Mauern im Kopf

An Roger Waters' zynischer Bildpolitik in "The Wall" zeigt sich die Selbstfixierung der Ersten Welt

Die Welt, 17. Juni 2011

1977 war unter Pink-Floyd-Fans der Überdruss an den immer eitleren Konzertinszenierungen so sehr gestiegen, dass ein Konzert in Montral wiederholt von lautstarken Liedwünschen gestört wurde. Bei Roger Waters hatte sich umgekehrt der Frust über den ausbleibenden Respekt so tief gefressen, dass er einem seiner Kunden spontan ins Gesicht spuckte. Während der große Ironiker des Gegenwartspops Chilly Gonzales heute sagt, das Publikum habe immer recht, war die Schrecksekunde für Roger Waters Anlass, die gewachsene Kluft noch zu festigen. Er führte die vierte Wand in den Rahmen des Popkonzerts ein. Die Rockoper "The Wall" war eine narzisstische, semikritische Rockstarreflektion und bildete einen Höhepunkt der wuchernden Stadion-Rock-Maschinerie, die auch Punk nicht stürzen konnte. Als Zirkus der Untoten geistern die alten Helden heute profitabler denn je durch die Konzerthallen, beispielhaft ins Bild gebracht durch ein Duett, das der Roger Waters von 2011 am Mittwoch in der Berliner o2-World mit dem Roger Waters von 1981 sang, mit der Halbakustischen vor dem Video einer alten Konzertaufzeichnung.

21 Jahre nachdem "The Wall" sich auf dem früheren Todesstreifen am Potsdamer Platz in die Wendelegenden einschreiben durfte, tourt Waters seit letztem Herbst mit einer aktualisierten Fassung. Die Dramaturgie mit der hinter einer wachsenden Mauer verschwindenden Band ist die gleiche, aufblasbare Riesenmarionetten verbreiten Geisterbahncharme, gleich zu Beginn gehen die Feuerwerke hoch und Hubschrauberrattern fegt im Surroundsound über die 11 000 Köpfe. Auch die Musik folgt einer historisch unkritischen Rekonstruktion, einschließlich der natürlich tollen Gitarrensoli.

Interessant sind vor allem zwei Elemente: Waters Gebrauch von Bildern; und von Arbeitskraft. Waters kehrt seine Imperialismus- und Kapitalismuskritik hervor, lässt seinen alten Grafiker Gerald Scalfe in neuen Animationsfilmen über die ganze Breite der Wand Kriegsflugzeuge Mercedessterne, Davidsterne und türkische Halbmonde abwerfen. Auf das Foto von Waters in Italien gefallenem Vater folgen Steckbriefe toter iranischer Dissidenten, die Opfer verschiedenster Konflikte mischen sich zur unverbindlichen Kriegsanklage, ergänzt von sich räkelnden Frauenkörpern und hungernden Kindern. Die Kritik totalitärer Elemente von Popkonzerten zerstäubt im Mitklatschen und berauschten Nachahmen der gekreuzten Arme, die Waters als SS-Offiziers-Verschnitt zum Gruß erhebt. Im Rahmen der Mehrzweckhalle des homophoben Millardärs Philipp Anschutz, in der unterbezahlte Arbeiter überteuerte Getränke ausschenken, gerät das Spektakel zur Metapher auf die Erstarrung der parlamentarischen Demokratien: Die Kritik hat ihren fest zugewiesenen Platz in der Mauer, alle sind sich einig, aber ändern tut sich nichts. Wenn sich am Ende die Band als Straßenmusiker am Bühnenrand versammelt, enthüllt Waters' Programm die Hardware des selbstgerechten Pazifismus der 68er, der heute, wo auf der anderen Seite des Mittelmeers echte Mauern zur Debatte stehen, nur zynisch wirkt. Der saturierte Star, der in megalomaner Kulisse auf einer ausgeklappten Zugbrücke mit übergeschlagenen Beinen auf einem Mies-van-der-Rohe-Sessel sitzt und das Elendstheater vorüber ziehen lässt: Das ist die Erste Welt, die hinter ihren Mauern sitzt und sich selbst genügt.

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für kunstkritik 2012