Schleusen auf!

Ein bisschen mehr Neugier bitte! Zum Tag des geistigen Eigentums

Der Tagesspiegel, 26. April 2009

Man stelle sich mal vor, das Radio wäre verhindert worden. Musiker weigerten sich anfangs, dafür zu spielen, sie fürchteten, keiner käme mehr zu Konzerten. Stattdessen aber brachte das Radio das Musikgeschäft hervor, wie es heute ist. Im Kino erinnert gerade „Radio Rock Revolution“ daran, dass den Briten ihre Popmusik von Piratensendern beigebracht werden musste – gegen den Willen der Politik, die den Untergang der Kultur fürchtete. Dreißig Jahre später grinste der Premierminister von „Cool Britannia“ an der Seite von Britpop-Künstlern in die Kameras.

Die Zukunft ist nämlich immer auf Seiten der Piraten. Das wissen die Halunken vom Download- Suchdienst Pirate Bay, die jetzt in Schweden hinter Gitter sollen. Deshalb sind die auch immer so provokativ gut gelaunt.

Heute wird wieder der Untergang der Kultur beschworen. Die Umsonst-Mentalität des Netzes bedrohe Wissenschaft und Journalismus, schreibt „Die Zeit“. Große Geschütze werden gerade aufgefahren, damit alles so bleibt, wie es ist. Dass Schriftsteller und Wissenschaftler mit dem „Heidelberger Appell“ die Politik aufwecken wollen, ist gut. Aber auch hier: Ressentiments und kulturpessimistische Reflexe. Der Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels fordert, wie viele in der Kulturwirtschaft, das „Three Strikes Out“-Modell gegen illegale Downloader. Der Ausschluss von Bürgern aus dem Internet ohne gerichtliches Verfahren - das ist die Bedrohung unserer Kultur.

Ein bisschen mehr Neugier bitte! Mehr Vertrauen in die Zukunft! Es ist heute möglich, Kulturgüter ungebremst zu tauschen, mit maximaler Reichweite und minimalem Aufwand. Ist das nicht großartig? Jetzt muss man nur gucken, dass die Künstler auch was davon haben.

Heute ist Tag des geistigen Eigentums. Bedroht ist dieser Dynamo der Moderne nicht nur von den Piraten, sondern auch von jenen, die die Zeit zurückdrehen wollen. Medientechnologische Umwälzungen lassen sich nicht aufhalten. Aber sie lassen sich gestalten. Schutz der Urheber oder freier Austausch – wieso soll man sich da überhaupt entscheiden? Es gibt eine Lösung, die beides vereint: die Kulturflatrate. Jeder zahlt eine Download-Pauschale, keiner muss sich verstecken. Statt zu Kontrolle und Ausschluss ließen sich so die technischen Möglichkeiten nutzen, um die Urheber zu entlohnen. Rechtlich kein Problem, toll für die Künstler, sagt das Institut für Europäisches Medienrecht. Fehlt nur die Lobby. Die Industrie mag die Kulturflatrate nicht, denn ihre Position wäre geschwächt. Und das wäre toll. Mit technischen Bedürfnissen ändern sich nun mal die daran gebundenen Geschäftsmodelle.

Datenpiraten gegen Kulturwirtschaft: ein Stoff für künftige Filme. Die Rollen werden gerade verteilt. Die Verwertungsindustrie könnte da wie ein altes Bergvolk anmuten, das zum Wohle aller einem großen Wasserkraftwerk weichen soll. Den Häuptling spielt dann ein Pop-Lobbyist. Generationen lebte sein Volk vom Kohlebergbau. Und jetzt soll es seine Existenzgrundlage preisgeben?

Ja! Bitte! Öffnet die Schleusen! Und werft die Generatoren an!

adkv - art cologne preis
für kunstkritik 2012