Neue Reinheit

Weg mit dem Ramsch: Rem Koolhaas bei den Berliner Lektionen

Der Tagesspiegel, 02. Februar 2009

Ein guter Architekt überzeugt mit Bildern. Ein herausragender Architekt misstraut den Bildern. Rem Koolhaas’ Vortrag am Sonntag bei den „Berliner Lektionen“ im Renaissancetheater demonstriert bereits in der Durchführung die beeindruckende konzeptuelle Kompetenz des Niederländers.

Da projiziert er eine Collage, in der sich die Ikonen zeitgenössischer Architektur im Wüstensand versammeln, zu einer „Parade der Clowns“. Das schreit ja (bei aller Verkürzung) geradezu: Weg mit dem Ramsch! Alles neu machen! Man sieht den Architekten selbst im Blitzlichtgewitter und dann sein Vorbild Mies van der Rohe mit dem New Yorker Seagram Building, konzentriert, ernsthaft, glaubwürdig, der Gesellschaft verpflichtet und nicht Ruhm und Kapital. So wie Koolhaas gerne wäre.

Die Stimme zurückhaltend, der Ton radikal, verbindet Koolhaas effektiv Kritik und Eigenwerbung. Die Medien hätten mit der Schöpfung des „Stararchitekten“ entscheidend zur Korrumpierung der Architektur beigetragen, sie von gesellschaftlichen Aspekten abgeschnitten und auf ihre Bildhaftigkeit reduziert.

Das sagt Koolhaas nicht zum ersten Mal. Da die Triebfeder dieser Entwicklung, das „Regime des Marktes“, nun geschwächt ist, scheint die Zeit reif für Besinnung. „Begrüßen wir die Entwicklung, die wir gerade erleben.“

„Mehr Gedanken“ erhofft sich der Architekt von der Zukunft und „mehr Gefühl“. Koolhaas’ Büro OMA will weg von der Virtuosität, hin zum „Generischen, zu einer Medizin, die billiger ist, aber wirkungsvoller“. Der Entwurf für das Zentrum von Dubai dient als Beispiel: ein 300 Meter hoher Kasten aus weißem Beton, der sich in der Mitte der Luxustürme mit der Sonne dreht und die Umgebung spiegelt. „Eine Geste der Reinheit.“ Hoffentlich reicht das Geld.

Ein Diagramm illustriert, wie die Kunstinstitutionen überall auf der Welt gemeinsam mit dem Markt wuchsen und von Orten der Kontemplation zu Versammlungsorten wurden. In Anish Kapoors und Olafur Eliassons Rieseninstallationen in der Tate Modern sieht der Architekt ein zunehmend autoritäres Auftreten von Kunst. „Sie zwingt die Leute in die Knie.“ Malewitschs Schwarzes Quadrat wirke dagegen nirgends so authentisch wie in der St. Petersburger Eremitage, in trübem Licht vor grüner Tapete. Was zu der Frage führt: „Sind architektonische Neuerungen überhaupt notwendig?“ Koolhaas’ behutsame Umgestaltung der Eremitage bis 2014 ist ein Beispiel für eine integrale Organisation von Architektur, Kunst, Geschichte und Öffentlichkeit. Das Humboldt-Forum erwähnt Koolhaas, der schon lange aus der Berliner Stadtplanung ausgeschlossen ist, mit keinem Wort. Was er in Bezug auf die Eremitage, das größte Museumslabyrinth der Welt, sagt, ist aber vorbildhaft für den Schloßplatz, wo derzeit angestrengt daran gearbeitet wird, die gewünschten Bilder mit Funktion zu füllen.

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für kunstkritik 2012