Alles muss kaputt sein

Aaron Curry ist ein großartiger Bildhauer, aber seine Ausstellung im Schinkel Pavillon war ein bisschen enttäuschend

vonhundert, 31. März 2011

Es begann mit zerkratzten Sammelstickern am Haus seiner Großmutter in San Antonio, Texas. Mit Folk-Art-Skulpturen aus Viehschädeln und -hörnern in den Nachbargärten. Aaron Curry sog jedes Bild auf, das ihn faszinierte, Graffiti und Science-Fiction-Motive, Picassos und Rauschenbergs, Popstar-Poster und Bierreklame. Es entstanden Collagen und Skulpturen, die wirken, als habe der Angehörige eines fremden Stammes das Formenvokabular unserer Kultur neu interpretiert, ohne zu verstehen, was er da zusammenschummelt. Dieser umgekehrte Primitivismus ist so hintergründig wie unterhaltsam und machte Aaron Curry zu einem der interessantesten Vertreter junger amerikanischer Skulptur. Den letzten Herbst verbrachte der 38-jährige in Berlin, als Stipendiat der American Academy. Seine neuesten Arbeiten sind zur Zeit im Schinkel Pavillon zu sehen. Sie sind etwas enttäuschend, deshalb erstmal zum Vergleich: Was bisher geschah.

Currys Skulpturen gleichen Modellbausätzen für Kunstnerds: Rechtwinklig ineinander gesteckte Platten aus Holz oder Aluminium, mal beklebt mit Fotoprints, mal bemalt mit Schachbrettmustern, die gleichermaßen von Harlekinkostümen, Turnschuhen oder Bildschirmpixeln stammen könnten. Die anthropomorphen Figuren trumpfen selbstironisch auf wie comichafte Wiedergänger der Skulpturen Isamu Noguchis oder Constantin Brancusis. Dazu lehnen besprühte Platten an der Wand wie noch nicht verbaute Reste.

Es ist verblüffend, wie Curry sich Kubismus, Dadaismus, Surrealismus, Pop Art, Street Art und Computerspielästhetik anverwandeln kann, ohne dass das in schnöden Referenzialismus mündet. Das gelingt, weil er das Bezugspiel so weit treibt, dass es kippt. Für jede Geste, die sich zu verfestigen droht, lässt sich bei Curry die Brechung finden. Alle Effekte liegen offen, die Zutaten sind klar unterschieden, und der Prozess von Her- und Ausstellung ist immer mit reflektiert. So gelingt eine aufgeklärt-totemistische Bildbewältigung, die Gegensätze wie Raum vs. Fläche oder Realität vs. Virtualität einschmelzt. Während der letzten Frieze schuf Aaron Curry im Londoner Kunstraum „20 Hoxton Square“ ein regelrechtes Op-Art-Kabinett, als er Boden, Wände und Skulpturen mit illusionistischen Tropfenmotiven beklebte. Galeriebesucher wirkten wie hineinmontiert in eine virtuelle Architektur. Ein großer Schritt weg vom Objekt, hin zur Untersuchung von Raum und Wahrnehmung.

Der Schinkel Pavillon mit seinen großen Fenstern auf sieben Seiten könnte der komplizierteste Raum sein, den Curry bislang bespielt hat. Hier fehlen die klaren Begrenzungen, die das Kippspiel erst erlauben. Curry löst die Situation, indem er sich der Architektur unterwirft und setzt seine filigrane Figurengruppe in die Mitte. Sechs Aluminiumrohre winden sich vielfach umeinander wie mutierte Hängemattenständer, lila und grün oxidiert. An ihnen baumeln an schwarzem Seil Mobiles aus zusammengesteckten Kartonscheiben: Eins gleicht einem am Kopf aufgehängten Schwan; ein anderes einem Galgenmännchen mit Eierrumpf, verkorksten Gliedmaßen und Bullenhörnern. Wo ein Auge Platz hätte, prangt ein Kreuz aus lilanem Gaffer Tape. Ein Rohr schlängelt sich einmal um sich selbst, um zuletzt die an ihr hängende Pappscheibe in einem Loch zu durchdringen, in zärtlich-beiläufiger Penetration. Blau und lila sind die dominanten Farben, selten gesehen bei Curry. Knochen und Tropfen bilden die Grundformen, auf Folk Art anspielend wie auf Skulpturen Hans Arps und Mobiles Alexander Calders. Tropfen finden sich auch auf in Streifen geschnittenen billigen Schwarzweißdrucken wieder, die sich über die Figuren verteilen.

Das beschwipste Durcheinander lässt sich als Zeichnung im Raum lesen. Die Umständlichkeit ihrer Wege ist durch die billigen Materialien gebrochen, das Pathos von Skulptur löst sich im scheinbar Unbeholfen-Provisorischen auf. Die Installation wirkt, als hätte sie ihre besten Zeiten hinter sich und bemühe sich trotzdem redlich um Haltung. Klebeband hält die gebrechlichen Geschöpfe zusammen wie Pflasterstreifen. So könnte die kritische Rekonstruktion der Ergebnisse eines Bastelworkshops für ADS-Kinder aussehen.

Die Ausstellung wirkt noch beiläufiger als frühere Arbeiten Currys, ein Schritt näher an der Selbstauflösung. Leider gelingt ihr dabei nicht, was Currys Stärke ist: Den Raum zu verändern und Repräsentationsroutinen zu brechen. Die Chance, sich nach Galerieauftritten bei Daniel Buchholz effektvoll in Berlins Mitte zu präsentieren, hat er verspielt.

Warum hat er nicht einfach die Fenster abgeklebt? Das wäre unredlich, aber wenn es jemand darf, dann Aaron Curry. Damit hätte mal jemand diesen stolzen Raum verwandelt, statt vor ihm, wie es leider in den meisten Ausstellungen passiert, in die Knie zu gehen.

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für kunstkritik 2012