Lichtblick zwischen Lochfassaden

Arno Brandlhubers grandioser Neubau in der Brunnenstraße

Der Tagesspiegel, 07. Februar 2010

Arno Brandlhuber steht im Dachgeschoss, blickt durch die große Glasscheibe hinunter auf die Brunnenstraße und wundert sich über den Rummel, den sein Neubau entfacht hat. Vom Architekturblog über die Feuilletons bis zu den Fachmagazinen herrscht Begeisterung über den Galeriebau, der abends warm leuchtet wie ein Smartphone-Display. „Dabei repräsentiert das Haus doch gar nichts.“ Genau. Das ist ja der Trick. Damit fällt man in Berlin auf.

Seit der Wende orientiert sich hier die Stadtplanung an der Vergangenheit, an neoklassizistischen Formen, rekonstruierenden Steinfassaden und festen Traufhöhen. Dabei lockt Berlin die Kreativen aus aller Welt doch gerade mit dem Charme des Unfertigen, Undefinierten, Experimentellen. „Die Menschen, die die Stadt prägen, kommen in der Bildpolitik nicht vor“, sagt Architekt Brandlhuber. Was er mit seinen Kollegen zwischen zwei Gründerzeitbauten nahe dem Rosenthaler Platz setzte, nimmt sich da aus wie ein Ufo. Dabei ist es vielleicht der erste überzeugende Versuch, so etwas wie einen Berliner Stil zu etablieren: günstige Materialien, leicht und organisch komponierter Beton, eine Kunststofffassade im vorläufigen Bastellook. Wie ein lebensgroßes Architekturmodell. Funktional und spielerisch zugleich.

Mehr denn je erinnert die Brunnenstraße nun an New Yorks Lower East Side. Vor zwei Jahren eröffnete dort der Neubau des japanischen Architektenduos Sanaa für das New Museum. Deren weiße, skizzenhafte Gebäude strahlen nicht durch visuelle Über-, sondern durch Unterbietung. Sie öffnen sich der Umgebung und lassen sie in neuem Licht erscheinen. Ähnlich verändert auch Brandlhubers Bau den Blick auf Mitte.

Wie eine Westernstadt zieht sich die Brunnenstraße vom schicken Torstraßenviertel in den rauen Wedding. Kaum eine andere Straße erzählt so sehr von den Berliner Verteilungs- und Definitionskämpfen zwischen Gegenkultur, Tourismusstandort und Investorenplänen. Galerien und Bars öffnen und schließen, Hotels wachsen, um die jungen Partytouristen aufzunehmen. Erst im November wurden die Bewohner des alternativen Hausprojekts in der Brunnenstraße 183 aussortiert. „Wir bleiben alle hier“, hatten sie auf der Fassade beschworen. Es sei tragisch, dass die Räumung mit der Eröffnung seines Hauses zusammenfiel, findet Brandlhuber, der seine Rolle im Gentrifizierungsprozess offen reflektiert. „Die Auseinandersetzung mit anderen Lebensweisen ist interessanter und reichhaltiger als das, was sich hier zur Zeit entwickelt.“

Das Haus nebenan hat der Werber Jean-Remy von Matt gekauft. Auch er hat die Wand in großen Buchstaben beschriften lassen: „Dieses Haus stand früher in einem anderen Land“, ein Triumphruf zum Mauerfalljubiläum, der nicht nur für Alteingesessene einen seltsamen Beigeschmack hatte. Hier werde ein Häuserkampf an den Fassaden ausgetragen, sagt Brandlhuber, um die Hoheit der Gestaltung. Sein Bau ist da auch ein Beitrag zur Deeskalation. Anfang der Neunziger sollte hier ein Apartmenthaus entstehen. Doch dem Investor ging das Geld aus. Jahrelang sammelte sich Regenwasser und Schlick in den Betonfundamenten. Als Brandlhuber das Grundstück erwarb, hatte er die Wahl: „Entweder reißt man alles ab oder man geht mit dem um, was da ist.“ Er entschied sich für letzteres, übernahm den Grundriss und baute den Aufzugkern weiter.

Der Besitzer des Hauses im Hinterhof bestand auf seinem Platz an der Sonne. Also schrägten die Architekten das Dach entlang des Lichteinfalls ab. Zusätzliches Licht fällt durch die Geschosse, die keine feste Raumaufteilung haben. Sogar die Decken, die teilweise fehlen, lassen sich erweitern; die Löcher dafür sind schon da. Die Fassadenelemente kann jeder künftige Nutzer selbst bestimmen. Vorläufig tun es lichtdurchlässige Polycarbonatplatten, die sind besonders günstig. Nur 1000 Euro pro Quadratmeter kostete der Bau.

Die unteren Ebenen, in die die Galeriegemeinschaft Koch Oberhuber Wolff gezogen ist, gruppieren sich in verschiedenen Höhen um die Hofdurchfahrt und eröffnen ständig wechselnde Blickachsen. Die Front des Hauptraums lässt sich nach innen klappen, mitsamt den urbanen Spuren aus Plakaten, Streetart und Graffiti. „Auch eine Art der Vereinnahmung“, gibt der Architekt selbst zu denken.

Die charmanteste Geste aber stellen die Geschosshöhen dar, die sich an die Nachbarhäuser anpassen – obwohl die verschieden sind. Jedes Stockwerk unternimmt an einer anderen Stelle eine Stufe. So gewinnt das Haus seinen eigenwilligen, spielerischen Charme, der eher an informelle Bauten im Mittelmeerraum oder in Südamerika erinnert als an ein repräsentatives Kunsthaus. Der Stadtplanungsblog „SLAB Magazine“, der ein paar Häuser weiter residiert und die Entstehung des neuen Nachbarn mit kindlicher Aufregung verfolgte, schöpfte dafür den schönen Ausdruck „Teutonic Favela“.

Dreimal vertrat Brandlhuber, der als Professor in Nürnberg lehrt, Deutschland auf der Architekturbiennale in Venedig. Doch in der Hauptstadt, wo er seit 2006 lebt, kam er bisher nicht zum Zug. Sein Wettbewerbsbeitrag zur Gestaltung der Topographie des Terrors sah vor, einen Teil der Raumstruktur des einstigen Prinz-Albrecht-Palais in neutralen Kuben nachzubauen. Eine Mimesis des einstigen Sitzes des Reichsführers SS – eine Provokation. „Ich wollte die Rekonstruktionswelle produktiv wenden“, sagt er.

Berlin krankt am „Materialfetischismus des Steins“, findet der Architekt: „Stein führt zu Lochfassaden.“ Die Öffnungen sind unverrückbar, das Verhältnis von Innen und Außen eindeutig reglementiert. „Hier wird eine Ideologie über Bilder kommuniziert.“ Brandlhubers Architektur hingegen öffnet Möglichkeitsräume, die immer neu ausgehandelt werden können. Bei der Freitreppe, die als Mischung aus Feuertreppe und italienischer Promenade beschwipst in der Luft hängt, ist nicht ganz klar, wo der öffentliche Raum endet und der private Balkon beginnt.

Seit Jahren arbeitet der Architekt mit dem Künstler Thomas Demand zusammen. Über ihn kam auch der Kontakt zum englischsprachigen Kunstmagazin 032c zustande, das sich im dritten Stock eingerichtet hat. „Künstler können sich viel präziser und extremer positionieren“, sagt Arno Brandlhuber, der mit der Installationskünstlerin Isa Melsheimer zusammenlebt. Deren Galeristin, die Pariserin Jocelyn Wolff, bespielt nun mit Nikolaus Oberhuber und Alexander Koch die unteren Räume.

Eine Architektur, die sich zum Stadtraum öffnet, entspricht der programmatischen Ausrichtung der Galerie, die Diskussionen über gesellschaftspolitische Themen befördern will. Eine Einzelausstellung von Clemens von Wedemeyer beschäftigt sich gerade ausgehend von der Entdeckung des Philippinenvolks der Tasaday in aufwendig produzierten Filmen mit Inszenierungen des Fremden und Illusionen des Authentischen.

Berliner Galerien schätzen das Improvisierte, die Umnutzung alter Ladenräume, wie sie in der Brunnenstraße überall geschieht. David Chipperfields Neubau für Contemporary Fine Arts und die Sammlung Bastian läutete 2007 den Einzug des Geldes ein. In der Linienstraße 40 wollen Bundschuh Baumhauer im Frühjahr ein protziges Galeriehaus mit Sammlerwohnungen fertigstellen. Brandlhuber hingegen erregt gerade durch sein zurückhaltendes Nicht-Design Aufmerksamkeit.

Was würde er gerne als nächstes in Berlin bauen? „Die Kunsthalle!“ Auf jeden Fall würde er bei kommenden Projekten gerne einen Kommentar in der „taz“ bedenken: Warum müssen schöne Neubauten immer mit Galerien daherkommen? Warum nicht mal mit einer Suppenküche?

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für kunstkritik 2012