Nilbar Güres

Nilbar Güres: Who is the Subject?, OSMOS Books New York, 01. September 2013
Katalog der 6. Berlin Biennale, 11. Juni 2010

Nilbar Güres sagt den herrschenden Geschlechterverhältnissen mit spielerischen Mitteln den Kampf an. Ihre Waffen reichen von der Nähnadel bis zum Boxhandschuh. Mit Zeichnungen, Collagen, Performances, Videos und Fotografien überspitzt sie Normen der Mehrheitsgesellschaft und stellt ihnen hybride Inszenierungen weiblicher Identität entgegen. Damit fordert sie sowohl die Renaissance traditioneller Rollenbilder in der Türkei heraus als auch die westliche Angst vor islamisch konnotierten Symbolen, wie sie die Künstlerin zunehmend von fremdenfeindlichen Parteien instrumentalisiert sieht.

Der Name Güres bedeutet „Ringkämpferin“, und im Ringeranzug zeigte sie sich am Tag, als Mahmud Ahmadinedschad Istanbul besuchte, im Geschäftsviertel Besiktas. Die amüsierten bis irritierten Reaktionen der Passanten wurden Teil der Arbeit. Ein anderes Mal trat Güres in Hochzeitskleid und Boxhelm vor einem Brautmodeladen auf, streifte mit Unterstützung des Publikums das Kleid ab und lief in Boxershorts durch die Stadt. Die Übertretung von Regimes der Sichtbarkeit im öffentlichen Raum macht diese selbst sichtbar und diskutierbar.

Güres’ Collagen aus Zeichnungen und Textilien nutzen die üblicherweise der Frau zugeschriebene Domäne der Handarbeit. Motive und Symbole aus der orientalischen Bildtradition sind mit modernen Posen und (homo-)erotischen Szenen gekreuzt – eine Erweiterung von Inszenierungsspielräumen per Stift und Nadel, die Identität als offen und frei gestaltbar zeigt (Unbekannte Sportarten, 2008–2009). In einer Turnhalle stellte Güres die Motive in Performances nach, ließ Frauen auf Kochtöpfen balancieren und Schönheitsrituale artistisch überspitzen. Der Sport als männlich dominiertes Feld, in dem gesellschaftliche Vorstellungen von Erfolg und Anerkennung mittels Körpern ausgetragen werden, diente als Vorlage für die Heroisierung weiblicher Erfahrungen in patriarchalen Strukturen. Die Foto-Triptychen sind Souveränitätsbeweise, die in der Übertreibung von Klischees zynisch gebrochen sind.

Die für die Berlin Biennale produzierten Fotografien Çirçir (2010) entstanden im früheren Haus von Güres' Verwandtschaft am Rande Istanbuls. Als patriarchal geprägter Ort bildete es einen Mikrokosmos gesellschaftlicher Strukturen. Bald soll es einem Tunnelbau weichen. Urbanisierung wirkt hier ambivalent: Waren die Wohnungen zuvor unter den Söhnen aufgeteilt, sorgte die paritätische Auszahlung dafür, dass sich die Töchter von der Familie emanzipieren konnten.

Mit Frauen verschiedenster kultureller Hintergründe, sexueller Orientierungen und Bildungsniveaus unternahm Güres eine temporäre Besetzung der früheren Männerdomäne. In gemeinsamen Spiel vor der Kamera gelang eine präzise Vermessung identitärer Spielräume, Vorstellungen vom Eigenen und Fremden sowie kultureller Prägungen von Bildern. Die Fotografien zeugen von Respekt und Vertrauen und setzen ein starkes Beispiel von Solidarität vor dem Hintergrund tiefgreifender gesellschaftlicher Veränderungen.

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für kunstkritik 2012