Stadtplanung auf Sicht

Bei der Architekturbiennale São Paulo trifft deutsche Planungswut auf brasilianische Improvisationsnot

Der Tagesspiegel, 28. November 2011

Die Häuser zu eng, die Fertigteilkonstruktion von gestern: Die Rekonstruktion der Studentensiedlung im Olympischen Dorf in München durch das Büro Bogevisch sei doch sehr streitbar, findet Architekturprofessor Paulo Bruna. Wie konnten die deutschen Baunormen derart ausgehebelt werden? Nur die historische Bedeutung rechtfertige den aufwändigen Wiederaufbau.

Dann Han Slawiks schwimmendes Veranstaltungszentrum aus Containerelementen für die Hamburger IBA: In Brasilien wäre dieser Luxus unmöglich, wo Stahl viel teurer sei als Stahlbeton. Der Professor hält die Broschüre der Deutschen Architektenkammer hoch: "Nach Ihrer Ankündigung habe ich technologisch anspruchsvolle Architektur erwartet und nachhaltige Lösungen."

Die deutsche Delegation erlebt ihre Überraschungen bei der Eröffnung der 9. Architekturbiennale São Paulo. In der Stadt mit den meisten Favelas Amerikas, vielleicht der Welt, müssten temporäre Architekturen doch gefragt sein; müssten die Pavillons des Olympischen Dorfes, die jeder Bewohner selbst bemalen darf, doch ein Modell sein für Bürgerbeteiligung in Urbanisierungsprozessen. Und dann loben alle drei brasilianischen Kritiker in einer Podiumsdiskussion ausgerechnet das sich rücksichtsvoll in die Nachbarschaft fügende Berliner Atelier-Wohnhaus von Arno Brandlhuber, das zuhause auch das Image einer Luxusfavela hat. "Es setzt sich mit der Stadt in Beziehung, ohne sie zu dominieren", begeistert sich Theoretiker Luiz Recaman und sieht ein Modell für eine lokal spezifische Stadtplanung anstelle der Masterpläne des 20. Jahrhunderts. Das Einwandererland Brasilien mit seiner Patchwork-Identität sei dafür prädestiniert, "wegen unseres nicht verallgemeinernden Denkens."

Deutsche Genauigkeit und brasilianischer Pragmatismus: Gerade wo es spannend werden könnte, gehen die Deutschen zu Verteidigungsreden über und DAK-Vorsitzender Sigurd Trommer nutzt das Schlusswort für ein persönliches Plädoyer für Denkmalschutz und Rekonstruktion: In der "beschleunigten Gegenwart" brauche es gewisse "Fixsterne", die "die Leute dazu bringen, sich mit ihrer Stadt zu identifizieren." Die Deutschen haben echt andere Probleme als die Brasilianer.

In der drittgrößten Stadt der Welt ist kein Gebäude älter als achtzig Jahre. In hundert Jahren hat sich die Bevölkerung verhundertfacht, ein Drittel der heute 20 Millionen im Großraum São Paulo lebt in den 1300 Favelas. São Paulo schöpft seine Gestalt im Wildwuchs, Stadtplanung ist hier ein Hinterherräumen, ein Fahren auf Sicht. Seit 2005 sorgt ein Reklameverbot für bemerkenswerte visuelle Ruhe im Stadtraum, dessen Fassaden jetzt nur die Runenzeichen der Graffitigangs zieren, die sich von Hochhausdächern und -fenstern abseilen. Zur Abwehr hängen oft riesige Moskitonetze vom Dach bis zur Straße. "Wir haben keine Identität, die man schützen müsste", erklärt Luiz Recaman im persönlichen Gespräch. "Wir müssen sie erst bauen. Das ist ständige Aushandlung, ein Kampf."

Während obiger Han Slawik schwimmende Städte für steigende Wasserpegel erträumt, stand den Bewohnern von Paraisópolis regelmäßig das Abwasser bis zum Hals. Die Favela im Süden der Stadt ist zum städtebaulichen Experimentierfeld geworden, das nun wiederholt auf einer Biennale präsentiert wird. Sie liegt in einer Senke zwischen Apartmentblocks des wohlhabenden Viertels Morumbi, eine Vorratsgrube günstiger Arbeitskraft. Reichen- und Armenviertel sind sich bedingende Teile einer Ökonomie, und wenn jetzt mit staatlichen Geldern in Paraisópolis Schulen, Sportplätze, Grünflächen und ein Open-Air-Kino gebaut werden, hat das auch eine Inflation von Wohnraum zur Folge.

Doch darum können sich die Sozialarbeiter nicht kümmern, die Bewohner einzeln in den selbst gebauten Ziegelhütten besuchen, um gemeinschaftlich Sanierungen und die Vergabe von Gewerbeflächen zu besprechen. Bis Wasserleitungen und asphaltierte Straßen gebaut sind, stehen Übergangshäuser bereit. Die dunklen Plattenkasernen mit Wohnungen in Standardgröße erinnern die deutschen Besucher mit Grauen an die Sackgassen der Moderne. Wirken die informellen Siedlungen nicht viel kreativer und lebendiger, ließe sich die individuelle Improvisationskunst nicht nutzen? Mit Slumromantik muss man den Bewohnern natürlich nicht kommen. Bei einer Wohnungsbesichtigung überraschen Küchenzeile und Flachbildfernseher – letzterer zeugt allerdings weniger von kleinbürgerlichem Wohlstand als vom blühenden Kreditgeschäft der Banken.

São Paulo, als wirtschaftliches und kulturelles Zentrum das New York des Südens, ist ein beispielhafter Fall im globalen Verstädterungsprozess, es ist die Antithese zur Museumsstadt Venedig und eigentlich prädestiniert für eine Architekturschau, die globale Probleme aus der Perspektive der Südhalbkugel adressiert. Seit 1951 findet hier die zweitwichtigste Kunstbiennale der Welt statt, für die Oscar Niemeyer markante Bauten im Parque do Ibirapuera gestaltet hat. Auch Gregori Warchavchik und Lina Bo Bardi haben in São Paulo modernistische Ikonen hinterlassen, die allein die Reise lohnen. Die Architekturbiennale wurde 1973 gegründet, ruhte während der Militärdiktatur lange und findet seit 1997 im Zweijahres-Rhythmus statt. Seit der letzten Ausgabe ist sie in einer konzeptuellen wie finanziellen Krise.

Im Streit mit der Biennale-Leitung musste der brasilianische Architektenverband in das Nachbargebäude OCA umziehen, ein weißes Niemeyer-Betoniglu mit Bullaugen und geschwungenen Rampen. Eine schöne Bühne, nur schlecht bespielt. Der Teil, der in der Eröffnungstagen überhaupt aufgebaut war, präsentierte trockene Stellwände, vorwiegend in Portugiesisch, ohne moderierende Themenführung. "Architektur für alle – Bürgerschaft aufbauen", tönt das Motto, das vielleicht am ehesten an den öffentlichen Legobautischen umgesetzt ist.

Auch die internationale Beteiligung ist gering, so sind etwa die USA, Japan oder die Schweiz gar nicht präsent. Norwegen zeigt entzückende Holzbauten in schöner Landschaft, Frankreich hat seinen Pavillon von der letzten Venedig-Biennale nochmal aufgestellt. Zumindest die Niederlande genügen dem Motto mit einer Zusammenschau architektonischer Guerilla-Interventionen.

Biennalen sind nicht nur Branchenforen, sie sind auch Standortwerbung, für die Veranstalter wie die Aussteller. In São Paulo ist somit abzulesen, dass der brasilianische Markt nicht besonders ernst genommen wird, auch nicht von deutscher Seite. Ulrich Hatzfeld vom Bundesbauministerium nennt São Paulo immerhin einen "der größten deutschen Industriestandorte".

Umso gelungener ist die deutsche Ausstellung. Sie würdigt rücksichtsvoll und bezugreich sich in die Umgebung schmiegende Bauten wie Gabriele Glöcklers Leipziger Nationalbibliothek oder die Konzernzentrale der AachenMünchener von kadawittfeldarchitektur. Sie zeigt mit Obermeyers "Culture Wave City" deutsche Großplanung in China. Und sie hält die gefragten nachhaltigen Lösungen bereit, wie eine umweltschonende Eisenbahnbrücke von SSF Ingenieure oder das energiesparende Süddeutsche-Verlagshaus von GKK +. Das offene Ausstellungsdesign des Büros Jürgen Mayer H. verteilt die zwanzig Projekte spielerisch im Raum.

Ein ungelenker Stolz spricht allerdings aus dem Titel "Baukultur Made in Germany", der provinziell wirkt in einem Industriestaat, dessen Banken krisenfester sind als die europäischen. 15 Millionen neue Arbeitsplätze sind seit Lula da Silvas Sozialreformen entstanden. Wobei die degressive Einkommenssteuer die Gesellschaft weiter spaltet und die Lebenshaltungskosten Richtung Schweizer Niveau tendieren, so dass auch Angehörige der Mittelschicht ihre Winterjacke in Raten zahlen müssen. Gleichzeitig wächst die Nachfrage für private Luxusbauten.

Eine Billion Dollar werden bis 2014 in die Infrastruktur investiert. Dann ist Fußball-WM in Brasilien, und fünf neue Stadien werden von Deutschen geplant sein, von den Dachexperten schlaich bergermann und partner, die im Deutschen Pavillon auch eine filigrane Fußgängerbrücke zeigen, und den allgegenwärtigen Gerkan, Marg und Partner (gmp). Eins entsteht in Manaus. Wenn gmps Brasilienleiter Ralf Amann vom undurchsichtigen Verhalten der Behörden im Amazonasgebiet erzählt, hat das durchaus Parallelen zu Fitzcarraldos Versuch, mit Hilfe von Eingeborenen ein Schiff über den Berg zu ziehen. "Deutsche machen einen großen Fehler, wenn sie denken, man könnte seine Portfolios vorstellen, Verträge unterschreiben und wieder gehen. In Brasilien muss man immer auf Manndeckung spielen."

Das Interesse am deutschen Auftritt ist bemerkenswert, was auch dem Ort zu verdanken sein mag: Die Ausstellung ist im Centro Cultural São Paulo untergebracht, einem Betonkomplex von Eurico Prado Lopes und Luiz Telles von 1982, in dem Kleinfamilien mit Laptop auf dem Boden kauern, Studenten auf Transparenten diskutieren und Jazztanzgruppen auf dem Flur üben. Die Verwirklichung soziokultureller Utopien, in ihrer Selbstverständlichkeit für den deutschen Besucher nur verblüffend. Mag der gebaute Raum in Brasilien oft lieblos erscheinen – der soziale ist es nicht.

Professor Renato Anelli von der Universität São Paulo hat letztes Jahr im Auftrag der IBA in Hamburg-Wilhelmsburg geforscht und war überrascht über die ethnisch segregierte deutsche Gesellschaft. Das wäre nun wirklich interessanter Gesprächsstoff. Aber Deutsche erzählen im Ausland halt oft lieber von sich selbst.

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für kunstkritik 2012