„Von Asien aus gesehen ist Europa sehr schön“

Architekt Rem Koolhaas über starke Staaten, Demokratie, Korruption und seine Faszination für alte japanische Avantgarden

Die Welt, 05. Dezember 2011

Die Pressefrau wird unruhig, die Fotografen warten, der Architekt hängt immer noch am Telefon. Rem Koolhaas ist in Berlin, um sein neues Buch zu signieren, aber jetzt scheint er gerade überall zu sein, vielleicht in der Zentrale seines Büros OMA in Rotterdam, vielleicht auf der Baustelle des CCTV Towers in Peking. Abends wird Kohlhaas mit Peter Sloterdijk einen "philosophisch-architektonischen Dialog" führen, in der von ihm gebauten Niederländischen Botschaft.
Jetzt: Er hat aufgelegt, das Gespräch kann beginnen.

In Ihrem gemeinsam mit dem Kurator Hans-Ulrich Obrist herausgegebenen Interviewbuch "Project Japan" erforschen Sie die Metabolisten, eine japanische Architekturbewegung aus den Sechzigern. Was hat Sie an ihnen interessiert?
Zum einen bin ich von Asien fasziniert, seit ich mich erinnern kann. Ich habe mal vorhergesagt, dass Asien die Initiative innerhalb der Zivilisation übernehmen wird. Und die Metabolisten waren die erste Architektur-Avantgarde, die nicht aus dem Westen kam. Zugleich war das das letzte Mal, dass Architekten als Kollektiv zusammen arbeiten konnten, ohne ihre Individualität und ihr Talent zurückzustellen.

Aber es gibt doch viele gleichberechtigte Partner in Architekturbüros.
Ja, aber die Metabolisten hatten alle ihre eigenen Büros. Zudem gab es eine sehr enge Beziehung zum Staat, der mit ihnen ein Gesamtkonzept entwickelte, um den Schwächen Japans zu begegnen: die Anfälligkeit für Erdbeben und damit die Tsunamigefahr, aber auch die unglaublich komplexe japanische Geographie. Japan suchte systematisch nach Möglichkeiten, auf dem Meer oder in den Himmel zu bauen. Der Staat spielte gewissermaßen eine kreative Rolle, und das hat mich fasziniert, denn das sieht man heute nicht besonders häufig.

Den Metabolisten standen also Meer und Himmel offen, vor allem aber die durch den Krieg verwüsteten Städte. Ground Zero - Traumbedingungen für Architekten, oder?
Wir fanden tatsächlich heraus, dass man weiter zurück blicken muss, bis zur japanischen Invasion Chinas in den Dreißigern. Damals erschloss sich Japan zum ersten Mal weite Ebenen und konnte Visionen entwickeln, wie Menschen leben könnten. Als nach dem Krieg das eigene Land eine tabula rasa bot, kamen diese Energie und die Einsichten im Metabolismus zur Anwendung.

Architektur und Militarismus unmittelbar verknüpft als Organisation von Raum?
(zögert) Das könnte man sagen.

Gibt es etwas, das Sie von den Metabolisten für Ihre eigene Arbeit lernen können?
Weniger einzelne Dinge, die wir übernehmen würden, aber wir sind zurzeit sehr fasziniert von Fertigfabrikation und wollen ausprobieren, was dort möglich ist. Zum Anderen bemühen wir uns ständig um Verbindungen zwischen Regierungen und anderen Akteuren. Das war für mich die wichtigste Lehre aus dem Buch: Du kannst als Architekt nicht alleine arbeiten, sondern musst Teil eines Bündnisses sein, um wirklich etwas Bedeutendes entwickeln zu können.

Mit der Ölkrise 1973 endete das japanische Wirtschaftswunder, und mit ihm die Masterpläne der Metabolisten. Arati Isozaki sagt im Interview, Avantgarde-Architektur sei nur in einem starken Staat möglich. Sehen Sie das auch so?
Nun, ich muss zugeben, dass mich das wirklich nachdenklich gemacht hat. Es klingt zunächst schockierend, aber es trifft tatsächlich zu. Architektur kann nicht alleine existieren, sie muss finanziert werden. Wenn der Staat einen nicht unterstützt, bleiben vielleicht individuelle Mäzene, aber dort gibt es immer eine Art Privatinteresse, das der Staat nicht notwendigerweise hat.

Momentan scheint der ganze Globus für den Blick des Fremden umgestaltet zu werden, für den anzulockenden Kulturtouristen.
Ich würde dem nicht generell zustimmen. Je mehr wir wahrnehmen, desto schwerer fallen solche Generalisierungen. Für eine Ausstellung im Londoner Barbican Centre haben wir uns eine Wüste in Libyen angesehen, um zu schauen, wie man diese nutzen könnte, ohne sie zu ruinieren. Aber wir haben auch Projekte, die darauf zugeschnitten sind, Tourismus zu generieren, zum Beispiel ein Kulturzentrum in Hongkong. Generalisierungen machen in der Architektur immer weniger Sinn, auch wenn die Welt immer ähnlicher scheint. Das ist ein eigenartiger Widerspruch.

Wie sieht Europa aus, von China aus gesehen?
Oh, ich finde es sehr schön, von China auf Europa zu blicken, weil es von dort aus sehr wichtig aussieht. Ich habe in China nie die leiseste Skepsis gegenüber Europa erlebt. Ich würde mir wünschen, dass die Europäer sich dessen bewusster wären, wie sehr der Rest der Welt sie braucht und respektiert. Ich denke, die Hauptschwäche Europas war eine gut fünfzehn Jahre währende Phase der Introspektion und fast narzisstischen Fixierung auf die eigenen Probleme, deren Finale wir jetzt erleben.

Welche Chancen sehen Sie in Zukunft für das westliche Demokratiemodell?
Ich sehe so viele widersprüchliche Kräfte am Werk: auf der einen Seite den Arabischen Frühling, der vielleicht kein direkter Ruf nach Demokratie ist, aber zumindest ein unglaublicher Aufstand gegen Dummheit und schlechte Regierungen. An vielen Orten Asiens erlebt man das Gleiche, eine Ungeduld gegenüber Inkompetenz und Korruption. Als europäischer Politiker würde ich mir wirklich Sorgen über Korruption in Europa machen. Es gibt hier viel Korruption, ohne dass wir darüber reden. Ich denke, wenn wir Demokratie fördern wollen, sollten wir versuchen, dass sie hier besser funktioniert.

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