Putins größter Künstler

Wogegen kämpfen Pussy Riot? Wer Russland verstehen will, sollte sich die staatstragenden Werke von Surab Zereteli anschauen

Welt am Sonntag, 23. September 2012

Wie es der russische Staat mit politischer Performance-Kunst hält, steht seit dem Pussy-Riot-Urteil fest: zwei Jahre Arbeitslager.

Bislang wurde die feministische Gruppe kaum Gegenstand der Kunstkritik. Als hätten die jungen Mütter nicht mit klug platzierten Setzungen die machistische Ordnung, in deren Namen Wirtschaft, Staat und Kirche ihren Krieg gegen die Zivilgesellschaft führen, bloß gelegt. Doch selbst Liberale sehen in Pussy Riot oft nur Punks, die mit wilden Selbstinszenierungen provozieren wollen. Dabei wurden die Künstlerinnen im frivol zusammen gejazzten Prozess selbst Opfer einer viel größeren, viel lauteren und schrilleren Totalperformance, die die eigentliche Provokation darstellt und die sich aller verfügbaren Kunstformen bedient, unter anderem auch Skulptur.

Dies ist ein Text über die Freiheit der Kunst. Aber gedacht von ihrem anderen Ende her: von der Seite der Macht.

Neben aktivistischer Kunst ist die Kritik auch oft auf einem anderen Auge blind: bei Volkskunst, Kitsch und Propaganda. Als könnte nur die originelle, konzeptuell rückversicherte Kunst, die man im Westen hoch hält, den Lauf der Welt beeinflussen. Und als würde alles Schlechte verschwinden, solange man nur einfach nicht hinschaut.

Wer sich ernsthaft mit der Rolle von Kunst im heutigen Russland beschäftigen will, sollte mal eben alle Hoffnung fahren lassen. Der sollte Pussy Riot beiseite stellen oder Andrej Monastirski, der 2011 im russischen Pavillon in Venedig vorgestellt war, den aber zuhause kaum jemand kennt. Der sollte eine Schiffsfahrt auf der Moskwa buchen, vorbei an der 96 Meter hohen Statue Peters des Großen, in römischer Toga aus Glubschaugen von einer Fregatte starrend, die auf einer hellschwarzen Wasserfontäne thront. Die zwölftgrößte Statue der Welt ist zugleich die zehntscheußlichste, wie die Website „Virtual Tourist“ ermittelt haben will; ein einem Vergnügungspark entlaufener Albtraum; aber bestauntes Fotomotiv von Touristen aus der Provinz.

Ein Zar in römischer Toga? Das ist eine jener mutigen, unabhängigen Geschmacksentscheidungen des Künstlers Surab Zereteli, Träger des Staatstitels „Künstler des Volkes“, Präsident der Russischen Akademie der Künste, Unesco-Botschafter und enger Freund des früheren Bürgermeisters Juri Luschkow. Während dessen Regierungszeit durfte der 1943 geborene Georgier weite Teile des öffentlichen Raums mit seinen immer leicht aus der Form geratenden Skulpturen voll stellen, ohne öffentliche Ausschreibung, versteht sich. Denn die Macht ist in Russland nicht nur in der Politik konzentriert, sondern auch in der Kunst.

Zereteli und Pussy Riot: Das sind die Extreme, zwischen denen die Geschmacksgräben verlaufen. Wer wirklich an Russland interessiert ist, sollte beide kennen. Will man die Welt verändern, sollte man sich erst mal versichern, wie schlecht sie tatsächlich gemacht ist.

Läuft man vom Kreml nach Westen, kommt man zum Neubau der Christ-Erlöser-Kathedrale, in der Pussy Riot auftraten. Sie lässt sich als an Shopping Malls geschulte Replik des 1931 zerstörten Originals beschreiben. Die verkitschten Neufassungen orthodoxer Wandgemälde stammen, man konnte es sich denken, von Surab Zereteli. Doch eine weit betörendere Erfahrung wartet 500 Meter weiter in einer neoklassizistischen Villa aus dem 18. Jahrhundert. Über drei Stockwerke ergießt sich hier ein haltloses Wuchern der Farben und Formen, wird die Kunstgeschichte vom Kirchenrelief bis zur kubistischen Stierkampfszene noch einmal erzählt – aus der Hand eines einzelnen Mannes.

Surab Zereteli bekam das Haus von der Stadt überlassen, so wie auch zwei andere "Künstler des Volkes" in der Nähe ihre eigenen Museen einrichten durften: der Porträtist Alexander Shilov und der orthodoxe Historienmaler Ilja Glasunov, der sich um die Wiedereinführung der Monarchie bemüht. Gemeinsam umfassen sie Kreml und Kirche mit einem antiavantgardistischen Schutzwall.

Während man am anderen Flussufer in der berühmten Tretyakov-Galerie fast allein mit den Meisterwerken des Suprematismus ist, erfreut sich die Zereteli-Galerie großer Beliebtheit. Und während das Personal in den meisten Museen guckt wie Jahre nicht bezahlt, sind die Kassen- und Aufsichtsdamen hier gut gelaunt und überaus zuvorkommend.

Es ist ja auch ein freundlicher Ort, beseelt vom Glauben an die Kunst. Dicht an dicht quellen Blumen und Frauenrundungen in Öl und Keramik aus üppigen Goldrahmen, wandern Jesus und Jünger über Emailletafeln, blicken die Vaterlandshelden vergangener Jahrhunderte feierlich gen Zukunft. Jeder Raum setzt dem vorigen ein Sahnehäubchen auf. Zereteli wechselt Stile wie Farbtuben und wildert ohne Zurückhaltung bei Picasso und Chagall. Glaubt man seiner Biografie, lernte er beide in Paris kennen. Und nimmt man seine künstlerischen Entscheidungen ernst, sieht er sich als legitimen Nachfolger. Eine Figurengruppe versammelt Picasso, Modigliani, Chagall, Matisse und Van Gogh in reger Diskussion vor einer Plastik zur Ansicht. Hing die nicht gerade…? Natürlich, die toten Meister bestaunen ein Motiv Zeretelis.

Wie gehemmt ist doch der westliche Kunstbetrieb, wie verkopft! Und wie unschuldig und freundlich dagegen die Volkskunst des Zereteli, die sogar den Tod auswischt.

Eine komplett eingerichtete Kapelle gibt es in der Prechistenkastraße. Einen doppelten Koloss von Rhodos. Einen Araber, der sich mit einem orthodoxen Juden argwöhnisch beäugt, ausladende Hakennasen beide. Es ist sicher ein gut gemeinter Beitrag zum Nahostkonflikt. Nur dass es in Zeretelis Werk alles gibt, nur keinen wirklichen Konflikt. Das macht seine Kunst so naiv, so unschuldig und so gefährlich.

Wie aber geht man mit ihr um? Sprengt dieses Werk doch alle Raster der Kritik. Sie entstammt nicht dem System von Angebot und Nachfrage, sondern dem von Zentralismus und Planwirtschaft: Zereteli war schon zu Sowjetzeiten ein gefragter Stadtmöblierer; was seinen Reichtum allerdings nur zum Teil erklärt. Er gibt legendäre Feiern in seinem Privathaus, wo auch die Roma-Familie aufspielt, die seit Jahren bei ihm wohnt. Das städtische Museum für Moderne Kunst gründete er zur Hälfte aus der eigenen Sammlung. Sie enthält sogar die Avantgardekunst, von deren Innovationsdruck er so frei ist.

In Bayonne, New Jersey, gegenüber von Freiheitsstatue und Ground Zero, steht seit 2006 eine gewaltige steinerne Vagina mit einer eingehängten Träne aus Stahl, aus der Wasser tropft – das „Denkmal für den Kampf gegen den Weltterrorismus“, ein Geschenk Wladimir Putins, ein Werk Zeretelis. Es wollte sie wohl niemand so wirklich haben in New Jersey, aber sie ist nun einmal da.

Surab Zereteli ist kein Menschenfeind. Er begegnet der ganzen Welt mit dem freundlichen, wohlwollenden Blick eines stets versorgten Jungen. Das ist das Paradox dieses Werks: Es ist der Überfluss an zwielichtigem Geld, der Zereteli ungezügelte Freiheit sichert. Es ist die lebenslange Nähe zur Macht, die es ihm erlaubte, seine Unschuld zu bewahren.

In einem Grußwort empfiehlt der mehrfache Museumsdirektor, der erst im Februar ein neues Haus in Tiflis einweihte, der Kunstbetrachtung die Ethnographie zur Seite zu stellen. Man füge noch die Psychoanalyse hinzu und hat einen Werkzeugkasten zum Verständnis gerade seiner eigenen Kunst.

Höhepunkt und Kraftzentrum des Museums ist ein kirchengroßer Lichthof, die Wände nach orthodoxer Art verplombt mit Bibelszenen. In Grabeskälte drängen sich die Vaterlands- und Christentumshelden im Monumentalformat: ein expressionistischer Täufer Johannes, Puschkin, die drei Musketiere (sic). Vor einer Kriegsdenkmalhaften „1918“ sitzt die Familie von Zar Nikolaus II., die von den Bolschewiken erschossen und von der Kirche heilig gesprochen wurde. Während sie in Kirchenshops als Ikonen zum Verkauf stehen, sind sie hier in profan-realistischer Manier angeordnet wie zum Fototermin: Der Vater potent die Beine ausgestellt, die Töchter keusch die Hände vor dem Schoß gefaltet. In einem surrealistischen Kniff bieten sie ihre Körper mit geschlossenen Augen dar. Das sind keine Toten, das sind Gespenster. Sie waren nie fort, sie schlafen nur. Siebzig Jahre Sowjetzeit: nur ein böser Traum. Die Monarchen: unsere Väter.

Wir sind hier im symbolischen Herzen jenes Puppen- und Piratenstaates angelangt, dessen Selbstbild auf Verdrängung baut, in dem die Kirche für den Staat da ist und in dem sich niemand über einen früheren KGB-Offizier beim Sonntagsgebet wundert.

Überhaupt: Zereteli ist das Pendant zu Putin, stellt jeden Raum mit Allmachtsgesten voll, hat zu allem was zu sagen und bedient jede Rolle. Denkt man, biegt man um die Ecke und steht vor – Putin. Als Bronze. Im Judoanzug. Umgeben vom weiteren Banditenkabinett aus Politikern, Geistlichen und Filmregisseuren, das Russland auf national-reaktionärer Linie hält. Zweimal taucht Ex-Bürgermeister Luschkow auf: einmal als gedrungener Straßenkehrergigant, dem die Stadt zu Füßen liegt; einmal in der verwegenen Ausübung zweier Hobbies: Tennis und Fußball zugleich.

In diesem Haus hat die Geschichte 1918 aufgehört. Und erst 1992, mit Luschkows Amtsantritt, wieder begonnen.

"Bitte geben Sie acht mit der Skulptur", mahnt die Aufseherin höflich.
Kann die so leicht kippen?
"Schon, unser Charlie Chaplin fällt ständig um."

Ja, Charlie Chaplin ist auch da, als wacklige Bronze in einem eigenen Raum voll kecker Tramps in Öl. Zereteli trennt nicht zwischen Feldherren, Filmstars und Patriarchen, er malt und meißelt alles, wozu das einfache Volk aufblicken soll. Er übersetzt kleinbürgerliches Denken in große Gesten, losgelöst von jedem politischen und historischen Bewusstsein. So schafft er die universell einsetzbare Staffage für einen autokratisch organisierten Neoliberalismus ohne ethische oder ästhetische Verpflichtungen.

Alles hat seinen vorgesehenen Platz im Universum Zeretelis, und seine Kunst verweist ihre Betrachter auf den eigenen: „Du bist der Meister, Du bist der Schöpfer“, schwärmen die andächtigen Beiträge im Gästebuch. „In deinem Apfel fühlte ich mich endlich ganz als Frau.“ Der Apfel, das ist eine gigantische Höhle, in die man sich vorbei an den zugedrückten Zarenaugen schleichen kann. Adam und Eva umspielen sich im Arno-Breker-Stil, Entspannungsmusik lädt zum Verweilen wie in der Sauna und Kamasutra-Szenen auf der Innenwand zum Schwelgen. Der Apfel füllt die ganze Höhe der Halle und ist damit nicht nur eine etwas groß geratene Schöpfungsallegorie, sondern gerät zwischen all den Entdecker- und Erobererfiguren auch zur Metapher auf die Weltkugel. Und darauf zielt ja letztlich das grenzenlose Superego des Surab Zereteli: die Welt zu bejahen, wie sie ist und sie aus Liebe mit einem großen Schokoladenmantel zu umhüllen. Anders als die exorzistische Enthüllungskunst von Pussy Riot: Sie zeigt die Welt, so wie sie ist, und fordert eine neue.

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für kunstkritik 2012