Negation und Exorzismus

Das erste Deutschlandkonzert von Odd Future Wolf Gang Kill Them All im Berliner Cassiopeia

Der Tagesspiegel, 07. Mai 2011

Wo die Gangster auch aufschlagen, die Presse ist schon da. Von der "LA Times" bis zur "SZ" wird der jüngste Auswurf aus Los Angeles gefeiert, von dem sich Hiphop-Größen wie Mos Def oder Kanye West die Erneuerung des Raps versprechen. So finden sich Odd Future Wolf Gang Kill Them All beim ersten Deutschlandauftritt im Cassiopeia vor der versammelten Fachpresse, die sich gegenseitig erzählt, wie cool sie von Frontmann Tyler, the Creator im Interview verarscht wurde. Der Wilde und der Forscher konstruierten sich schon immer gegenseitig. Zutatenliste für ein Erfolgsrezept:

Theatralität. Angesichts der Sexismus- und Homophobievorwürfe gilt festzuhalten: Der DJ ist eine Frau. Syd tha Kyd versetzt die Menge mit wabbelnden Dubstep-Bässen in Schwingung, bevor Tyler, the Creator und Kollegen die Bühne entern wie ein Überfallkommando, dem sich das Publikum entzückt als Geiseln ergibt. Bariton Tyler schleicht mit aufgerissenen Augen über die Bühne und schüttelt die Segelohren wie beim Exorzismus, während Hodgy Beats sich auf dem DJ-Pult räkelt wie ein gelangweilter junger Gott.

Risiko. Die Band schleudert Gratis-T-Shirts raus und holt am Ende einen entfesselten Mob auf die Bühne, bis die Security einschreitet. "Kill people, burn things, fuck school", schallt es noch lange im Chor. Odd Future suchen Momente der Entäußerung, in denen alles auf dem Spiel steht. Vergewaltigungsfantasien sind da nur ein Mittel. Die Gewalt in Raptexten ist ja zunächst immer eine rhetorische.

Negation. "I'm a motherfucking paradox / No I'm not": Das Neue und Aufregende an Odd Future ist, dass sich die Aggression immer auch gegen den Sprecher selbst richtet. Live herrscht musikalisch wie visuell ein überforderndes Nebeneinander, in dem nichts logisch aus dem vorangeganenen hervor gehen muss. Ein Konzert wie ein Youtube-Clip, der mehrmals hängt und dann abbricht.

Integrität. Was das Personal nicht schaffte, erledigte die Band: Sie sicherte dem einzigen Rollstuhlfahrer einen Vorzugsplatz auf der Bühne. Nach außen brüllen Odd Future gegen jede Ordnung an. Nach innen behaupten sie eine kumpelhafte Kollektivität.

adkv - art cologne preis
für kunstkritik 2012