Schreck lass nach!

Der Künstler Martin Zet will Sarrazin-Bücher sammeln und recyceln. Warum reagieren Kritik und Institutionen so aufgeregt? Ein Kommentar

Was ist der Aufruf zur freiwilligen Buchabgabe gegen die Vernichtung kulturellen Erbes im Faschismus? Was eine provokante Kunstaktion gegen das Feuer der Empörung, das zur Zeit auf die Berlin Biennale, ihren Kurator und den Künstler Martin Zet niedergeht?

Per Pressemitteilung bot sich am Donnerstag die ifa-Galerie wie andere Kulturinstitutionen als Sammelstelle für die Aktion "Deutschland schafft es ab" an. Mit ihr ruft die Berlin Biennale auf, Exemplare eines ähnlich lautenden Bestsellers abzugeben, aus denen der Künstler Martin Zet eine Skulptur errichten möchte. Später sollen die Bücher "für einen guten Zweck" recycelt werden.

Sofort hagelte es auf der Website der Berlin-Biennale empörte, auch xenophobe Kommentare. In den Feuilletons beklagten Kommentare die Nähe zu den Bücherverbrennungen von 1933. Die Kunst-Werke, Veranstalter der Berlin-Biennale, schafften sich selber ab. Ja, teils fürchtete man um den ganzen Kulturbetrieb!

Prompt riss die ifa in einer "Berichtigung" das Ruder um: Zets Aktion sei "vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte in seiner Form und Umsetzung nicht akzeptabel", schrieb Generalsekretär Ronald Grätz. Auch dem Bauhaus Dessau wurde es zu heiß. Das Haus der Kulturen der Welt distanzierte sich teils von der Aktion – scheinbar überrascht über die Assoziationen mit der Bücherverbrennung.

Die Bombe hat gezündet. Deutschland hat einen ähnlichen Skandal, wie ihn Christoph Schlingensief 2001 mit seinem "Ausländer Raus"-Container in Wien schuf. Gut, Schlingensiefs Aktion war wesentlich komplexer als die Zets. Die hat einen einfachen Gegner und ist ungeschickt lanciert. Dass der Künstler jetzt selbst gegenüber der "Welt" Zweifel hegte, ob die Aktion funktioniert, untergräbt den Glauben an seine Ernsthaftigkeit. Doch um Bücher geht es schon nicht mehr. Sondern um das wichtigste Anliegen des Biennale-Kurators Artur Zmijewski: Auseinandersetzung.

Man kann in "Deutschland schafft es ab" einen zynischen PR-Gag sehen. Oder ein Angebot: Eigentlich geht es hier darum, was Kunst kann, darf und soll.

Christoph Tannert, Leiter des Künstlerhauses Bethanien, hat seinen Standpunkt immerhin im Vorhinein geklärt und erst gar nicht mitgemacht. Als er im Deutschlandradio das Recycling von Büchern mit Zensur gleichsetzte, vertauschte er allerdings die Kategorien: Martin Zet fragt nach Möglichkeiten, auf rassistische Tendenzen zu reagieren. Der Zensur-Gedanke liegt eher in Tannerts vorschneller Abwehr einer künstlerischen Geste.

Vielleicht muss man spät geboren sein, um Schwierigkeiten zu haben nachzuvollziehen, warum sich das Verstecken hinter dem historischen Schrecken so ruckartig vollzieht. Hier sei nochmal daran erinnert: Zets Aktion ist an keiner Stelle ein Moment der Gewalt eingeschrieben. Dass er den Recycling-Gedanken in die Nähe von Säuberungsfantasien rückt, ist natürlich kitzlig, aber interessant. Der Aktion ist die Möglichkeit einer Assoziation mit der Bücherverbrennung klar eingeschrieben. Doch ist das weniger bedenklich als der vorschnelle Gebrauch, der von dieser Möglichkeit gemacht wurde. Wer sich auf Youtube die Rede Goebbels' auf dem Opernplatz ansieht, kann nicht ernsthaft Zets Aktion an den Pranger stellen.

Wie viel Angst hat eine Gesellschaft vor sich selbst, wenn sie so reagiert? Was genau wollen die Reaktionen schützen? Das Buch? Die Kunst? Oder die Möglichkeit, sich hinter ohnehin unproblematischen Standpunkten zu verschanzen? Wer wirklich Bücher liebt, muss doch Auseinandersetzung begrüßen. Vielleicht liegt ein Teil der Provokation darin, dass hier ganz platt mit der empfindlichen Wirklichkeit gearbeitet wird, anstatt Ausflüge in fantastische Welten zu entwerfen. Und das trifft den Kern des Programms der Ende April eröffnenden Biennale. Artur Zmijewski will polarisieren, Fronten schaffen und angestaute gesellschaftliche Spannungen in produktive Reibung bringen. Und, ehrlich gesagt: Das kann dem überspannten deutschen Diskursklima nicht schaden.

Der eigentliche Skandal ist, dass nach der Entfernung einer kontroversen Videoarbeit Zmijewskis aus dem Martin-Gropius-Bau ohne Rücksprache mit Künstler oder Kuratorin nun zum zweiten Mal in diesem Winter einem osteuropäischen Künstler (Zet hat einen tschechischen Pass) vorgeworfen wird, sich an der deutschen Geschichte zu vergreifen. Dass Institutionen, deren Auftrag darin besteht, Gegenwartskunst, und sei sie noch so schwierig, zu vermitteln, in solchen Fällen zurück schrecken und sich für nicht zuständig erklären, ist bedenklich.

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für kunstkritik 2012