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Im Kunstraum Kreuzberg schummeln junge Künstler Fälschungen zwischen ihre Werke.

Der Tagesspiegel, 06. Oktober 2013

Das Faszinierende am Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi war ja, dass er nicht nur malen konnte wie Max Ernst und Heinrich Campendonk, sondern dass er, wie Niklas Maak in der FAZ schrieb, „den besten Campendonk malte, den es je gab“. Beltracchi verstand die jeweiligen Werke so gut, dass er ihnen sogar Motive hinzufügen konnte, die die Vorbilder sozusagen vergessen hatten zu malen. Sein Fall legte offen, dass das Einzige, was ein Werk an seinen Urheber binden kann, tatsächlich das Gesetz ist.

Der Kunstraum Kreuzberg am Mariannenplatz zeigt gerade rund 20 Arbeiten berühmter Künstler und Künstlerinnen, ohne dass diese oder ihre Galerien davon wissen. Man wundert sich bereits beim Lesen von Namen wie Richard Prince oder On Kawara, wie die kommunale Galerie die Versicherungswerte bezahlen konnte, und man wundert sich noch mehr beim Abschreiten der Werke: Daniel Burens „Westwind“, eine im Luftzug eines Ventilators wehende Stoffbahn, sieht ein bisschen lausig und verloren aus (auch weil die Arbeit eigentlich aus vielen solcher Objekte besteht) – aber das passiert auch Originalen, wenn sie schlecht gehängt und ausgeleuchtet sind. Matthew Barneys Fotografie „The Entered Apprentice“ aber passt gar nicht in dessen opulente Hochglanzästhetik. Die 1980 geborene Tara White hat das Motiv betont schrottig nachgestellt.

„Mit wem würdet ihr gerne einmal ausstellen?“, hatten die Künstlerinnen Marte Kiessling und Janine Eggert in der Vorbereitung der Ausstellung Kollegen gefragt – und so wuchs die Künstlerliste in doppeltem Tempo. Jeder brachte eine eigene Arbeit und ein nachgebautes Werk eines Idols. Deville Cohen, der selbst einen netten Film mit von Hand getragenen Kulissen zeigt, bastelte ein Modell von Buckminster Fullers geodätischen Kuppeln aus Holz. Cassandra L. Troyan posiert als Valie Export mit im Schritt aufgeschnittener Hose in deren legendärer Arbeit „Aktionshose: Genitalpanik“. Mikka Wellner, der eine spannungsvolle Rauminstallation beisteuert, hat nebenan im Stil Lawrence Weiners einen Satz an die Wand geklebt, den er sich allerdings selbst ausgedacht hat.

Die Labels geben die Arbeiten als Originale aus, womit sich der Ausstellungsraum streng genommen nicht nur der Urheberrechtsverletzung, sondern auch der Verletzung des Namens schuldig macht, wie Direktor Stéphane Bauer selbst freimütig erklärt. Es ist ein anderer Fall als wenn sogenannte Appropriationskünstler sich Motive anderer aneignen, wie Sherry Levine, die hier übrigens auch kopiert wurde.

Die Schau ist also eine schelmische Selbstermächtigung der Mitte Dreißigjährigen, an der sich auch Rechtehalter, die inzwischen von ihr gehört haben, kaum stören. Ein bisschen unklar bleibt, worum es geht. Um Vorbilder? Dann wäre es interessant, wenn Idol und eigene Arbeit nicht zusammenhangslos über die Räume verstreut wären, sondern im Dialog nebeneinander stünden. So lassen sich Verbindungen nur mühsam aus dem Begleitheft erschließen. Am originellsten geht Christopher Sage vor, der die Kopie einer Zeichnung von Josef Albers in seine eigene Rauminstallation integriert.

Geht es um eine Kritik an Normen rund um Urheberschaft und Original? Dann wäre es konsequent gewesen, in affirmativer Mimikry nur berühmte Werke nachzubauen und vielleicht noch je ein Heftchen mit Infos über die eigene Arbeit dranzuhängen. So aber wird der Angriff auf das Wertschöpfungssystem der klaren Autorschaften eher benutzt, um dieses System dann mit der Präsentation eigener Arbeiten erst recht zu erfüllen.

Man erfährt auch, anders als in der Ankündigung versprochen, wenig über das Verhältnis zwischen den Produktionsstätten der Beteiligten, New York und Berlin – vielleicht, weil es für die Ergebnisse gar nicht mehr so wichtig ist, wo man sein Atelier hat, weil Leben und Arbeit heute mehr über die Szene definiert sind, in der man sich bewegt, und die ist selten an einen Ort gebunden.

Kann man dennoch etwas Allgemeines (und Gemeines) über die hier vorgestellten Arbeiten sagen, dann vielleicht, dass sie diesen Szenen auch teils sehr verhaftet scheinen. Jeder sucht sich eine Nische an Themen und Problemen und arbeitet dort vor sich hin, ohne das an übergreifende Fragen oder Kriterien anzubinden. Darin steckt ein unbekümmerter Individualismus, der seinerseits einer Kritik bedarf.

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für kunstkritik 2012