Wasser auf Leinwand

In New Yorks Galerien steht das Wasser

Der Tagesspiegel, 06. November 2012

Dass sich das Fernsehen nach Sandy weniger für die Verwüstungen in Haiti oder auf Kuba interessierte, ist falsch, aber verständlich: New York bot einfach die besseren Bilder. Seine Lichter verkörpern den Traum der Allmachbarkeit, und nun heißt Manhattans SoHo plötzlich SoPo – „South of Power“, südlich der Stromversorgung.

Es gab in der Berichterstattung noch einen blinden Fleck, und der lag mitten im Zentrum des Sturms, in Chelsea, wo sich die Galerien stapeln wie Schuhkartons und wo es dieser Tage aussieht wie in Haiti. „Skulpturen, Kisten, Möbel und Gemälde trieben in überschwemmten Galerien“, schreibt Starkritiker Jerry Saltz schaudernd, „sie rammten Wände und andere Kunstwerke.“ Der Künstler Adrian Lohmüller, übernächtigt aus New York in Berlin eingetroffen, musste erst mal neu begreifen, dass U-Bahnen auch fahren können.

In Anton Kerns Galerie hatte er geholfen, schwimmende Leinwände vom Wasser zu heben. Erst vier Tage zuvor hatte Kern eine Ausstellung von Eberhard Havekost eröffnet. Nun hingen die Großformate im Nass, die Mittelformate entkamen knapp. Der Maler, der ein Motiv Gerhard Richters kopiert hatte, scherzt gelassen: „Das ist vielleicht die Strafe.“

Noch im September hatte Thomas Hirschhorn bei Barbara Gladstone die gekenterte Costa Concordia nachgebaut. Im Gowanus Ballroom in Brooklyn riss es ausgerechnet eine hölzerne U-Boot-Skulptur von Duke Riley mit. Eine Ausstellung von Phong Bui, der in seinem flussnahen Studio 90 Prozent seines Werks verlor, heißt „After the Flood“ – nach der Flut. Nicht mehr nur die Katastrophenfilme nehmen die Wirklichkeit vorweg, sondern auch die Bildende Kunst. Sie hat ihre eigene Katastrophen-Hotline. 100 ehrenamtliche Helfer des Amerikanischen Instituts für Konservierung geben rund um die Uhr Ratschläge, etwa: nichts wegwerfen, ohne einen Konservator zu konsultieren.

Den Träumen geht das Licht aus – das Motiv gewinnt auf dem Markt der käuflichen Träume noch an Tragik und Ironie. Die steigenden Mieten hatten zuletzt kleine Galerien in die oberen Stockwerke gespült. Viele haben hier Versicherungen für die Kunst, aber nicht für Möbel, Computer, Akten. Die großen dagegen hatten sich auf Straßenniveau breitgemacht – wo es sie besonders hart traf. Eine ganze Industrie steht hüfttief im Wasser.

Steigen nach dem Wasser nun auch die Preise für Kunst? Oder lassen sich die Schäden in Gewinne wenden, indem man die Einschreibung der Natur zum Teil des Werks erklärt? Gibt es bald limitierte „Sandy-Editions“? Und folgen Provenienzforschungen, in denen Konservatoren und Meteorologen die Handschrift des Hurrikans nachweisen?

Oft wurde zuletzt der Kunst- mit dem Finanzmarkt verglichen. Doch während letzterer nun unbeleckt auftauchte, ist die Kunst zurückgeworfen auf profanes, verletzliches Material.

adkv - art cologne preis
für kunstkritik 2012