Vom Ende der Hysterie

Die Art Basel Miami Beach hat einen neuen Grad der Professionalisierung erreicht. Sie ist realkapitalistische Abbildung der Handelsströme von Kunst. Nichts wird dem Zufall überlassen.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05. Dezember 2015

Am Abend bevor die VIPs zur Vorbesichtigung ins Miami Beach Convention Center strömten, das man sich mit seinen abenteuerlich gemusterten Neunzigerjahre-Teppichböden ungefähr so vorstellen darf, wie man sich eine Scientology-Kirche vorstellt, wurde nebenan im Collins Park der Public Sector eröffnet, und er ließ Schlimmes erwarten. Skulpturen von Tony Cragg, Katharina Grosse oder Tomás Saraceno waren auf den Status von Außenmöbeln reduziert, dekorativ angeleuchtete Kulisse für die Häppchen naschenden Connaisseure. Wer der Gegenwartskunst die völlige Freiheit von Diskurs und gesellschaftlichem Wollen unterstellen mag, fand dort Futter, zumal in Tony Tassets fast vier Meter aufragendem Rehkitz.

Auch die schwarzen Muskelmänner, die mit Hämmern auf Traktor-Reifen einschlugen oder sich gegenseitig an Seilen durch die Menge schleiften, trugen auf den ersten Blick zum Vergnügungspark-Flair bei. Bis sich ihre Wiedergänger auf der Bühne versammelten, schwarz geschminkte Weiße in aufgeblähten Superman-Kostümen, und bis an den Rand der Erschöpfung die Hymne „America the Beautiful“ in den Sonnenuntergang schmetterten, um schließlich Geldscheine aus der Brust zu ziehen und ins Publikum zu schmeißen, falsche Fünfziger und echte Ein-Dollar-Noten. Als ginge es darum, aus einer erniedrigten Position heraus die Unterdrücker mit ihren eigenen Werkzeugen zu treffen.

Mit dieser Performance des 1955 geborenen Afroamerikaners William Pope. L, dessen Werk die Verzahnung von Kapitalismus, Patriotismus, Rassismus und Armut umkreist und langsam breitere Anerkennung erfährt, war der Messe etwas gelungen: Es stand spürbar etwas auf dem Spiel, der Bogen war geschlagen von den vielen Millionen Dollar in der Halle für eine globale Klasse, die sich Verfeinerung und Sensibilität leisten kann, zu einer auseinanderdriftenden, zunehmend gewalttätigen Gesellschaft draußen.

Bei der Art Basel Miami Beach erwartet man Parties und Stars. Die Zürcher Galerie Gmurzynska lud zur Dinnerparty mit Sylvester Stallone, wo Frauen als lebende Kronleuchter dienten (eine beklemmend rückschrittliche Form von Varieté). Aber Stallone, der seit fünfzig Jahren malt, hatte immerhin selbst ein Bild auf der Messe, „Rocky“, ein Porträt seiner Filmfigur. Es war zusammen mit Werken von Malewitsch, Motherwell, Picasso oder Helmut Lang Teil einer lustvoll überfrachteten Salonhängung, für die sich Kurator Germano Celent zum fünfzigjährigen Jubiläum der Galerie aus deren Schätzen bediente. Ansonsten herrscht auch nicht mehr Promiauflauf als etwa in Basel. Und im Gegensatz zu Basel sind auffallend wenige Künstler in der Stadt.

Es ist ruhig in Miami, trotz der knapp zwanzig Satellitenmessen. Während deutsche Galerien stark vertreten sind, reisen nur wenige deutsche Sammler an. Auch die Zeiten, als die Art Basel Riesenparties mit Live-Konzerten am Strand schmiss, scheinen vorbei. „Wir müssen jetzt kein Gesellschaftsleben mehr herholen“, erklärt Direktor Marc Spiegler, „weil es inzwischen so viel davon gibt.“ Mit all den Museumsgründungen der letzten Jahre ist die Integration Miamis in die Reiserouten der kulturellen Klasse abgeschlossen.

Es ist eine verlockende Übung, Messen als Trendmesser zu lesen. Das kann zu so seltsamen Thesen führen wie in der „Financial Times“, die titelte: „Künstler kümmern sich um Klimawandel“. Je größer Messen werden - 267 Galerien stellen in diesem Jahr im Convention Center aus -, je teurer die Standmieten - in Miami liegen sie zwischen 50.000 und 100.000 Dollar - und je kalkulierter und unfreier damit das Programm, desto willkürlicher wird die Kaffeesatzleserei. Hier dennoch, bei allen Vorbehalten, der Versuch, ein paar Tendenzen auszumachen.

Erstens: das Ende der Hysterie. Die Zeit, als Sammler sich handgreiflich zur Seite drängten, um als erster bei Zwirner oder Gagosian zu sein, ist vorbei. Die ersten Stunden verliefen gediegen, viele Galeristen atmeten erst am zweiten Vip-Tag auf, sich an das bedächtigere Tempo gewöhnend. Es wurde gekauft, aber es wurde zweimal nachgedacht. Vielleicht haben die Auktionen des Herbstes tatsächlich das Ende des Spekulierens nach dem Gießkannenprinzip eingeläutet.

Zweitens: Frank Stella. Im Windschatten der großen Retrospektive im Whitney Museum finden sich auffallend viele Arbeiten Stellas, darunter - neben dem siebeneinhalb Meter breiten Fries „Damascus Gate“ von 1969 bei Edward Tyler Nahem (3,5 Millionen Dollar) - vor allem seine in den Raum wuchernden Wandreliefs aus den frühen Achtzigern bis zuletzt, als er begann, Carbon einzusetzen (zum Beispiel bei John Berggruen und Sprüth Magers). Hier zeigt sich die nahtlose Integration der Planung von Galerien und öffentlichen Institutionen.

Drittens: Diversifizierung. Bastionen weißer Herren wie die von Michael Werner (der eine wunderschöne große Malerei eines schwarzen Flecks von James Lee Byars für 500.000 Dollar zeigt) sehen zunehmend alt aus in einem rasant auf Vielfalt setzenden Kunstbetrieb. Die folkloristisch hippen Porträts von Kehinde Wiley sprechen eine jüngere afroamerikanische Kundschaft an, die ihr Geld in Film- oder Finanzindustrie verdient. Und seit Roberta Smith im Sommer die abstrakten Farbfelder Stanley Whitneys mit einer Seite in der „New York Times“ würdigte, werden Claes Nordenhake aus Berlin Whitneys Arbeiten für um die 55.000 Dollar aus der Hand gerissen.

Viertens: Frauen. Während die Rubell Collection am anderen Ufer eine reine Frauen-Ausstellung zeigt, haben Künstlerinnen auch auf der Messe auffallende Präsenz. Isa Genzken ist seit ihren Retrospektiven in New York und Amsterdam hoch gehandelt. David Zwirner und Daniel Buchholz verkauften ihre Skulpturen für bis zu 850.000 Dollar spielend. Sprüth Magers trennten sich am ersten Tag von einer neue Arbeit Barbara Krugers für 320.000 Dollar. Und Pace wurden, sicher in teils vorab geschlossenen Deals, gleich sechzehn Reliefs der 1988 gestorbenen Louise Nevelson für bis zu einer Million Dollar abgenommen. Salon 94 und Barbara Thumm zeigen auf ihren Ständen fast nur Frauen; Thumm hat ein Gemälde Anna Oppermanns von 1970 (42.000 Euro) und zwei Gemälde aus den Sechzigern von Teresa Burger dabei.

Und Javier Perés bemüht sich mit einer Einzelpräsentation weiter um die späte Anerkennung des mit seinen explizit erotisch-fantastischen Gemälden einzigartigen Werks der in Berlin lebenden Dorothy Iannone. „Vielleicht waren bisher schlicht die Preise zu niedrig“, vermutet er, „das ist für Sammler eine Kopfsache. Deshalb habe ich sie mal einfach verdoppelt.“ Mit Erfolg - Gemälde gingen für bis zu 150.000 Euro in amerikanische und europäische Sammlungen.

Fünftens: Professionalisierung. Zwar gibt es tatsächlich Arbeiten, die sich auch Einsteiger leisten können, wie Isa Melsheimers Gouachen bei Jocelyn Wolff für 1700 Euro. Doch insgesamt ist nichts dem Zufall überlassen, die Messe ist realkapitalische Abbildung der Handelsströme. Die Kunstwelt ist schon seit den neunziger Jahren zur Industrie geworden. Seit der globalen Echtzeitkommunikation greift ein Rädchen ins andere. Selbst die jungen Einzelpräsentationen in der „Positions“-Sektion sind größtenteils durch institutionelle Ausstellungen abgesichert. Man muss auf die Satellitenmesse Nada gehen, um tatsächlich ein Gespür zu bekommen, wie junge Künstler heute denken und arbeiten. Dort zeigt sich etwa in den vielen Keramik- und Webarbeiten die Befreiung vom Gewicht der Geschichte der Konzeptkunst und die Hinwendung zum Handwerk, zu Vitalismus statt Analyse und Kritik. Zudem profitiert die Atmosphäre vom Geist der Kooperative, mit dem die „New Art Dealers Alliance“ (Nada) ein Beispiel gesetzt hat.

Auf der Art Basel dagegen könnte man sich vorstellen, dass man die Planung der Stände bald einfach Algorithmen überlässt. Das ist niemandes Fehler, aber ein schlichter Grund dafür, warum trotz dieses gewaltigen Prachtpakets die Begeisterungsamplituden im Rahmen bleiben. „Als Sammler“, sagt ein bestens gelaunter Galeriedirektor, „würde ich mich hier langweilen.“

adkv - art cologne preis
für kunstkritik 2012