Entartete Kunst lebt!

Europa wird überwältigt sein: Die israelische Künstlerin Yael Bartana fordert die Rückkehr von 3,3 Millionen Juden nach Polen

Die Welt, 06. Januar 2012

"Juden!" Ein junger Redner schickt ernste Blicke durch eine Hornbrille ins Rund eines Warschauer Stadions. "Landsleute! Volk! Als Ihr gegangen wart, waren wir insgeheim froh. Wir sagten uns: Endlich sind wir alleine zuhause. Die Polen in Polen, und niemand, der uns stört."

Die Worte hallen von leeren Tribünen wider, auf denen Gräser wachsen, Metapher für ein gealtertes, obdachloses Europa. Nur ein paar Pfadfinder sprühen weiße Buchstaben auf den Rasen: "3,3 Millionen Juden können das Leben von 40 Millionen Polen verändern." Währenddessen verkündet der Redner eine ungeheure Forderung: die Übersiedlung von 3,3 Millionen Juden nach Polen – so viele wie vor dem Holocaust dort lebten. "Heilt unsere Wunden, und Ihr werdet Eure heilen", ruft er, "und Europa wird überwältigt sein."

Europa, 2011: In Frankreich tritt ein Burkaverbot in Kraft. In Ungarn bedrohen selbsternannte Bürgerwehren ungehindert Sinti und Roma. In Norwegen tötet ein rechtsradikaler Amokläufer 77 Menschen. In Deutschland stehen Geheimdienste im Verdacht, jahrelang Morde durch Neonazis gedeckt zu haben.

Für dieses Europa muss die Konfrontation mit der historischen Schuld im Versprechen einer jüdischen Rückkehr wie eine Drohung klingen. Dabei hält der Film der Künstlerin Yael Bartana, der dieses Versprechen inszeniert, einen bestechenden Gedanken bereit: Europa braucht den Fremden, ja, es vermisst ihn mindestens so sehr wie es ihn fürchtet. "Mit einer Sprache können wir nicht sprechen", erklärt der Redner. "Mit einer Kultur können wir nicht fühlen. Ohne Euch können wir uns nicht einmal erinnern."

Der Film "Mary Koszmary" (Träume Albträume) von 2008 ist der erste Teil einer Trilogie, die vergangenen Sommer auf der Venedig-Biennale zum Abschluss kam. Als erste nichtpolnische Künstlerin gestaltete die Israelin Yael Bartana den polnischen Pavillon, von dem viele sagten, es sei der beste der eben zuende gegangenen Biennale. Die Trilogie ist tatsächlich eines der beeindruckendsten Kunstprojekte der letzten Jahre – ein hybrides Szenario, das die Grenzen zwischen Fiktion und Realität auf's Spiel setzt und die zwischen Kunst und Politik.

Bartana hat nicht nur eine Geschichte erfunden, sondern eine politische Bewegung: das "Jewish Renaissance Movement in Poland (JRMiP)". Sein Wappen: ein polnischer Adler vor einem Davidstern. Seine Musik: die polnische Nationalhymne und die israelische, letztere rückwärts gespielt. Wenn am Ende von "Mary Koszmary" Agitator und Pfadfinder lachend und fahnenschwenkend in Sepia hinter der Kamera herschreiten, beschwört der Film nicht nur die Geister der Vertriebenen, sondern auch die Propagandaästhetik Leni Riefenstahls, sozialistischen Kinos sowie zionistischer Filme aus den Dreißigern. In bester Satire zwingt Bartana zusammen, was aus Abgrenzung entstand, und beharrt auf dem utopischen Potenzial der Kunst; wodurch eine komische Distanz zur Wirklichkeit entsteht, die den Betrachter in emotionale Haftung nimmt und den Unterdruck der europäischen Gegenwart spüren lässt.

Viele halten Bartanas Filme, die die Gründung der Bewegung beschreiben, die Errichtung von Kibbuzim im früheren Warschauer Ghetto und zuletzt die Ermordung des Gründers, für eine Dokumentation. Und wenn auch die Bewegung tatsächlich als Kunstwerk entstand, heißt das noch nicht, dass sie nicht politisch wäre: Der Gründer wird vom polnischen Intellektuellen S?awomir Sierakowski gespielt, und seine Grabreden halten Personen des öffentlichen Lebens in Polen und Israel. In Ausstellungen hängen Manifeste aus, Mitgliedskarten liegen zum Ausfüllen bereit. Im Rahmen der 7. Berlin Biennale lädt Bartana zu "Workshops zur nationalen Identität". Und im kommenden Frühling ruft sie zu einem Kongress der "Bewegung" nach Berlin.

Und dann wohnt sie ausgerechnet in einer Hochburg des Privatismus, dem Kollwitzkiez im Prenzlauer Berg. Warum hier? "Weil ich eine Deutsche geheiratet habe." Ein Treffen im Café November, Bartana hat diese Mischung aus Herzlichkeit und Herausforderung im Blick, wie man ihr im streitfreudigen Israel oft begegnet. Sie wirkt ausgeruht, gerade ist sie Mutter geworden, ihre Frau hat ein Kind geboren. In Deutschland hätte sie ihre Filme nicht drehen können, sagt Yael Bartana. Schließlich erlebt Berlin zur Zeit tatsächlich eine kleine jüdische Rückkehr: 10 000 Israelis sollen hier vorübergehend oder auf Dauer leben, darunter viele Musiker und Künstler. Es sind die Enkel der Opfergeneration, die sich in dieser exterritorialen Stadt Freiräume versprechen, die sie zuhause vermissen – und Begegnungen mit der Geschichte. "Israel wollte mit dem Neuen Juden die Vergangenheit löschen", sagt Bartana. Von Polen lernen viele Israelis nur Auschwitz kennen, auf Exkursionen der Armee, die der Stärkung von Zusammenhalt und Kampfgeist dienen. "Dabei ist Polen ein Teil von Israel. Und Israel ein Teil von Polen."

Auch Bartanas Familie stammt aus Polen. Ein Großvater emigrierte in den Zwanzigern als Zionist nach Israel. Aus ihren eigenen Reisen durch einst jüdisch geprägte Gegenden entstand die Idee zur Trilogie, die einen riesigen Schritt in der Werkentwicklung markiert: von manipulierter Dokumentation zu aufwändiger Inszenierung im Öffentlichen Raum. Im letzten Teil erzählt die Kinderbuchautorin Alona Frankel auf der Trauerzeremonie von ihrer Vertreibung aus Polen nach dem Krieg und fordert ihren polnischen Pass zurück; der Journalist und Schauspieler Yaron London beharrt, "dass Israel und seine Armee die einzige Garantie sind gegen einen weiteren Holocaust". Beide agieren zugleich in der Fiktion wie in der Realität – und es klingen Erzählungen von Juden wider, die dieser Tage emigrieren, weil sie sich in Norwegen oder Schweden nicht mehr sicher fühlen.

"Ich habe mich immer für Propaganda interessiert", sagt Bartana. "Für die Manipulation von Bildern und die Mechanismen und Rituale, die Identität konstruieren." Auf der Documenta 12 zeigte ihre Installation "Summer Camp" den Wiederaufbau eines palästinensischen Hauses, das von den israelischen Behörden abgerissen worden war. Bildsprache und Musik zitierten alte zionistische Filme mit verkehrten Rollen: die patroullierenden israelischen Soldaten als die Bösen, die Palästinenser und internationalen Aktivisten als die Guten.

Interessanterweise hört man auch von kritisch denkenden Israelis auf Bartanas Arbeiten eher skeptische Reaktionen: Sie würden der Komplexität ihrer Themen nicht gerecht; seien Kunst für den europäischen Mainstream, mit der Kuratoren ihren Ausstellungen den Anstrich des Anständigen und Politischen geben können. Und es schwingt der Zusatz mit: auf dem Rücken derer, die vor Ort täglich mit den adressierten Problemen leben müssen.

Das spricht ja aber noch nicht gegen Bartanas Arbeiten. Sie sind vielleicht nur für Israel weniger nützlich als für Europa, wo Bartana letztes Jahr den renommierten Kunstpreis Artes Mundi bekam. Im Berliner Martin-Gropius-Bau ist zur Zeit in der Ausstellung "Tür an Tür" mit polnischer und deutscher Kunst der letzten tausend Jahre eine Acht-Millimeter-Projektion Bartanas zu sehen, in der die im Dritten Reich zerstörten "Kriegskrüppel" von Otto Dix als Zeichentrickarmee wieder auferstehen. Titel: "Entartete Kunst lebt".

Mit kleinen konzeptuellen Gesten interveniert Bartana in bestehenden Bildern und Narrativen – etwa mit der unerhörten Idee der rückwärts gespielten Hymne Hatikvah, die die Geschichte des Zionismus symbolisch umkehrt. Oder weiterdenkt. Ein zur Biennale erschienenes "Kochbuch für die politische Vorstellungskraft" mit lesenswerten Essays von Künstlern und Theoretikern eröffnet mit der freundlichen Vereinnahmung eines Satzes, den Theodor Herzl zu Freud gesagt haben soll: "I have a dream."

Herzls Vorschlag, den Judenstaat ohne Gottes Hilfe zu errichten, entstand in einer Zeit der Nationalismen. Bartana gehört dagegen zu einer Generation, die in der Globalisierung sozialisiert ist und sich die Grenzen für Menschen so offen wünscht wie sie es für Geld und Waren sind. Die Utopie, um die es hier geht, endet nicht in Polen. Sie zielt auf die Überwindung hinfälliger Festschreibungen durch Rasse, Religion, Geschlecht und Nationalität, die über den ganzen Lauf der Geschichte zur Erfindung und Unterdrückung von Minderheiten führen. Und am Beispiel welcher Minderheit ließe sich diese Utopie für Europäer plausibler ausbuchstabieren als an der jüdischen.

"Wer wenn nicht wir?", fragt der Redner in "Mary Koszmary". "Wann wenn nicht jetzt? Kehrt zurück, und Ihr wie auch wir werden endlich aufhören, das auserwählte Volk zu sein."

Zu ihrem Kongress wünscht sich Yael Bartana die Teilnahme von Vertretern verschiedenster Diasporas: Türken, Kurden, Armenier, Vietnamesen. Sie beginnt mit einer künstlerischen Idee im fiktionalen Raum und erprobt, wie weit diese in die Realität hinein trägt. Im Sinne eines Gedankens, den der Künstler Avi Pitcheon in ihrem Buch äußert und der angesichts in die Defensive gedrängter Entscheidungsorgane einigen Charme hat: Wenn Politik selbst eine Frage ästhetischer Inszenierung geworden ist und den Zwängen der Celebrity-Kultur unterliegt, dann ist es der Kunst überlassen, noch nach Werten und Bedeutung zu suchen, nach Verständnis und Veränderung.

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für kunstkritik 2012