Ölbilder mit Aus-Funktion

Auf den Spuren eines neuen Meisters: Die Konzeptmalerei von Eberhard Havekost

Die Welt, 11. Dezember 2010

Schade, sagt Eberhard Havekost, dass es kein Kosmonaut war, der als erster den Fuß auf den Mond setzte, sondern ein Astronaut. Ein Kosmonaut hätte sich mit dem Rücken zur Erde gestellt und in den Weltraum geblickt, so wie Caspar David Friedrichs Figuren den Mond ansahen. Der Astronaut aber schaute ausgerechnet zurück nachhause und fand: Wie schön. „Das war das Ende der Romantik.“

Jetzt steht da schon wieder so eine Behauptung im Raum, fantastisch, schillernd und haarsträubend assoziativ, und im Gesicht des Malers blitzt schelmisches Abwarten, was das beim Gegenüber auslöst. Nicht dass er es nicht ernst meinte. Man muss seine rhetorischen Manöver als offene Angebote verstehen, das Gesagte selbst zu vervollständigen. Wie seine Gemälde.

Neulich, als Eberhard Havekost auf einer Party der Düsseldorfer Akademie auflegte, Ghetto House und Female Rap aus den Achtzigern, wurde einer seiner Studenten gefragt, in welcher Klasse der DJ sei. Das ist Eberhard Havekost, verriet der Student, mein Professor. „Mir wäre es lieber, er hätte gesagt: In der Havekost-Klasse.“

Havekost aus der Havekost-Klasse? „Ich studiere ja selbst mein Professorensein“, sagt der frisch berufene Meister. „Das Format 'Prof.' ist für mich ein völlig neues.“

So drückt er sich gerne aus, in diesen technischen Formeln, die klar stellen, dass alles in Systemen steht und nichts selbstverständlich ist.

In seiner Ausstellung im Dresdner Lipsiusbau hängen vier Ölgemälde des selben Flachbildfernsehers aus leicht variierten Blickwinkeln. Das digitale Bewegtbild, Altar der Jetztzeit? Das Ende der Malerei? So einfach ist es nicht. Havekost malt auch leere Leinwände. Immer auf Leinwand. Aber: „Es wird Zeit, dass in der Betrachtung des Ölbildes die Aus-Funktion mitgedacht wird.“

Zwei Ausstellungen sind gefüllt, eine große in Dresden und eine kleine in Berlin, beim Sammlerpaar Bastian. Da könnte man jetzt ein leeres Studio erwarten, hinter den langen Gängen und schweren Türen eines alten Fabrikgebäudes am Spreeufer. Stattdessen ergießt sich hier das Chaos einer Männerbude. Latten für Bilderrahmen liegen in Reihen an den Wänden und lehnen an der Mittelsäule, alte Schuhe stehen auf einem abgewrackten Verstärker wie eine Reminiszenz an die Stiefel Van Goghs, auf dem Boden stapeln sich alte Rap-CDs. Der Kaffee wird im Pappbecher von der Tankstelle mitgebracht.

Die Tage nach den Eröffnungen hat der Mann mit dem rasierten Schädel und der sanften Stimme genutzt, um nichts zu tun. „Ich bin U-Bahn gefahren, habe das aktive Nachdraußenschauen geübt, rumgesessen und darüber nachgedacht wie es weiter geht.“ Er zeigt sich auch regelrecht dankbar, wenn das Gespräch abschweift. Dann beschreibt er anhand von Hörbeispielen die Entwicklung des Ghetto House aus dem Miami Bass und dreht eher unwillig die Lautstärke runter, um zum Beispiel in vierzig Sekunden die Werkentwicklung Gerhard Richters zu erklären. Das tut er sachlich, distanziert. Nicht wegen mangelnden Respekts. So blickt Eberhard Havekost auch auf die eigene Arbeit.

Ausgerechnet das Ölgemälde eines Snipers machte den Dresdner Ende der Neunziger bekannt. So laut waren seine Bilder nie wieder. Es ist, als habe sich damals ein Schuss gelöst, der sich bis heute in immer feinere Echoschleifen auffächert. Es folgten verlassene Landschaften, Plattenbau-Fassaden, Raureif auf Autoscheiben, von Schneebrillen versiegelte Gesichter. Havekost malte von Fotos ab, die er am Computer bearbeitete, die Details geplättet, die Flächen sumpfig, die Farben grell, der Ausschnitt begrenzt. Formatierte Bilder, die der Betrachter mit eigenen Projektionen füllen konnte. „Benutzeroberflächen“, nannte Havekost sie.

Weil das alles so gut in die Zeit passte, ging die Rezeption dann schnell in Richtung Medienkritik, Reizüberflutung, Oberfläche, alle stumpfen ab, Ostdeutschland ist hässlich, die Welt löst sich auf.

Deshalb hörte Havekost irgendwann auf, Hausfassaden zu malen.

In Dresden sind nun eigentlich zwei Künstler zu sehen. Der Maler Havekost ist hier eher der Zuarbeiter. Vor ihn drängt sich, sichtbarer denn je: Havekost, der Konzeptkünstler.

Die Motive, alle aus den letzten vier Jahren, fügen sich zum Kuriositätenkabinett der reinen Oberflächen: Der Rumpf eines Pferdes. Ein gelbes Pixelgesicht. Spiderman vor einer grauen Wand. Rote Farbnebel. Palmenblätter und Raubtieraugen hinter schiefergrauen Schlieren. Baumstämme mit toxisch strahlender Rinde. Sind die einen Bilder hyperrealistisch wie Heimsuchungen aus der erbarmungslosen Klarheit des Traums, lösen sich andere in warmer Farbigkeit auf.

Eberhard Havekosts Malerei ist nicht verstanden, wenn sie allein als Illustration einer Virtualisierung der Welt gelesen wird. Sie erschließt sich weniger aus dem was sie tut als aus dem, was sie nicht tut.

Kein festes Sujet.

Keine Einfühlung.

Keine Kohärenz.

Havekost malt eine Serie diffuser rötlicher Flächen; und schließt sie ausgerechnet mit dem überklaren Gemälde der Fotografie einer Flugzeugdüse ab. Seine Kunst handelt weniger von Inhalten als von deren Rahmen. Und weniger von Dingen als von den Bedingungen ihrer Wahrnehmung.

Auf seine Weise ist Havekost akribischer Realist. Im 19. Jahrhundert malte auch Courbet schon nach Fotos. Doch bei Havekost bleiben die medialen Übersetzungsspuren erhalten. Streifen an den Bildrändern zeugen von unterliegenden Seiten oder vom Fußboden unter dem Tintenstrahlausdruck. Immer wieder leuchtet aus den Bildern eine Blitzlichtreflektion, wie ein lockendes Versprechen. Doch die Überbelichtung macht den fotografierten Gegenstand unkenntlich, und was aus dem Bild zurück blickt, sind die Spuren der eigenen Erkenntnisinstrumente.

„Retina“ heißt eine abstrakte Serie, die schon Anfang des Jahres in der Frankfurter Schirn hing. Ja: Die Gemälde gleichen Nachbildern auf der Netzhaut. Nur: Man schließt die Augen, dreht sich weg, und sie sind immer noch da. Das flüchtige Antlitz der Benutzeroberflächen ist festgehalten und in die Gravität eines Ölbildes gebannt. Havekost holt die mediatisierte Wirklichkeit zurück in einen Körper, und daraus schaut sie einen an: Ich bin kein Phantom, man kann mich nicht wegklicken, ich bin gekommen um zu bleiben. Die Bilder gewinnen ihre Spannung aus der paradoxen wechselseitigen Bestätigung von Flüchtigkeit und Dauer, von Absicht und Zufall.

Havekost schafft ein nach allen Richtungen offenes System: Erst im Zusammenspiel entsteht die Wirkung, im gegenseitigen Überlagern und Infragestellen. Und es ist gerade der klar abgesteckte Rahmen des Tafelbildes, der diese Strategien der Streuung, Störung und Verunsicherung erlaubt. „Ich bin froh dass ich nur monomedial gearbeitet habe“, sagt Havekost, und das klingt, als sei das mit der Malerei eher so passiert. Tatsächlich macht dem Maler das Malen selbst keinen großen Spaß. Spaß macht der Rahmenbau. Malen dagegen ist „intim, öde, chemisch, diszipliniert. Danach springe ich sofort auf die Betrachterebene.“

„Ausstellung“ heißt die Dresdner Ausstellung. Havekost hat sie selbst kuratiert. Und mit dem Titel das ganze Format Ausstellung mit ausgestellt. Eine Ausstellung, sagt Havekost nüchtern, das sei „ein Rahmen um Informationen dranzukriegen.“ Mehr nicht? Schmunzeln: „Es geht natürlich auch um Sinnlichkeit.“ Er spricht vom „Übersetzen des eigenen Körpergefühls auf die Leinwand“. Doch ist klar: Seine Arbeit entwickelt sich weniger aus inneren Bedürfnissen als aus der Kommunikationssituation mit dem Publikum.

„Ich versuche meine Intimität zurückzuhalten“, sagt Havekost, „und dem Betrachter Raum zu geben, einen gemeinsamen imaginären Raum.“ Es ginge sicher zu weit diesen Raum mit dem kollektiven Raum der Tanzfläche zu vergleichen. Doch der Rhythmus zwischen diesen Bildern erschließt sich besser, lauscht man wie Havekost der Möbiusschleifen-Musik, die in den Neunzigern aus der Umlaufbahn des Warp-Labels drang: die Grenzen zwischen Natürlichkeit und Künstlichkeit aufgelöst, Zeit und Raum gedehnt wie gerinnendes Quecksilber. „Malerei ist ein Rhythmusangebot“, sagt Havekost, „wie Acid, House und Techno.“

Allerdings sei Kunst der Musik immer fünf Jahre hinterher.

Auch als Lehrer nimmt Havekost sich zurück: Seine ersten acht Studenten wählte er nach möglichst vielfältigen Herkünften, Geschlechtern und Hintergründen, um einen reichen Diskurs zu stiften. „Ich will keine Havekost-Schule.“ Nachdem Markus Lüpertz hier 21 Jahre auf dem Meisterthron saß und keinen erfolgreichen Jungmaler neben sich zuließ, klingt das doch ziemlich vielversprechend. Der Name Havekost steht für eine Abrüstung, was die Mystifizierung von Malerei angeht, und überhaupt von Kunst und Künstler. „Ich kann da keinen Unterschied machen“, sagt er, „ich betrachte alles gleich, Video, Auto, Malerei, Frauenhaare.“

Schwer zu sagen, wo die auf kleinen Leinwänden abgestrichenen Farbkleckse hinführen, die Havekost in der Galerie Bastian zwischen flächige und gegenständliche Bilder mischt. Lustig sind sie schon mal. Havekost speist schmutzige Störgeräusche in sein sich ständig wandelndes Rhythmusgeflecht. Und arbeitet weiter an der Befreiung des Tafelbildes aus der Identität mit sich selbst.

So erklärt sich auch das Rätsel vom Kosmonauten: Der Astronaut, das ist der kantisch geprägte Westen, der noch am Wesen der Dinge fest hält. Der Kosmonaut, das ist der Osten, das ist Hegel, der die Widersprüche akzeptiert, die einen in ewiger Bewegung halten. Das ist Eberhard Havekost.

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für kunstkritik 2012