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Durchwachsen: Die Dreier-Ausstellung „Über die Metapher des Wachstums“ in Hannover, Frankfurt am Main und Baselland

Der Tagesspiegel, 12. Juni 2011

Von den "Grenzen des Wachstums" weiß man ja seit der Studie des Club of Rome von 1972. Niemand ist überrascht, wenn etwa in Fukushima das Meer ans Nervengeflecht der technologischen Zivilisation rührt. Solche Unfälle erschrecken eher, weil sie uns an etwas erinnern, was wir wissen: dass wir schon lange über den Rand gegangen sind und in der Luft schweben wie Comicfiguren vor dem Fall. Noch das Bild eines sich nackt auf ein Zimmermädchen stürzenden Währungsfond-Direktors lässt sich als Übersprungshandlung eines Systems lesen, das über dem Wissen um die eigene Gefährlichkeit den Kopf verliert.

Ein Gemeinschaftsprojekt dreier Kunstvereine bringt etwas Ruhe ins Thema. Es macht einen Schritt zurück, schon mit seinem umständlichen Titel: "Über die Metapher des Wachstums". Der Kunstverein Hannover, das Kunsthaus Baselland und der Frankfurter Kunstverein haben gemeinsam Künstler ausgewählt, die sich mit Wachstumsprozessen befassen. Aus deren Arbeiten hat jedes Haus eine Ausstellung gebaut. Die Hannoveraner eröffneten zuerst.

Der optimistische Fortschrittsglaube, mit dem noch vor sechzig Jahren die Möglichkeiten der Technik gefeiert wurden, spiegelt sich auf bezaubernde Weise in den Zeichnungen von Karl Hans Janke, der ein "Weltall-Kugel-Projekt" entwarf, eine "Atom-Lok" oder eine "beheizbare Kondens-Positrode des Impuls-Strahl-Triebwerks". Der 1988 gestorbene Künstler, dessen obsessive Arbeiten wie Kinderfantasien wirken, ist eine spannende Setzung von Kurator René Zechlin: Janke schuf seine Werke in der Psychiatrie, wo er 40 Jahre seines Lebens verbrachte.

Der Künstler ein Irrer? Was heißt das schon: Julika Rudelius will festgestellt haben, dass das Verhalten von Geschäftsleuten den Krankheitsbildern von Psychopathen entspricht. In ihrer Videoinstallation "Economic Primacy" lässt sie Unternehmer im Interview Symptome wie mangelnde Empathie und manipulative Sprache enthüllen. Nun hat allerdings auch Rudelius' Zweikanal-Projektion etwas sehr zweckorientiertes, in jedem Moment ist klar, was sie uns zeigen will.

Das Verhalten weiter Teile der Ersten Welt gleicht heute dem eines Süchtigen, der, weil er an Heilung nicht mehr glaubt, sich am Untergang weidet. Das ist eine Schwierigkeit für das Ausstellungsprojekt. Denn das wendet sich an die Nüchternen. Es versucht sich an der Aufdeckung falschen Bewusstseins. Drei Katalogtexte, einer von Wachstumskritiker Hans Christoph Binswanger, sagen auf unterschiedliche Weise das Gleiche: Die Rede vom Wachstum in Bezug auf Wirtschaft wirkt verblendend, sie konnotiert etwas als natürlich und wünschenswert, was Produkt sozialer Praxis ist und damit steuerbar. Gut! Aber niemand fragt, warum wir wider besseren Wissens in der "Wachstumsspirale" (Binswanger) verharren, niemand erklärt uns die Lust an der Verschwendung und die Optimierungsobsessionen von Körper und Persönlichkeit. Kann eine Kunstausstellung, vor einen schon so fertig gepackten Karren gespannt, Wirkung entfalten?

Manche Arbeiten sind Wachstumsallegorien, wie Michel Blazys Müllcontainer, die unentwegt Schaum spucken (beim Besuch waren sie ausgefallen); oder Mika Rottenbergs Video einer absurden Fabrik, in der an Urmütter erinnernde Arbeiterinnen räumlich isoliert an Teigmassen ziehen und kneten, unerschöpflich wie der Grimmsche Brei. Unter einer Beleuchtung wie im Naturkundemuseum wuchern im Raum von Steiner/Lenzlinger pinkene Kristalle über einen verlassenen Konferenztisch, dessen aus verschiedenen Zeiten stammende Geräte allzu absichtsvoll drapiert wirken.

Die stärksten Arbeiten in Hannover sind jene, die dem Thema am wenigsten offen zuspielen. Rachel Sussmann macht mit Wissenschaftlern auf der ganzen Welt die ältesten Lebensformen ausfinding. Die Flechten und Elefantenbäume auf ihren Fotos sind autonome Urmeter, von denen aus sich Zeit und Raum auf einmal anders anfühlen. Sie teilen sich den Raum mit drei gewaltigen Stahlgewöllen, die wirken wie vor langer Zeit vom Himmel gefallene Wrackteile fremder Lebensformen. Peter Buggenhout komponiert seine Skulpturen aus Schutt, Staub, Gips, Harz und Eingeweiden mit größter Hingabe und Präzision - umgekehrte Verfallsprozesse, ins Erhabene gewendet. Sie machen betroffen, weil sie dem Betrachter zu verstehen geben, dass sie sich selbst genügen und ihn spüren lassen, dass er es nicht tut. Wären sie nicht auf dem Seziertisch von Sockel und Glas platziert, wäre der Effekt noch stärker. Auch Tue Greenforts Quallen, die das Thema der Überfischung vor Murano in mundgeblasenes Muranoglas übersetzen, bleiben in der sparsamen Installation Behauptung.

Es schlummert unter dem Wachstumsthema ein spannenderes: Die wachsende Tendenz, Beuys' soziale Skulptur weiter zu denken und in tatsächliche Stoffkreisläufe einzugreifen. Misst man die Arbeiten an dieser Möglichkeit, dann ist San Keller originell, der seinen täglichen Kontostand ausstellt. Dann ist Dirk Fleischmann interessant, der mit einem realen Aufforstungsprojekt in Indonesien den Emissionshandel thematisiert. Dann ärgert Armin Chodzinski, der seine Tätigkeiten in der Wirtschaft in unverbindlicher Guerilla-Körperkunst und albernen Tanzvideos thematisiert. Dann ist die Biogasanlage, die die Künstlergruppe Superflex einst baute, toll; ihr in Hannover gezeigter Film, der in einer nachgebauten McDonald's-Filiale das Wasser steigen lässt, dagegen dämlich. Aber auch im alternativen Raum der Kunstvereine herrschen eben Innovations- und Spekulationszwänge.

Gerade weil das Wachstum der Industriegesellschaften seine Preise fordert, überrascht die eurozentristische Sicht des Projekts. Während sich auf der Nordhalbkugel emanzipatorische Hoffnungen auf Entschleunigung und "gutes Leben" richten, wäre anderen Regionen durchaus mehr Wachstum zu wünschen. Aber Theoretiker reisen halt weniger als Künstler. Einer einzelnen formstrengen Arbeit kann es gelingen, Perspektiven zu verkehren: Mark Boulos' Installation "All that is solid melts into air" war bei der letzten Berlin Biennale zentral und ist jetzt im Kunsthaus Baselland zu sehen. Sie kontrastiert Händler auf der Chicagoer Terminbörse mit den schamanistischen Ritualen von Kämpfern, die sich im Niger-Delta gegen die Vernichtung ihrer Lebensgrundlagen durch den Shell-Konzern zur Wehr setzen. Hier stehen sich nicht nur zwei Ökonomien gegenüber, sondern zwei Glaubenssysteme. Keines ist natürlich; und keines muss bleiben.

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für kunstkritik 2012