verschlags: Schmidts Bilder zeigen das beschädigte Leben. Eine Schinkenpizza zum Aufbacken, festgehalten als das, was sie ist: ein Geschwür aus gelb und rosa. Man sieht diesen Produkten auf den ersten Blick ihre Nährstoffarmut an. Doch Schmidts Bilder skandalisieren nicht. Immer wieder gibt es meditative Einzelaufnahmen in Zentralperspektive, geschossen im Atelier. Die wächserne Schale der ruhenden Mango reflektiert das Studiolicht; es ist das Licht von Verwahrung, Zählung und Zurichtung. Der Ausschnitt eines Teils Geflügel, in Nahaufnahme von hinten, der Barcode platziert wie ein Arschgeweih, darunter: "Serviervorschlag".

Überquellende Schüsseln, drapierte Tierleiber, Genuss und Vergänglichkeit waren Themen der Barockmalerei. Doch Schmidts Blick ist alles andere als barock. Er pflegt einen Realismus, der sich fortwährend selbst problematisiert. Nie stellt sich eine inhaltliche Aussage vor die Motive, die so ganz von selbst die ihnen innewohnende Monströsität entfalten können: die Stapelung, die Zerteilung, die Verschickung, die Quetschung. Die grüne Tomate, der labbrige Toast. Das Buch schließt mit der Mülltüte, die den Rücken einer sich bückenden Arbeiterin gegen Regen schützt. Wo verlaufen die Grenzen des Materials: jenes, das gezogen wird, und jenes, das eingestellt ist, es zu ziehen?

Schmidts Bilder reflektieren aber die industrielle Fertigung, von der sie handeln, nicht nur inhaltlich, sondern auch formal, in fast filmischer Rhythmisierung der Bilder, durch Leerseiten und Wiederholungen, Beschleunigung und Bremsung, Verdichtung und Brechung. Schmidt begreift das Buch als sein eigentliches Medium, Ausstellungen sind Variationen. Aber gibt es einen Fotografen, der sich besser auf die Anordnung seiner Bilder im Raum versteht?

Grandios setzt Schmidt seine harten Schnitte in die winkelreichen Schlossräume des Museums Morsbroich. Ein Raum gilt allein dem Rund eines ruhenden Apfels. An einer Wand hängt nur ein Lauchfeld-Diptychon, das immer wieder als Rhythmuselement auftaucht. So spielt Schmidt mit der Fenster-zur-Welt-Funktion der Fotografie, schafft Wechsel von Einblick und Verweigerung und erinnert den Betrachter fortwährend an die eigene Blicktätigkeit. Immer enthalten Schmidts Bilder Fragen: Wo stehst Du? Schau genau hin, sagen sie. Willst du das wirklich essen?

Eine Kuh-mit-Kalb-Szene hat Schmidt zum Diptychon zerschnitten und gespiegelt: Rechts ragt der Rumpf hinaus, links der Kopf hinein. Mit solchen Brüchen eignet sich Schmidt lakonisch-komisch die prinzipielle Aufteilbarkeit aller Biomasse an. Sein herber Humor steht in der Tradition des Satirikers Jonathan Swift, er verfremdet nicht, überhöht nicht, erhebt sich auch nicht über den Gegenstand. Er überträgt schlicht die Entfremdungen, die er vorfindet und treibt dem Betrachter den Eskapismus der Warenwelt aus. Dabei behält er immer eine spielerische Freiheit, die er auch für Kalauer nutzt, wie die zwei zueinander gespiegelten Teddywurstgesichter, sardonische Schreckgespenste in blassrosa.

Die Effekte sind so stark, weil sie ein strenges System aufrecht erhalten. Alle Bilder hängen auf Augenhöhe hinter Glas, gerahmt durch schlichte Stahlleisten an Ober- und Unterkante. So gäbe es auch eigentlich nur die eine Wand im Obergeschoss zu kritisieren, die Schmidt von einer Ecke zur anderen ausfüllt, die Rahmen ohne Abstand zu einer Zeile gefügt wie ein großer Flachbildschirm. Die Steigerung der ohnehin verwandten Schnitttechnik ist eine offene Stelle, die die Dichte und Entschiedenheit der Ausstellung auf's Spiel setzt.

Fast übersehen lässt sich eine absolute Neuigkeit im Werk des 67-jährigen, so selbstverständlich ergibt sie sich aus Form und Sujet: die Farbe. Vierzig Jahre lang fotografierte Schmidt ausschließlich in schwarz-weiß. Und noch jetzt wirkt der dezente Farbeinsatz fast wie Tönungen von grau: grün und braun bei den zertretenen Lauchfeldern, gelb bei der Mango, blutrot beim Rumpsteak. In zellophanhafter Klarheit leuchten Michael Schmidts Lebensmittel-Bilder den agrarindustriellen Komplex aus.

Kein Text erklärt dabei dem Betrachter, wo er sich befindet. So lassen diese Bilder sich nicht abtun als Nachrichten aus der Fremde, sie rücken in ihrer Diskretion unheimlich nah: Denn da ist kein Stück Wurst, das dich nicht sieht. Du musst dein Leben ändern.

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für kunstkritik 2012