Matratzen für alle

Die dänische Künstlergruppe Wooloo und ihr Wohnprojekt auf der Biennale in Venedig

Der Tagesspiegel, 02. August 2011

Wer als Künstler auf der Biennale von Venedig ausstellt, hat es geschafft. Dessen Arbeiten werden von allen wichtigen Kuratoren, Sammlern und Kritikerinnen gesehen. Dessen Lebenslauf ist um einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil reicher.

Die Künstler des haiitischen Kollektivs Atis Rezistans hatten da ihre Zweifel. In ihrer Nachbarschaft sind sie Helden. Sie haben die "Ghetto Biennale" in Port au Prince gegründet. Sie haben Skulpturen an einen New Yorker Sammler verkauft und vom Geld ein Zelt für Erdbebenopfer besorgt. Sie haben in Paris ausgestellt. Warum sollten sie sich den Stress für Tickets, Visa und Zollgebühren geben, nur um in Venedig dabei zu sein? Dort wurden sie behandelt wie Rucksackreisende. Es gab nicht mal ein Hotel.

Mit der Biennale von Venedig entstand vor 116 Jahren die Vorstellung einer globalen Kunst, bereichert von Künstlern verschiedenster Nationen, die sich in den Giardini auf Augenhöhe begegnen könnten. Tatsächlich war die Biennale von Beginn an eine Manifestation der politischen Machtverhältnisse. Heute ist sie eine der ökonomischen. "Viele haben bei Venedig die Idee irgendeines magischen, mystischen Kunstwesens, das über dem Geld schwebt", sagt Martin Rosengaard vom dänischen Kollektiv Wooloo. "Wir wollen auf die Formel Kunst=Geld aufmerksam machen und sie hinterfragen."

Mit ihrem Projekt "New Life Venice" haben Wooloo zur Biennale Unterkünfte in Privathaushalten für Künstler organisiert hat, die zwar in Venedig ausstellen, aber kein Bett zum Schlafen haben. Wie die Künstler des haitischen Pavillons, der zum ersten Mal statt findet und immer wieder vor dem Scheitern stand.

Ähnliches haben Wooloo vor zwei Jahren in Kopenhagen gemacht: Zum Weltklimagipfel fanden sie 3000 Familien, die Aktivisten aus aller Welt aufnahmen. Eine 73jährige Peruanerin vollzog schamanistische Rituale im Wohnzimmer eines Versicherungsmanagers. Eine ältere Dänin öffnete ihre Wohnung für Hungerstreikende. Ohne die Initiative von Wooloo wären viele der Fernsehbilder von Aktionen um den letztlich gescheiterten Gipfel nicht entstanden - schließlich war Dezember und jede Unterkunft bis nach Südschweden ausgebucht.

Ist das Kunst oder Aktivismus? Beides. Die führende Kunstzeitschrift Artforum widmete "New Life Kopenhagen" jedenfalls eine respektvolle Besprechung. Wooloo begreifen den Ausnahmeraum, den die Kunst bietet, als politisch und nutzen ihn für gesellschaftliche Experimente, die im besten Fall auch symbolischen und konzeptuellen Mehrwert generieren. Wooloos künstlerischer Ansatz ist derzeit besonders interessant, wo die Kunst sich zunehmend als politischer Raum begreift, in dem Wirklichkeit nicht nur abgebildet, sondern auch gestaltet werden kann.

"Wir sehen die 'New Life'-Serie als Testfeld für neue Wege des Zusammenlebens auf unserem Planeten", sagt Rosengaard, der das Kollektiv 2001 mit Sixten Kai Nielsen gründete. Aus seinen Worten hallt ein emphatischer Gemeinschaftsglaube wie aus den Pionierjahren des Internets. Wooloos erstes Projekt war 2002 auch eine Internetplattform zu Wissensaustausch und Kollaboration, vor Facebook und Myspace. Sie bietet bis heute eine Infrastruktur für Projekte, wie auch für "New Life Venice".

Die Arbeit war im Auftrag des libanesischen Pavillons entstanden. "Die Organisatoren hatten riesige Geldprobleme", erklärt Rosengaard, "also dachten wir, wir helfen ihnen sparen, damit mehr für die Kunst bleibt." Elf Künstler waren unterzubringen. "Alle sagten uns, das sei unmöglich", erzählt Rosengaard. "In Venedig sei nichts umsonst."

Nur 60 000 Menschen leben heute noch fest in Venedig. Reiche Wohnungskäufer aus dem Ausland treiben die Preise, und die 10 Millionen Touristen im Jahr machen die meistbesuchte Stadt Europas zum Themenpark, meist ohne Gespür für die sensible soziale Struktur. "Durch die engen Gassen und das Wasser hört man hier jedes Geräusch. Wir erkennen die Leute am Klang ihrer Schritte", erzählt die in Venedig lebende Journalistin Nan Mc Elroy auf der sehr lauten Eröffnungsfeier des isländischen Pavillons.

Zur Biennale ist die Stadt noch fester im Griff der Fremden. Sie kämpfen um die Plätze auf den Wasserbussen, feiern Cocktailparties auf Terrassen, suchen in den entlegensten Gassen nach Ausstellungsorten. Vor den Giardini hatte Roman Abramowitsch in der Eröffnungswoche seine Rekordyacht vertäut wie einen ausgreifenden Machtanspruch.

Wooloo haben sie dennoch gefunden, Venezianer mit freien Nerven und Matratzen. Zum Beispiel Giuseppe Burdo, 25, er schließt gerade sein Interaktionsdesignstudium ab, vom Küchentisch seiner Dreier-WG geht der Blick über die Dächer des jüdischen Viertels in Cannaregio. Ein Freund hatte ihm die Anfrage weitergeleitet, erzählt er, der auch regelmäßig Couchsurfer in seinem Zimmer schlafen lässt und einen Satz sagt, der typisch ist für die Generation, die mit dem Internet aufgewachsen ist: "Ich glaube an die Idee des Teilens." Die Künstler aus Haiiti waren dagegen wenig angetan vom Angebot, bei einem Studenten im Zimmer zu schlafen. Inzwischen war der libanesische Pavillon an der mangelnden politischen Unterstützung durch die libanesische Regierung gescheitert und Wooloo, nun selbst ohne Mittel, hatten die Unterkunftsangebote per Mail an alle Teilnehmerländer geschickt. Der haiitische Pavillon rief nach zehn Minuten zurück. Seine Künstler wurden Burdo zugeteilt und einer älteren Lehrerin, die auf dem Festland wohnt. Die war so nett, ihre Gäste vom Flughafen abzuholen, wusste aber keine Lösung, wie sie abends den weiten Weg aus der Innenstadt zu ihr schaffen könnten. So rückten die Künstler beim italienischen Organisationsteam auf Matratzen zusammen.

Die Künstlerin Anila Rubiku, die im albanischen Pavillon ausstellt, ist dafür begeistert von Wooloos Projekt. Sie wurde einer jungen Architektin zugeteilt. "Wir sind Freunde geworden." Rubiku hat während des Aufbaus dann allerdings einen Schlafplatz gefunden, der näher am Pavillon lag.

Wooloos Kunst ist beispielhaft, weil sie in die soziale Wirklichkeit eingreift, statt Ideen für den ästhetischen Schutzraum zu entwickeln. Ihr "New Life Venice"-Projekt bleibt aber am Ende vor allem: Eine Idee. Es wurde zu einer Geschichte des Scheiterns, die beispielhaft alle Widerstände zutage bringt, die jedes Projekt überwinden muss, um in den schwerelosen Glanz des globalen Kunstevents zu gelangen: mangelndes Geld; mangelnde politische Unterstützung (Libanon); hohe Erwartungen der Teilnehmer; und die Enge der teuren Wasserstadt Venedig.

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