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Imran Qureshi ist das neue Aushängeschild pakistanischer Gegenwartskunst, mit Ausstellungen in Berlin, New York und Venedig. Doch wie lebt es sich als Künstler im Zentrum der inneren Unsicherheit? Ein Streifzug durch die Ateliers von Lahore

Die Welt, 03. August 2013

„Geh unbedingt nach Lahore“, riet ein Freund zu, der schon dort war. „Da gibt es Adler!“ Greifvögel, kreisend über Moscheenkuppeln, die unter der Last der Jahrhunderte furchig geworden sind wie Elefantenhaut: In diesem Bild finden die Wildheit und die abgehangene Pracht dieser zerzausten Stadt am Rande Pakistans zusammen, mit ihren schlammigen Altstadtgassen, über die sich Festgeprange aus Fetzen von Glitzerfolie spannt; mit ihren großzügigen Parkanlagen aus der Zeit des trunksüchtigen Herrschers Jahangir und mit dem horizontweiten glänzenden Hof der Badshahi-Moschee, die knapp unter dem Himmel zu schweben scheint.

Es gab ein Drachenfestival in Lahore, das den anbrechenden Frühling feierte, „Basant“. Am Himmel tobten tausende bunte Flecken, während sich am Boden ihre Schnüre in Trafos, Oberleitungen und fahrenden Motorrädern verhedderten. Jedes Jahr gab es Tote. Die Regierung der Provinz Punjab hat deshalb das Festival verboten. „Es ist bescheuert“, sagt der Maler Tahir Sadiq. „Statt für Sicherheit zu sorgen, unterdrücken sie die Tradition.“

Sadiq ist einer jener gut ausgebildeten Mittzwanziger, die für ihr Land brennen und an der Politik verzweifeln. Mit hoch geknöpftem schwarzem Hemd und einer beflissenen, korrekten Art schaut er eigentlich eher aus wie ein Systemadministrator als wie ein Künstler. Aber hier ist nicht Berlin, es gibt kein Hipstertum und man hängt abends nicht in Kneipen ab, Alkohol ist eh verboten. Eher verdient man Geld in Softwarefirmen oder sitzt zuhause und malt. Sadiq führt mich durch die Gassen seines Viertels in der Altstadt, dessen Veränderungen er in zarten Miniaturmalereien festhält.

Gentrifizierungskritik mit Pinseln aus Eichhörnchenhaar: In wochenlanger Arbeit tupft Sadiq in Muscheln angerührte Farbe auf selbst geleimtes Wasli-Papier, so wie er es in Pakistans führender Kunstakademie gelernt hat, dem National College of Arts in Lahore – als Schüler von Imran Qureshi, den die Deutsche Bank gerade in ihrer Berliner Kunsthalle als „Künstler des Jahres 2013“ feiert. Eine von Sadiqs Miniaturen zeigt Qureshi auf einer Leiter, wie er den Schüler als goldene Statue meißelt. Dass die Geste nicht ganz aufgeht, mag daran liegen, dass der Schüler so viel größer und prächtiger ausfällt als der Lehrer. Deutlich tritt Sadiqs Stolz hervor, bei dem Mann studiert zu haben, der sich gerade zum Aushängeschild pakistanischer Gegenwartskunst aufschwingt. Auf der Venedig-Biennale hängen Qureshis Arbeiten im zentralen Pavillon, und in New York bespielt er den Dachgarten des Metropolitan Museum.

Imran Qureshi ist nicht der erste Künstler aus Pakistan, der auf Flughöhe des globalen Kunstbetriebs gelangt ist. Aber er gehört neben Rashid Rana und seiner Frau Aisha Khalid zu den wenigen, die auch nach dem Erfolg in der Heimat bleiben. Ein Grund, nach Lahore zu reisen um zu sehen wie es sich als Künstler lebt in einem Land, das man vor allem über Opferzahlen kennt.

Als die Berliner Schriftstellerin Sarah Khan hier vor zwanzig Jahren das letzte Mal ihre Verwandten besuchte, bestimmten Eselskarren den Rhythmus. Heute sind sie umschwirrt von Motorrikschas und knatternden japanischen Mopeds, auf denen sich ganze Familien drängen. Die Coupés einer wachsenden Mittelschicht verstopfen die Straßen, Hochhäuser schießen aus dem Boden. Lahore entwickelt sich in einem Tempo, als wolle es die Gewalt hinter sich bringen, die seit Ende der Neunziger mehr und mehr den Alltag des Landes einholt.

Letztes Jahr hat ein türkisches Unternehmen eine Hochbus-Trasse fertig gestellt, sie überspannt die Stadt von Süden nach Norden und bringt Bewohner der ärmeren Viertel für wenige Rupien auf schnellstem Weg zur Arbeit. Zugleich pflügt sie die Sichtbarkeitsordnung der Stadt um, wie auch die Grenzen des Privaten: von der Trasse geht der Blick auf die Flachdächer der Wohnhäuser, wo sich zuvor die Bewohner sonnten oder ihren Müll verstauten.

Die Vogelperspektive ist dem muslimischen Städtebau eigentlich fremd. Während unten das NCA, die Kunstakademie, vorbei braust und das Museum, erzählt Imran Qureshi von seiner ersten Europareise. Überrascht sah er damals Leute an jeder Straßenecke den Stadtplan aufspannen, statt sich durchzufragen. Schon Flaubert stapfte einst entnervt durch Kairo, von Reizen überflutet, bis er endlich ein Minarett fand, von dem aus er die ganze Stadt überblicken konnte. Auf die Idee wäre kein Kairoer gekommen. Europäer wollen immer alles in ein Bild pressen.

Das bekommen Künstler aus dem Nahen Osten und Asien auch heute noch zu spüren. Seit dem 11. September wächst im Westen das Interesse an ornamentaler Malerei. „Neugier auf das Unbekannte“, vermutet Qureshis Frau Aisha Khalid beim Dinner im selbst entworfenen Haus, wo die beiden mit zwei kleinen Söhnen leben. Exotismus, könnte man auch denken. Oder man dreht den Spieß um: Gerade die repetitiven Muster islamischer Kunst, die das Auge nie zur Ruhe kommen lassen – also nie zum Bild gerinnen –, und das Ineinander von Schönheit und Gewalt, das Klassiker der Miniaturmalerei durchzieht, sind besonders geeignet, globale Realitäten zu erfassen, die sich einfachem Überblick entziehen. Raum fühlt sich anders an, seit Kommunikations- und Militärtechnologien Grenzen durchlässig machen, wie die Drohnen in Westpakistan oder digitale Offensiven der Geheimdienste. Und gerade aus Pakistan, diesem Epizentrum innerer Unsicherheit, kommen künstlerische Ansätze, die diese atmosphärischen Erschütterungen spürbar machen – so wie die Miniaturen des jungen Malers Sajid Khan, der Drohnen als Sternbilder in die Nacht zeichnet oder Explosionen inszeniert wie William Turner den Abendhimmel.

Imran Qureshi führte 2011 auf der Biennale im arabischen Sharjah vor, wie sich die Miniaturmalerei in den Raum auffächern lässt: Über das Pflaster eines Innenhofs spritzte er rote Farbe und durchzog die Flecken mit den züngelnden Mustern von Dahlienblüten. Die Installation, die auf Anschläge der Taliban in Lahore zurück ging, bannte Schock und Hilflosigkeit in eine stehende Form und verflocht die Spuren von Gewalt mit der Schönheit und Gleichgültigkeit der Natur. Es entstand eine Atmosphäre kollektiver Verwundbarkeit: Ägypter dachten an den arabischen Frühling, eine Japanerin an das Tohoku-Erdbeben, pakistanische Wanderarbeiter an die Gewalt zuhause.

Das blutrote Blütengeflecht ist Qureshis Markenzeichen geworden, wochenlang prangte es auf Berliner Litfasssäulen. In der Deutsche Bank Kunsthalle überspannt es ovale, mit Goldblatt bezogene Leinwände und setzt sich in einem Berg aus zerknüllten Papierbögen fort, durch die Besucher raschelnd waten wie durch ein Trümmerfeld. Auf Miniaturen im Mogulstil zeigt der Künstler sich selbst kniend bei der Durchführung seiner malerischen Operationen, wie ein Gärtner, ein Archäologe oder ein Arzt.

Tatsächlich erinnert das rote Muster auch an Nervenbahnen und DNA-Strukturen, es legt die Metapher von Kunst als Ansteckung nahe: Auch die Dachplatten des New Yorker Metropolitan Museum sind infiziert, hier hat Qureshi das Motiv in Sampling-Technik leicht schrägt gelegt wie einen Teppich. Und er hat sich für Fotos auch schon selbst dazu gelegt, zum Beispiel mit Bono. Da zeigt sich dann, wie schnell sich ein Memento der Verletzbarkeit zum Dekor entwickeln kann.

Als Qureshi Anfang der Neunziger am NCA studierte, musste er sich mühsam aus der rigiden Ausbildung frei kämpfen. Noch heute müssten Studenten zwei Jahre lang Motive alter Meister kopieren, bevor sie experimentieren dürfen. Qureshis Assistentin Wardha Shabbir führt durch den bogenreichen Backsteinbau aus dem 19. Jahrhundert in den Raum der Miniaturklasse, wo sie erklärt, wie hier alles zusammen hängt: die Muscheln, die zwischen die Finger geklemmt werden, der Kreis, den der Körper im Schneidersitz bildet und der Atem, der dadurch frei fließen kann und stundenlange Konzentration erlaubt. Aus den Kopfhörern eines Studenten scheppert Techno, grinsend schaut er vom Zeichenbrett auf: „Ich kann mich so besser konzentrieren.“

In einem Land, dessen unterschiedlichen Gesellschaften es nicht nur an sicheren Institutionen, sondern schon an gemeinsamen Werten mangelt, ist eine Einrichtung wie das NCA ein Ausnahmeort der Verständigung. Durch eine Quotenregelung treffen hier Künstler aus allen Teilen des Landes aufeinander. Die meisten kennen internationale Gegenwartskunst nur aus Büchern, Magazinen, dem Internet oder von ausländischen Gastdozenten. Qureshi bemüht sich ihnen die konzeptuelle Tradition des Westens zu erschließen. „Imran hat eine Kultur des Teilens begründet, die es vorher nicht gab“, schwärmt die junge Galeristin Sanam Taseer.

Ihre Galerie Drawing Room liegt in der neuen Familienvilla im Stil Mies van der Rohes am Rand der Stadt, Checkpoints schirmen das Viertel ab. Wir sitzen auf Designersofas in einem edlen Ausstellungsraum zwischen Raketencollagen. Und ausgerechnet hier, in dieser Kapsel des Friedens beim Tee, tut sich auf einmal der ganze Abgrund dieses Landes auf.

Ihr Vater habe die Galerie Drawing Room gegründet, erzählt Taseer, um junge Künstler zu unterstützen und die Liberalisierung zu fördern. Salmaa Taseer war Gouverneur der Provinz Punjab, er kritisierte das Blasphemiegesetz und die Taliban. Dafür wurde er 2011 von seinem Leibwächter erschossen. Die Familie verließ darauf die Innenstadt. „Wir fühlten uns nicht sicher.“ Außerdem kam eh niemand um Kunst zu sehen.

An der Wand hängen Montagen von Imran Mudassar, der die Poster aufgreift, die auf Motor-Rikschas für extremistische Kundgebungen werben. „Geistliche laden auch mit Lautsprecherwägen zu den Veranstaltungen, wo zum Mord an Schiiten und Christen aufgerufen wird“, sagt Taseer. Die Politik dulde das schweigend. Seit der Gründung Pakistans 1948 liegt die Macht in den Händen weniger Großgrundbesitzerfamilien. Der Anteil armer Analphabeten liegt bei fünfzig Prozent und steigt, während Aufstiegschancen sinken. „Die Schuld wird Leuten mit westlichem Lebensstil gegeben.“

Kurz nachdem in Quetta wieder eine Autobombe 89 Menschen in den Tod gerissen hat, sitzen wir nachts in Suleman Mengals Künstler-WG, in der es aussieht wie in Kreuzberg. Für den Gast gibt es sogar Whiskey. Mengal stammt selbst aus Quetta, in seinem lauernden Blick kämpfen zwei Flammen gegen die Resignation. „Alle fünfzig Meter steht in Quetta eine Straßensperre“, erklärt Mengal, der die Fragmentierung des Sozialen mit einfachsten Mitteln in den Kunstraum übersetzt: Nägel und Stacheldraht. In einer Ausstellung am NCA versperrte eine Platte den Durchgang, die mit Nägeln gespickt war. Beim Beschreiten gaben sie nach. Eine nüchterne, pragmatische Arte Povera des Sicherheitszeitalters.

Lahore ist eine der letzten Inseln relativer Stabilität in Pakistan. Trotzdem ist man hier in jeder Sekunde auf alles gefasst, vom Stromausfall bis zum Bombenanschlag. Seit letztem Jahr finden sich Passanten aber auch mal mitten auf der Straße in einer Theateraufführung wieder. Das Lahore Agitprop Theatre spielt Überraschungsauftritte in der Tradition Augusto Boals. „Wir nehmen Zeitungsberichte über Drohnenangriffe oder Anschläge und inszenieren die individuellen Schicksale dahinter“, erklärt der 23jährige Ahmad Shah, Architekturstudent am NCA, dessen forschende grüne Augen manchmal zu einem zehn Stockwerke tiefen Ernst gefrieren.

Es ist erstaunlich, dass jemand wie Shah überhaupt an die Kunst glaubt. Dass er Frau und Kind zurück lässt, um Architektur zu studieren und Theater zu spielen. In Shahs Heimat Parachinar an der Grenze zu Afghanistan haben Stammeskämpfe das Leben unerträglich gemacht, die Armee hat die Gegend weitgehend aufgegeben. Shahs Vater, hoch dotierter General und Universitätspräfekt, wurde vor zwei Jahren von Taliban gefoltert und ermordet. In der Hoffnung, die Familie ernähren zu können, versuchte sein älterer Bruder Mujahid Shah sich mit 110 anderen Männern aus der Gegend nach Australien durchzuschlagen. Im Juni letzten Jahres sank sein Schiff zwischen Jakarta und Christmas Island.

Warum also Kunst? Weil in einer Gesellschaft, die ihre emotionale Sprache verloren hat, ein Künstler tatsächlich eine Art Arzt ist. Als das pakistanische Fernsehen über den Preis der Deutschen Bank berichtete, klingelte Imran Qureshis Telefon mit unbekannter Nummer. Ein Geheimdienstmitarbeiter, der sich bedanken wollte. Die Aufnahmen seiner Installation hätten ihn sehr berührt.

Und die Adler? Wo sind die Adler geblieben? Tanya Sani, Leiterin der städtischen Alhamra Gallery, erzählt wie sie früher, wenn sie Essen bei sich trug, von Haus zu Haus rennen musste, weil die Raubvögel es ihr sonst aus der Hand rissen. „Es gab den Brauch, den Adlern Essen hinzustellen, wenn ein Wunsch in Erfüllung gegangen war.“ Entweder ist also der Brauch vergessen. Oder es gehen in Lahore heute einfach weniger Wünsche in Erfüllung.

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für kunstkritik 2012