Nir Evron

Katalog der 6. Berlin Biennale, 11. Juni 2010

Pixel sind neutral. Pixel haben keine Gefühle. Keine Aggressionen. Keine politischen Ambitionen. Pixel haben nur eine Farbe und eine Position im Gesamtgefüge.

Nir Evrons Video Echo beginnt abstrakt. Quadratische Farbflächen schieben sich wie in Zeitlupe durch das Bild, begleitet von langsam sich entspinnenden Gitarrenmotiven über immer gleichen Vierviertelnoten. Eine Meditation über Farbigkeit. Allmählich verwandeln sich die Flächen in Pixel, werden kleiner, bunter, zahlreicher, lösen sich in Schemen auf, und man begreift sich als Beiwohner eines extrem langsamen Auswärtszooms. Ein Redner auf einer politischen Kundgebung. Blaulicht. Polizisten, die eine wütende Menge zurückdrängen. Eine Demonstration. Doch zu hören sind nur die friedlich vor sich hin mäandernden Gitarren von Uzi Feinerman, deren Klangwellen von den immer wiederkehrenden Pixeln nachgemalt werden. Als wären wir Bewohner eines Schutzraums reiner Ästhetik, die nur einen kurzen Blick in politische Realitäten werfen, dämmernd, zwischen zwei Träumen.

Nir Evron nutzt gerne die Tonspur, um Bildern weitere Bedeutungsschichten zu unterlegen oder unsichtbar eingeschlossene Erinnerungen zu öffnen. One Forest (2005) zeigt den Bia?owie?a-Nationalpark auf der Grenze zwischen Polen und Weißrussland, einen der letzten Urwälder Europas, der im Zweiten Weltkrieg zum Massengrab wurde. Es sind ruhige, friedliche Einstellungen. Doch die hinzugefügten Geräusche rühren an tiefe Ängste wie der Soundtrack eines Horrorfilms.

Die Szenen in Echo stammen aus dem Jahr 1985 und zeigen die Proteste gegen die Schließung der Textilfabrik ATA im nordisraelischen Haifa. Sie war in der Aufbruchszeit der 1930er Jahre gegründet worden und stand als Hersteller von Arbeiter- und Soldatenuniformen und Kleidung für Kibuzze als Symbol für Gemeinschaft und wirtschaftliche Unabhängigkeit. Unter dem Druck günstiger Textilimporte aus dem Fernen Osten verloren 3000 Menschen ihre Arbeitsplätze. Ein nationales Trauma, wie der Künstler sagt, und der Anfang vom Ende des Wohlfahrtsstaats durch den Einzug von Globalisierung und Privatisierung. Heute steht auf dem Gelände ein großes Einkaufszentrum.

So sind die langsam tanzenden Farbflächen eine liebevolle Reminiszenz an das Textilgewerbe, das Flächen aus Rastern strickt wie Pixel Bildschirmbilder, und dazu eine Reflexion über Medientechnik: Das Material gehört zu den letzten Aufnahmen, bevor der Staatssender Channel 1, damals der einzige Fernsehkanal, von 16-Millimeter-Film auf Video umstellte. Im traumgleichen Weben und Auftrennen der Bilder und ihrer narrativen Muster öffnet der Künstler assoziative Freiräume im Netz kollektiver Erinnerungen und stellt die Frage nach deren Repräsentation – sowie der Repräsentation gesellschaftlicher Räume. Auch die Demonstration als Form politischer Willensäußerung, die letztlich vergeblich war, mutet hier an wie aus einer fernen Zeit, bevor sich gesellschaftliche Großentwürfe auflösten in viele kleine Pixel.

adkv - art cologne preis
für kunstkritik 2012