One World Trade Center, New York

Das One World Trade Center in New York ist fertig. Aber wie sehr ist es da?

Spike Art Quarterly, 02. Januar 2015

Die Zwillingstürme des World Trade Center symbolisierten die Verewigung des kapitalistischen Systems. Waren New Yorks Gebäude bis dahin an der Pyramide orientiert, glichen die Türme mit ihrer blinden Fassade der Lochkarte und den Balken der Statistik. So Jean Baudrillard. Nun ist die Pyramide zurück, aber sie ist mit dem Balken verschmolzen. Das von David Childs entworfene One World Trade Center ist fertig. Schon musste es als Symbol für New Yorks neue Mutlosigkeit herhalten. Und stimmt schon, schön ist es nicht geworden. Sein Triumph beschränkt sich auf drei pragmatische Erfolge: dass es groß ist; dass es stark ist; vor allem aber, dass es endlich da ist.

Doch das Eigentümliche an diesem Neubau, der wie ein Projektil aus Lower Manhattan ragt, ist, dass man gar nicht so richtig sicher sein kann, ob er da ist oder überhaupt da sein will. An jeder Stelle gleitet der Blick ab, von keiner Seite gerinnt der Bau zur Form. Die Kubatur lässt sich tatsächlich als Versuch beschreiben, aus einem Quader eine Pyramide zu schnitzen: Von einem 57 mal 57 Meter großen Sockel steigen vier dreieckige Flanken in den Himmel. Unterwegs bilden sie einmal ein gleichmäßiges Achteck, oben münden sie auf 417 Metern Höhe in einem kleineren Quadrat, zu 45 Grad zum Grundriss verdreht. Nirgends ragt eine Symbolik aus dem strengen Korsett der Arithmetik: Auf 1776 Fuß endet die Spitze, das Jahr der Unabhängigkeit. Das sind 14,6 Meter mehr als die Spitze des World Trade Centers. 90 Zentimeter messen die Betonwände der Treppenhäuser. 400 Überwachungskameras füttern die Algorithmen der umliegenden Polizeistationen. Sieht man eine PBS-Dokumentation vom Mai, die plausibel illustriert, dass nur diese in sich selbst verwundene Form den starken Winden standhalten kann, erscheint es als Ding der Unmöglichkeit, dass die Zwillingstürme überhaupt einmal hier standen.

Dieses Haus duckt sich weg, vor den Winden wie vor den Blicken. Vor allem aber vor jeder Angriffslust. Es bietet keine Breitseite, nichts, das man zerstören wollen könnte. So sieht wohl die postikonische Architektur aus, auf die wir uns einstellen müssen. Eine Architektur, die ihrer möglichen Zerstörung zuvorkommt, indem sie sich quasi schon im Bau selbst rückbaut. Die um die Gefährlichkeit des starken Bildes weiß und sich funktional gibt wie die vorübergehende Visualisierung eines Algorithmus. Das One World Trade Center versagt sich den Triumph. Es strebt nach oben und zugleich nach unten. Es ist so nah an Camouflage, wie es ein Hochhaus nur sein kann. Eine ästhetische Anti-Terror-Maßnahme.

Längst ist die Hardware des Handelszentrums nach Midtown und New Jersey ausgelagert, die Brokerbüros mit ihren Serverparks. Lower Manhattan wird wieder zum Wohnviertel. Die Wunde schließt dieses Gebäude nicht, es wird immer zweite Wahl sein. Es ist damit ein voller Erfolg.

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für kunstkritik 2012