Tanz die Bilanz

Nach Pferden und Straßenbahnen: Kunst. Wie die Uferhallen im Wedding zum Kulturmagnet werden

Der Tagesspiegel, 07. April 2009

Stellen wir uns Amerika als einen gealterten Schausteller vor. Seine Nummern überzeugen nicht mehr, nun kauert er im Superman-Kostüm auf dem Gehsteig und inspiziert seine Schürfwunden. Einst half er den Entrechteten, nun ist er selbst nicht mehr zu retten. Autos fahren vorüber, ein Kind dreht sich an der Hand der Mutter angewidert weg. Dass es mal einen Mann in diesem Anzug gab, der fliegen konnte, hat das Kind vielleicht nie gehört.

Stellen wir uns Amerika als gehenkten Erlöser vor. Er baumelt mit hängendem Kopf knapp über dem Boden, sein Muskelkörper ist ausgeweidet und gibt den Blick frei auf ein erschlafftes Hampelmannskelett. Immerhin, auf Kopf und Schulter hocken Vogelküken und deuten an, dass das Leben weitergeht, Superhelden hin oder her.

Beide Bilder sind derzeit in den Weddinger Uferhallen zu sehen, wo die Ausstellung „Discover US! Carnival Within“ 18 zeitgenössische US-Künstler vorstellt. Bild eins stammt aus der Videoinstallation „The Great White Way“ von William Pope.L, in der sich der Künstler filmen ließ, wie er im Superman-Kostüm den Broadway entlangrobbte wie ein GI im Dschungel, ein Skateboard auf den Rücken geschnallt. Mit Bart und Brille gleicht er weniger einem Superhelden als einem verwirrten schwarzen Englischlehrer, der beim Joggen gestürzt ist. Bild zwei ist eine Superman-Skulptur des 31-jährigen David Herbert, die inmitten der Ausstellungshalle überlebensgroß von der Decke baumelt. Die Werke entstanden wie die meisten der hier ausgestellten Arbeiten, bevor der große Zirkus USA seinen neuen, jugendlich-frischen Direktor bekam.

Es wäre auch verkürzt, sie auf bloße Metapher zur Lage der Nation festzulegen. Aber die Ausstellung kommt in diesen Tagen nicht drum herum, als Bebilderung einer Umbruchsituation gesehen zu werden, in der die Weltmacht schwindelig aus dem Jahrmarkt torkelt und sich erst wieder in der Realität zurechtfinden muss. „An Exhibition Made in America“ – der Zusatz im Titel hat einen ironischen Beiklang, geht dieses Siegel doch nicht mehr ohne Weiteres als vertrauenstiftendes Qualitätsmerkmal durch. Die zeitgenössische Kunst ist jedenfalls auf Distanz gegangen. Im Rahmenprogramm „Discover US!“ in Kooperation mit der Jazz- Werkstatt Berlin-Brandenburg und dem Kino Babylon Mitte präsentieren Jazzmusiker und Literaten ein Land, das sich auf europäische und jüdische Traditionen rückbesinnt, wie Erik Friedlander mit Kompositionen von John Zorn oder Konzeptdichter wie Robert Fitterman und Vanessa Place.

Das Karnevals-Thema mit seinen schrillen Attraktionen, Tänzen und Maskenspielen ist ein gelungener Zugriff, um die Supermacht und ihre Träume einmal kräftig durchzuschütteln. Im Karneval tanzen die Verhältnisse, soziale Grenzen werden transzendiert, die Masken der Macht heruntergerissen. Freiheit, das große Versprechen Amerikas, ist auch das des Karnevals, und seit den Jahrmärkten und Wanderzirkussen des 19. Jahrhunderts ziehen sich entsprechende Motive durch die amerikanische Kunst und Literatur, wie Kurator Gregory Volk in seinem Katalogtext betont.

Zugleich waren in der Wiege der westlichen Vergnügungsindustrie die Spektakel und Attraktionen immer auch Motoren sozialer, wirtschaftlicher und kultureller Veränderungen: Coney Island, Atlantic City, Las Vegas, Hollywood. Nahm der Verfall des ersten Vergnügungsparks vor den Toren New Yorks nicht den Fall der Börsenkurse symbolisch vorweg?

Es passt, dass diese Ausstellung im Wedding ihren Ort gefunden hat, dem alten Arbeiterbezirk, in dem Armut, Scheitern und das Aufeinanderprallen sozialer Gegensätze einen ganz eigenen Glanz gebären. Superhelden in dicken Picaldi-Hosen, grell geschminkte Straßenkämpferinnen, die sich vor den Schulhöfen Faustkämpfe liefern – der Wedding wird wesentlich erträglicher, betrachtet man ihn als große Karnevalsveranstaltung.

„Grnad Opening“ begrüßt ein Banner über den Toren der ehemaligen Straßenbahnwerkstatt schelmisch den Besucher. Eine Reminiszenz auf all die falsch geschriebenen Versprechungen, die man hier an jeder Ecke findet, auf Kneipenschildern und in den Schaufensterdekorationen der Ramschläden. „Der Wedding kommt“, raunen sich die hier ansässigen Studenten und Künstler seit Jahren zu. Augenzwinkernd, versteht sich, denn der Wedding kommt nie.

Oder doch? Die Galerien sind entlang der Brunnenstraße gefährlich weit vorgerückt. Die junge stilbewusste deutschsprachige Szene hat sich mit dem „Wedding“ inzwischen ein eigenes Magazin geschaffen, das sich liebevoll den lokalen Kulturen widmet, frei von ironisch-überlegenem Hipster-Blick. Und nun wächst in einem lauschigen Eck an der Panke, nicht weit vom Gesundbrunnen, ein Kulturzentrum heran. Einst ein Pferdebahnhof, wurden die Uferhallen 1924 von Architekt Jan Krämer zum Straßenbahndepot umgebaut. Die BVG hatte hier ihre Werkstätten, bis 2006 ein privater Träger das 37 000 m² große Gelände kaufte.

Seit letztem Jahr wird die 3000 m² große Zentralwerkstatt als Ausstellungsort vermietet, im November etwa für den Monat der Fotografie. Ein Kunstort mit inhaltlichem Profil ist es deshalb noch nicht. Im Herbst will das Netzwerk TanzRaum Berlin GmbH, das die Kräfte von Institutionen und freier Szene bündelt, die „Uferstudios“ eröffnen, ein Zentrum für zeitgenössischen Tanz.

Rosane Chamecki und Andrea Lerner tanzen sich in der aktuellen Ausstellung mit ihrer „Flying Lesson“ schon mal warm. Das Video zeigt die beiden Künstlerinnen bei Flugstunden im Studio. „Unos, dos, tres!“, rufen sie und wedeln mit den umgebundenen Flügeln. Bis sie plötzlich abheben, umeinander flattern und Pirouetten drehen, hinaus in die Stadt. In den Grafitzeichnungen von Laura Bruce, die an die Hudson River School, aber auch an chinesische Landschaftsmalerei erinnern, ist es die Natur, die einen bedrohlichen Tanz beginnt. Sumpfkraut weht über den Bildvordergrund wie der Atem einer nahenden Katastrophe. Ungerührt poliert ein Anwohner sein Auto. Großartig die Rhythmisierung der Motive durch kahle Äste, Blätter und Sonnenflecken, die Verschiebung in den Bildschichten, die die sicheren Holzhäuser der Siedler nach hinten und die Naturkräfte als Spiegel des Unbewussten nach vorne kehrt.

Die Wärme, die von den über 500 Glühbirnen ausgeht, die Nadine Robinson zu einem Stern arrangierte, ist trügerisch. Wie ein uramerikanisches Glücksversprechen mit Las-Vegas-Appeal vom hinteren Ende der Halle lockend, entpuppt sich die Arbeit aus der Nähe als Verkörperung des biblischen Sterns „Wormwood“, der in der Offenbarung des Johannes vom Himmel auf die Erde fällt, den „dritten Teil der Gewässer“ vergiftet und Menschen tötet.

So verschränken sich Unterhaltungsindustrie und Apokalypse. Dem amerikanischen Traum sind vielleicht nicht die Lichter ausgegangen, aber seine Leuchtreklamen müssen sich nun doch vor der Energiebilanz verantworten.

adkv - art cologne preis
für kunstkritik 2012