Schweinelaut

Matthew Herbert führt im Berghain sein Album "One Pig" auf, das das Leben eines Schweins vertont

Der Tagesspiegel, 19. November 2011

Im Berghain ist bekanntlich manche Ausgefallenheit zu sehen, selten aber Stroh. Es steht in Ballen bereit für eine ausgefallene Performance: Matthew Herbert, Produzent und Klangkünstler, führt sein Album „One Pig“ auf. Als Hauptinstrument diente darauf ein Mastschwein, das Herbert adoptiert hatte und auf dem Bauernhof mit dem Mikro begleitete: vom Aufschlagen des Neugeborenen auf dem Boden über das reife Grunzen bis zum Geschirrgeklapper des abschließenden Festessens. Nur beim Schlachten selbst verbot das britische Recht die Anwesenheit des Künstlers.

Im Beißreflex war auch gleich die Tierschutzorganisation Peta zur Stelle. Als würde über den Umgang der Menschen mit Tieren in einem Tonstudio entschieden! Oder in einem Konzertsaal. Und als eröffne Herberts Projekt nicht einen Reflektionsraum dafür, wie sehr der Mensch der Industriegesellschaft die Folgen seines Handelns ausblendet.

Die Umsetzung im Berghain ist so sehr Theater wie Konzert: Fünf Männer in weißen Kitteln an Samplern und E-Drums, in der Mitte ein quadratisches Tiergehege. Musiker Yann Seznec hat es eigens entworfen, wie ein Boxer hängt er sich in die Drähte, die als Seilzüge Grunz-, Quiek- und Rauschsamples anspielen. Eine wunderbare Umkehrung von Kontrolle und Verstrickung. Zerriebenes Stroh und das Sägen eines Knochens dienen als Klangerzeuger und Atempausen zwischen stanzenden Schlachthofrhythmen, die in ritueller Spannung die wohl austarierte Dramaturgie stützen. Diese nähert sich dem Höhepunkt, als Berghain-Hauskoch Thomas Kaiser hinter die Herdplatten tritt und der Duft gebratenen Ibérico-Schweins den Raum füllt, der in den Anwesenden selbst das Tier weckt. Nach einem Finale zu fünft im Gehege singt Herbert eine Ode an das Schwein, bevor der gedeckte Tisch vor die Bühne getragen wird, zur gemeinschaftlichen Fütterung.

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für kunstkritik 2012