Renzo Martens

Katalog der 6. Berlin Biennale, 11. Juni 2010

Mit Episode 3: Enjoy Poverty (2008) rüttelt Renzo Martens an den Grundfesten des Selbstbilds der 'Ersten Welt'. Der Film sammelt Bilder hinter den bekannten Bildern des Elends im Kongo: einen Pressefotografen, der das Motiv eines Hungernden mit dem Ausruf „Fantastisch!“ kommentiert; einen Plantagenbesitzer, der in einer Galerie romantisierende Aufnahmen seiner unterernährten Arbeiter erwirbt. Die Produktion von Elendsbildern durch westliche Fotografen, so Martens' These, verdoppelt die Ausbeutung der Bevölkerung. Armut ist eine Ressource. Und wie im Fall der Goldminen im Ostkongo, die von westlichen Unternehmen unter dem Schutz von UN-Truppen ausgebeutet werden, sind die eigentlichen Besitzer von der Nutzung ausgeschlossen. Zum Beweis gibt Martens einheimischen Fotografen Nachhilfe im Fotografieren sterbender Kinder, um ihnen den Einstieg in den Bildermarkt zu ermöglichen – vergeblich, weil sie keine Fotoerlaubnis bekommen.

Die subjektive Erzählweise, in der sich der Künstler mit Handkamera selbst ins Bild rückt und neue Situationen provoziert, untergräbt die Abbildfunktion der Reportage. Mit dem Blick des Amateurs, der naivste Fragen stellt, trifft er ein selbsterhaltendes System an empfindlichen Stellen – um sich sogleich dessen Logik anzueignen. Die Kisten, die er von Packern durch den Urwald schleppen lässt wie Werner Herzogs Fitzcarraldo sein Schiff, enthalten statt Hilfsgütern eine Leuchtschrift: „Enjoy (please) Poverty“. Es habe keinen Sinn, auf Besserung zu warten, erklärt er ratlosen Dorfbewohnern. Indem er diese zu Akteuren einer Performance macht, deren Bilder nicht für sie bestimmt sind, wiederholt der Künstler die vorgeführte doppelte Ausbeutung noch einmal. Und schafft eine Parodie auf die Figuren des Helfers wie des Künstlers, die ausziehen um die Welt zum Besseren zu wenden und dabei nur ihr eigenes Stück zur Aufführung bringen.

Schon in Episode 1 (2003) brach Martens die Routinen westlicher Bildproduktion, als er Bewohnern tschetschenischer Flüchtlingslager von seinem Liebeskummer erzählte. Neben Joseph Conrads Klassiker Herz der Finsternis (1899) bezieht er sich auf die Tradition politischer Satire seit Jonathan Swifts „A Modest Proposal“ von 1729. Swift riet, Armenkinder als Nahrungsmittel zu nutzen, um angeblich durch Überbevölkerung verursachter Hungersnot beizukommen.

Indem Martens für die aufgezeigten Dilemmata keine Lösung sucht, sondern den Stachel noch tiefer in die Wunde treibt, wirft er den Betrachter auf dessen eigene Rolle zurück. So schafft er einen neuen Realismus: Statt Wirklichkeit abzubilden, wird sie praktisch durchgespielt, um die Bedingungen ihrer Konstruktion offen zu legen. Anders als Brechts Lehrstücke trennt Martens nicht zwischen sozialem Raum und Bühne. Er reißt die vierte Wand des Elendstheaters ein. Damit entlarvt er die humanistische Voraussetzung eines 'Außen', von dem aus sich Realität darstellen und Kritik üben ließe. Indem Europa die Realität im Kongo kontrolliert, schützt es vor allem seine eigene.

adkv - art cologne preis
für kunstkritik 2012