„Der Westen ist eine Fiktion“

Okwui Enwezor ist seit dem Herbst 2011 Direktor des Münchner "Hauses der Kunst". Das 1936 erbaute Museum an der Prinzregentenstraße war ein Prestigeobjekt nationalsozialistischer Kunstpolitik. Seit der Nachkriegszeit ist es einer der wichtigsten Ausstellungsorte für zeitgenössische Kunst in Deutschland.

Die Welt, 18. Januar 2012

Herr Enwezor, Sie haben 2002 die Documenta 11 kuratiert. Würden Sie es wieder tun?
Oh ja. Unbedingt. Ich habe damals hart mit mir gerungen, ob ich kandidieren sollte. Dabei war die Kunstwelt damals sehr verschieden von der heutigen. Wenn Sie mich fragen, wird die Organisation einer Documenta schwieriger und schwieriger.

Warum?
Die Bezugsrahmen sind komplett andere, die Kunstwelt ist viel globaler, es gibt mehr widerstreitende Dynamiken. Ich bin sicher, dass Carolyn Christov-Bakargiev eine sehr scharfe, analytische und unterhaltsame Ausstellung schaffen wird. Aber ich wüsste nicht, was ich tun sollte, würden Sie mich heute bitten, die Documenta zu machen. Das ist etwas, das man nur einmal im Leben tut.

Die Erwartungen sind riesig, vor wie nach der Ausstellung. Kann die Documenta ein Fluch sein?
Ja. Als ich damals anfing, dachte ich: Niemand überlebt die Documenta. Aber ich habe vor, sie zu überleben! Es erschöpft einen. Es zehrt einen aus. Man gibt so viel, physisch, mental, intellektuell. Es ist ein Ausdauertest, eine Prüfung, ob es gelingt, scharf zu bleiben, kritisch, fantasievoll und großzügig.

Mit dem Kunstfestival "Meeting Points 6" sind Sie im Lauf des "arabischen Frühlings" durch den Nahen Osten getourt, die letzten Stationen sind Berlin und Brüssel. Woher rührt das enorm gestiegene Interesse an arabischer Kunst? Viele Kuratoren haben sich lange Zeit mit dieser Region beschäftigt. Die Documenta-Kuratorin Catherine David war eine der Stimmen, die eine wirklich kritische Sicht auf Produktionspraktiken in arabischen Kontexten artikulieren konnten. Ich finde, dass in einer globalisierten Kunstwelt und in der zunehmenden Reorientierung der globalen kulturellen und ökonomischen Landkarte die Idee eines einzelnen Ortes als Fokus der Aufmerksamkeit völlig altmodisch ist. Die Globalisierung hat hier eine unglaubliche Wirkung, und es ist selbstverständlich, dass andere Produktionsorte erkundet werden, wie die arabische Welt.

Was war die größte Überraschung, die Sie im Nahen Osten erlebten?
Ich näherte mich der Region ohne Vorannahmen. Mein Ausgangspunkt war, dass ich etwas lernen wollte. Das führte zur allmählichen Entdeckung einer kritischen Orientierung in Gestalt des Zivilen, das Theater, Bildende Kunst und kuratorische Praxis durchdrang. Das Zivile als Raum, in dem subversive Aktionen auftreten können, ohne notwendigerweise politisch im üblichen Sinne zu sein, erschien mir besonders wichtig. Und plötzlich wirkte das im "arabischen Frühling" zusammen und explodierte, weit größer als die Kunstwelt, die ich im Blick hatte. Das war für mich faszinierend und schockierend.

Das klingt, als böte Kunst eine Kristallkugel, um Entwicklungen vorherzusagen.
Ich möchte vorsichtig sein, mich und die Künstler in die Nähe des Prophetischen zu rücken. Aber es ist klar, dass an Orten, wo starke Repression herrscht, Gemeinschaften andere Wege finden, Ideen am Leben zu halten, als in direkter Konfrontation mit dem Staat, wo du weißt, dass du verlieren wirst. Man konnte über lange Zeit die Manifestation von Kirche und Religion im Nahen Osten beobachten; und eben besonders der Kunst als Ort freien Denkens. Das führte mich zu der Frage, ob wir im Westen nicht bereits erschöpfte Modelle haben, etwa wenn Sie "Occupy Wall Street" nehmen. Das sind die immer gleichen Muster von Protest und Agitation.

War "Occupy Wall Street" nicht von der Besetzung des Tahrir-Platzes inspiriert?
So wurde es wahrgenommen. Aber es ist sehr leicht, "Occupy Wall Street" zu ignorieren.

Können Sie auch aus westlicher Kunstproduktion Tendenzen herauslesen?
Wir müssen loskommen von dieser Idee des Westens. Er ist eine Fiktion. Was auf dem Tahrir-Platz geschieht, ist nicht nur für Ägypter von Bedeutung, sondern auch für die Menschen hier. Ich habe Sorge, dass man in Europa und den Vereinigten Staaten noch immer an überholten Werkzeugen festhält, an Entgegensetzungen und Positionskämpfen, aus denen Ideen von Radikalität ihre Energie ziehen. Im Zivilen geht es aber nicht um Radikalität. Es geht um Resilienz, um Belastbarkeit. Nicht darum, etwas einzureißen.

Sie sind seit Oktober Direktor im Münchner Haus der Kunst. In welcher Rolle sehen Sie Kunstinstitutionen in politischem Wandel?
Sie sind ein Ort, an dem die Vorstellungskraft immer noch zentral ist. Im Westen erinnern Kunstinstitutionen jeden Tag an die Wichtigkeit von Orten des Denkens.

Bundestagspräsident Norbert Lammert beklagte in der "Zeit", dass vor allem aus privater Hand immer neue Museumsräume entstehen, während die Pflege öffentlicher Sammlungen vernachlässigt wird. Sehen Sie den von Ihnen beschriebenen Denkort gefährdet?
Es ist wichtig, die Aufgabe des Museums nicht zu vereinfachen. Ich arbeite in einer Institution, die nicht sammelt. Unsere Aufgabe ist, andere Modelle zu reflektieren: Ich denke nicht, dass die Rolle von Museen nur im Kaufen und Bewahren liegt.

Das Haus der Kunst wird in diesem Jahr 75. Am Freitag geben Sie Ihre Pläne für das Jubiläumsjahr bekannt. Wird sich das Museum unter Ihrer Leitung in einen Diskursraum verwandeln?
Nein, denn es existiert bereits ein sehr komplexes System. Eine Institution zu definieren ist recht verschieden vom Veranstalten einer Documenta oder einer Biennale. Aber ich bin offensichtlich sehr interessiert am Diskursiven. Ich denke nicht, dass Ausstellungen genug sind.

Wie sehen Sie die Politisierung der Kunstwelt? Artur Zmijewski, der Kurator der Berlin Biennale, geht sehr provokativ vor.
Ich denke, Provokation ist notwendig, um Publikum und Kritiker herauszufordern. Aber hätte ich beim Festival "Meeting Points" vorgehabt, einen Skandal zu schaffen, wüsste ich nicht, welchen Gebrauch ich hinterher von ihm machen könnte.

In Tunesien waren gestiegene Brotpreise der Anlass für eine Revolution. Sie sind in Nigeria geboren, wo nun erhöhte Benzinpreise soziale Unruhen befördern. Wo sehen Sie Ihr Land in fünf Jahren?
Das ist schwer zu sagen. Aber ich hoffe, dass das Land intakt bleibt.

Das heißt, Sie fürchten, dass es das nicht tut?
Es besteht eine gewaltige Möglichkeit, dass wir an der Schwelle zum Rückbau Nigerias als Einheit stehen.

Gibt es Möglichkeiten für Kunstinstitutionen, Einfluss zu nehmen? Viele! In Nigeria ist Kunst politisch, und das gilt dort nicht als Manko. Theater und Literatur sind sehr engagiert.

Hat Kunst denn dort eine große Anhängerschaft? Vielleicht keine große. Ich weiß nicht, ob Kunst irgendetwas in Nigeria ändern kann. Aber es werden dort wiederum neue zivile Strukturen produziert. Und in Gesellschaften im Übergang ist das Zivile der Ort der Aktion. Nicht der Raum des Staates, nicht der des Marktes. Sondern der Raum der Gemeinschaften. Und das ist dort bereits der Fall.

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für kunstkritik 2012