Mark Boulos

Katalog der 6. Berlin Biennale, 11. Juni 2010

In nüchternen Videos mit hypnotischer Wirkung zeigt Mark Boulos Wirklichkeit als Produkt von Glauben. Ohne vermittelnde Instanz vertraut sich seine Kamera den Erzählungen seiner Protagonisten an, bis zwischen Mythologie und Geschichte nicht mehr zu trennen ist. Damit untergräbt er jede Idee einer universellen Weltbeschreibung und eröffnet einen globalen Blick, der schwindeln lässt.

All That Is Solid Melts Into Air (ein Zitat aus dem Kommunistischen Manifest) von 2008 nähert sich von zwei entgegengesetzen Seiten der Kernressource der Weltwirtschaft, dem Erdöl: Eine Leinwand zeigt Börsenhändler im Chicago Mercantile Exchange, dem weltweit größten Martkplatz für Termingeschäfte, dessen Handelsbewegungen ganze Volkswirtschaften beeinflussen können. Nebenan sind Ölförderanlagen der Royal Dutch Shell im Nigerdelta zu sehen, gesichert durch Stacheldraht. In benachbarten Fischerdörfern sucht Boulos Menschen aus der Bevölkerung auf. Die Ausbeutung der Ölquellen durch westliche Firmen beraubt sie nicht nur ihrer Bodenschätze, sondern durch die zunehmende Verschmutzung der Fischgründe auch ihrer unmittelbaren Lebensgrundlage. Seit die nigerianische Regierung 1998 mit Gewalt gegen friedliche Proteste vorging, verfolgt das Movement for the Emancipation of the Niger Delta (MEND) mit Entführungen ausländischer Ölarbeiter und Überfälle auf Pipelines seine Ansprüche. „Wir haben den Krieg ausgerufen gegen alles Weiße“, erklären sie dem Publikum am anderen Ende der Welt. Mit Tänzen und Gesängen beschwören sie ihre Geister, die sie unverwundbar machen. Legen Fernsehdokumentationen die Bevölkerung gerne auf die Opferrolle fest, so zeigt Boulos sie in Momenten der Stärke. Währenddessen geraten die beschwörenden Kaufanweisungen der Börsenhändler, ihre zuckenden Handzeichen, ihre gehetzten Blicke, ihr Haareraufen zu einer abstrakten Choreografie, einem geheimnisvollen Ritual mit entrücktem Sinn. Die Aufnahmen entstanden zufällig an dem Tag, als der Zusammenbruch der Investmentbank Bear Stearns die Kreditkrise einläutete.

Mit dem Medium der Zweikanal-Projektion gelingt dem Künstler die Durchleuchtung dessen, was Karl Marx den Warenfetisch nennt: die Illusion, die Eigenschaften einer Ware – hier das abstrakte Finanzprodukt – bestünden unabhängig von der investierten Arbeit und deren materiellen Umständen. Die beiden Filme rücken zusammen, was tausende Kilometer auseinanderliegt, aber direkt voneinander abhängt: die Ausbeutung von Bodenschätzen und Bevölkerung und die virtualisierten, von ihren Wirkungen isolierten Transaktionen der Finanzindustrie. Wer sitzt hier Täuschungen auf? Der Bewohner des Nigerdeltas, der glaubt, durch den Schutz des Geistes Egbisu unverwundbar zu sein? Oder der Börsenhändler, der mit Werten handelt, die es noch nicht einmal gibt? Beide spekulieren gleichermaßen auf die Zukunft. Beide handeln rational, auf Basis ihrer Erfahrung. Am Ende stellt sich nur die Frage, wer die stärkeren Waffen hat.

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für kunstkritik 2012