Olga Chernysheva

Katalog der 6. Berlin Biennale, 11. Juni 2010

Olga Chernyshevas Fotografien High Road #8 (2007) zeigen einen blinden Fleck im Wirtschaftsleben der russischen Hauptstadt: Wanderarbeiter aus Zentralasien, die sich auf Stunden- oder Tagesbasis vermieten. Ihre Dienstleistungen gehören zum Moskauer Alltag, doch ihre Präsenz stellt einen Schandfleck im Selbstbild der Stadt dar, ausgelagert jenseits des Autobahnrings. Ohne Papiere sind die Männer beliebiger Behandlung ausgesetzt, der Prototyp flexibler Arbeitskraft. „Sie scheinen die Heimaterde mit sich herumzutragen, wo immer sie hingehen“, schreibt die Künstlerin. „Vielleicht werden sie deshalb vom Boden angezogen. In jeder freien Minute hocken sie sich hin, nur um aufzuspringen und wie Vögel auseinanderzustieben, wenn eine Miliz sich nähert oder ein Auto stoppt. Dieses Gebiet gehört ihnen ganz, ein kleiner Flecken Erde auf der Schulter der Autobahn.“ Indem sie die Männer vom Fuß einer Böschung aus fotografiert, verkehrt Chernysheva deren übliche Position in der Blickhierarchie und erhebt sie zu Ikonen, in einer Bildkomposition nach Art konstruktivistischer Propagandaplakate.

Gesellschaft ist auch eine Frage der Verteilung von Aufmerksamkeit. Chernyshevas Fotografien, Zeichnungen, Installationen, Gemälde und Videos vermessen die Gegenwart in einer Topografie der Blicke und Sehnsüchte. „Ich möchte das Normale analysieren“, sagt Chernysheva. „Das Normale wird fast nicht wahrgenommen.“ In alltäglichen Situationen macht sie die Fragmentierung öffentlicher Räume durch Liberalisierung und Privatisierung sichtbar und die Vereinzelung in einer Gesellschaft „freier“ Konkurrenten, in der jeder seinen eigenen Film lebt, gezwungen auszublenden, was nicht persönlichen Zwecken dient. Zugleich findet Chernysheva in den Akteuren, denen ihre Kamera in empathischer Hingabe folgt, immer das Menschliche. Und das scheint oft gerade dann auf, wenn diese aus der Rolle fallen und neben sich stehen, in Gedanken woanders, wie die Demonstrantin in Marmot (1999), der Trinker in Anonymous. Part 2 (2004) oder die Wachleute in On Duty (2007). In solchen Momenten wirken ihre Protagonisten tatsächlich tief verbunden: im Sehnen nach Vergangenem und im Warten auf etwas, das noch nicht in Sicht ist.

Im Video Russian Museum (2003–2005) folgt die Künstlerin den Blicken von Museumsbesuchern, die sich in Landschaften und Bauernhütten des russischen Realismus spiegeln. Sehnsüchtige Gesichter gleiten durch Wohnstuben, Besuchergruppen laufen mit Wanderern durch den Schnee, ironisch untermalt von Entspannungsmusik. In der Berlin Biennale sind Chernyshevas gleichnamige Zeichnungen zu sehen, in denen sie die Projektionsflächen der Gemälde und die Blicke der Betrachter harmonisch überspitzt zu neuen Bildern vereint (2003). Kunst und Wirklichkeit kommen als sich gegenseitig bedingende Elementele einer Beziehung zu gleichem Recht. So wie die Besucher durch die Ausstellung, bewegt sich Chernysheva im öffentlichen Raum: mit Aufmerksamkeit für die kleinen Gesten, die übersehenen Details und die transitorischen Momente, in denen unverhofft das Allgemeine aufblitzt.

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für kunstkritik 2012