Danh Vo

Katalog der 6. Berlin Biennale, 11. Juni 2010

Ende des 19. Jahrhunderts unternahm der katholische Missionar Jean-André Soulié botanische Forschungen in Tibet und Südchina. 1905, als es zwischen beiden Ländern zum Konflikt kam, wurde er von tibetischen Mönchen gefangengenommen, gefoltert und erschossen. Er hinterließ zahlreiche Pflanzenzeichnungen, zu begutachten auf den neuen Badfliesen von Danh Vo. Im Rahmen der Berlin Biennale lädt der Künstler zur Besichtigung in sein Wohnatelier.

Man könnte nun fragen, was Vo dazu bewegt, einen privaten Rückzugsraum mit exotisierenden Darstellungen eines Kolonialisten zu schmücken und fremdem Besuch zu öffnen. Man könnte aber auch fragen, was der französische Gottesbote in den Bergen von Tibet suchte. Und was Kunstwerke und Fachpublikum suchen, wenn sie um die Welt reisen.

Statt Dinge zu schaffen, arrangiert Vo sie um. Seine Kombinationen historischer und biografischer Zeugnisse eröffnen neue Perspektiven auf geschichtliche, kulturelle und geopolitische Prozesse – und lassen hinter die Ordnungen von Identität und Repräsentation blicken, die diesen zugrunde liegen. Die Rolex-Uhr, die Vo am Oranienplatz 17 zeigt, hatte sein Vater vom Gold gekauft, das übrig blieb, nachdem die Familie auf einem selbstgebauten Boot aus Vietnam geflohen und von einem dänischen Tanker aufgenommen worden war. Vom ersten in der neuen Heimat verdienten Geld erstand er auch das gezeigte Feuerzeug und den Siegelring, Gegenstände, von denen er in Vietnam geträumt hatte. Dinge wie diese gehen üblicherweise per Erbe an die nächste Generation, als Zeichen von Zusammenhalt und Tradition. Vo eignete sie sich durch den institutionalisierten Akt des Kaufs an und stellt sie seitdem im Kunstbetrieb aus.

Die auratisierende Präsentation in einer Leuchtvitrine löst die Gegenstände aus ihrem Lebenszusammenhang und reduziert sie auf ihre Funktionen als Objekte der Begierde und Symbole der Zugehörigkeit. Der Schaukasten, der sich von der Rückseite als einfache Holzkonstruktion zeigt, legt Inszenierungsmuster des Fremden, Exotischen und Authentischen offen, die die Kolonialgeschichte ebenso wie die Konsumgesellschaft prägen – und auch das gesellschaftliche Bild des Künstlers, das mit der Öffnung der privaten Räume eine besondere Brechung erfährt.

Vo transzendiert Dispositive wie die des Privaten und des Fremden und zeigt sie als Kreuzungspunkte gesellschaftlicher Prozesse, unabgeschlossen und historisch kontingent. Für die Arbeit Vo Rosasco Rasmussen (seit 2002) heiratet der Künstler Menschen, die ihn geprägt haben, nimmt deren Nachnamen an und lässt sich wieder scheiden. Eine Institution, die auf Festlegung zielt, wird als kreatives Instrument genutzt und der Eintrag in amtlichen Dokumenten zur frei gestaltbaren Endlos-Collage erklärt. Mit dem unabhängigen Blick, den er aus seiner eigenen Migrationserfahrung gewonnen hat, enthüllt Danh Vo die grundsätzlich migrantische Verfasstheit aller Gegenstände und Subjekte und eröffnet ein Denken, das feste Grenzen und Entitäten hinter sich lässt.

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für kunstkritik 2012