Klaviermanie im Storchennest

Vor 200 Jahren wurde Franz Liszt im Burgenland geboren. Um seinen Geburtsort entwickelt sich eine beispielhafte kulturtouristische Spekulation

Zeit Online, 14. Juli 2011
Der Tagesspiegel, 10. Juli 2011

Yui Tezuka steht vor Raiding, einem kleinen Dorf am Rande Österreichs, im Rücken das Geburtshaus Franz Liszts, und zeigt auf das freie Feld: „Hier wollen wir bauen.“

Es ist Ende Januar, das Burgenland eine Schneefläche unter Nebelschleiern, und man muss sich dazu denken, was die Gegend in der besseren Jahreshälfte ausmacht: die 300 Sonnentage, denen sich der hervorragende Wein verdankt; die 400 Vogelarten, die am Naturpark Neusiedler See Station machen oder, wie die Störche, ihre Nester bauen; und die Kulturtouristen, die man hier in den letzten Jahren verstanden hat anzulocken, mit den Seefestspielen in Mörbisch, den Haydn Festspielen in Eisenstadt und dem noch jungen Liszt Festival in Raiding.

Yui Tezuka führt gemeinsam mit seiner Frau in Tokio ein international beachtetes Architekturbüro. Er präsentiert auf einem iPad seinen Kindergarten, der kürzlich von der OECD ausgezeichnet wurde: ein Flachdach wie ein Stadionrund, Auslauffläche für glückliche Kinderscharen. Das Projekt für Österreich ist kleiner: ein weißer Würfel, fünf mal fünf Meter, das Dach aufklappbar wie ein Konzertflügel. Hier könnten nach Konzerten im Liszt-Zentrum die Künstler schlafen. Unter dem weißen Klappdach stünde ein schwarzer Flügel, und der Architekt träumt schon davon, einmal selbst dort zu sitzen, über Liszts Geburtsort zu blicken und den „Liebestraum“ zu spielen.

Den Raidingern muss der Kopf schwirren angesichts der Kräfte, die sich um ihr Dorf formieren. Erst kamen die Politiker, dann die Musiker und jetzt noch die Japaner. Liszts Geburtsort ist zur internationalen Spekulationsstätte geworden, an der sich im Liszt-Jahr 2011 beispielhaft die Mechanismen des boomenden Kulturtourismus zeigen.

Während des Kalten Krieges war das Burgenland, das bis 1921 zu Ungarn gehörte, ein vergessener Landstrich im Schatten der undurchlässigen Grenze. Nach der Wende gelang der Region der Aufschwung, mit EU-Förderprogrammen, Kulinarik und Kultur. „Es ist für das Burgenland ein immenses Geschenk, zwei Giganten wie Haydn und Liszt zu haben“, schwärmt Johannes Kutrowatz. „Diese Markenzeichen muss man nicht erfinden, mit denen kann man arbeiten.“

Kutrowatz bildet mit seinem Bruder Eduard ein Klavierduo mit eher mäßigem Renommee. Die gebürtigen Burgenländer lehren in Wien, gründeten die lokale Liszt-Gesellschaft und übernahmen 2009 die Leitung des Liszt-Festivals in Raiding. Wenn Johannes Kutrowatz über den „Giganten“ Liszt spricht, verschränken sich seine kräftigen Finger vielförmig.

Franz Liszt war Wegbereiter der Programmmusik, Erfinder des Solo-Klavierkonzerts und erster internationaler Superstar des vom Bürgertum getragenen Konzertbetriebs. Posthum wurde Liszt von der Forschung nichts geschenkt, anders als bei den Altersgenossen Chopin und Schumann können sich Pianisten mit zu viel Liszt die Finger verbrennen. „Das Liszt-Jahr könnte der Ausgangspunkt sein für eine weltweit größere Beachtung der Person Liszts“, hofft Kutrowatz, der im Lauf des Jahres internationale Liszt-Interpreten wie Leslie Howard, Ivo Pogorelich und Martin Haselböck mit der Wiener Akademie nach Raiding holt.

In Paris, wohin Liszt im Alter von zwölf Jahren vom Vater gebracht wurde, um in den Salons als Wunderkind Karriere zu machen, ist das Liszt-Jahr kaum Thema. Auch in London nicht, obwohl er dort früh als Virtuose gehandelt wurde. Budapest hingegen – der Komponist fühlte sich als Ungar, auch wenn er kaum Ungarisch sprach – verklärt ihn fast zum Nationalheiligen. In Thüringen, wo er in Weimar als Hofkapellmeister wirkte, gibt es 200 Konzerte, Wettbewerbe und Ausstellungen. Auch in Bayreuth, wo Liszt seine Tochter Cosima an Richard Wagner verheiratete und wo er begraben liegt, wird in bescheidenem Rahmen gefeiert.

Bemerkenswert ist das Getöse im Burgenland, wo Liszt nach seinem zwölften Lebensjahr kaum war. Hier wurde nicht weniger als die „Lisztomania“ ausgerufen, frei nach Heinrich Heines Wortschöpfung für Liszts 22 ausverkaufte Berliner Konzerte, die im Winter 1842 für Hysterie- und Ohnmachtsanfälle sorgten. Heines spöttische Ironie wurde von den österreichischen Kulturplanern beflissen übersehen: „Die Eintagsreputation der Virtuosen verdünstet und verhallt“, prophezeite der Dichter, „öde, spurlos, wie der Wind eines Kameles in der Wüste.“

Nun lag es sicher jenseits Heines Vorstellungskraft, zu welch lukrativem Wirtschaftszweig sich einmal der Kulturtourismus aufschwingen würde; und dass 170 Jahre später dem „Titan der Tonkunst“ auf Plakaten eine (nicht mehr ganz so) modische Sonnenbrille aufgesetzt wird, um seine Aktualität zu behaupten. „Born to be a Superstar“, steht darunter, „Ein Genie aus Raiding“. Um Liszts Antlitz blühte schon zu Lebzeiten der Devotionalienhandel, und natürlich gibt es auch heute die Liszt-Tasse zu kaufen, den Liszt-Button und eben die Sonnenbrille mit Liszt-Signatur. Auf dem „Liszt-Pfad“ können Raiding-Gäste ins Innere eines überdimensionierten Bösendorfer-Flügels (Liszts Stammhersteller) blicken, sich an einem römischen Springbrunnen erfreuen oder in einer „Liebeslaube“ Liszts Frauengeschichten nachspüren. „Wir setzen auf die emotionale Kraft der Figur Liszt“, erklärt Johannes Kutrowatz, „und arbeiten bewusst sehr pointiert und touristisch.“

Das Aufheben erschließt sich, blickt man zwei Jahre zurück. 2009 wurde im Burgenland das Haydn-Jahr gefeiert. Erstmals wurde dabei von einer Analystenfirma der wirtschaftliche Effekt von Kulturinvestitionen errechnet, mit erstaunlichen Ergebnissen: Sie seien zwanzig Mal höher als zuvor angenommen. Jeder neunte Arbeitsplatz im Burgenland hänge von der Kultur ab. 18,8 Prozent Wertschöpfungsplus brachte das Haydn- Jahr, ähnlich, wenn auch nicht ganz so hoch, sind die Erwartungen an das Liszt-Jahr.

Die Etablierung der Marke Raiding ist dabei besonders interessant. Denn in Raiding gab es bis vor kurzem nichts außer ein paar Dutzend Gehöften und einem verwaisten Geburtshaus. Das ist inzwischen renoviert und zeigt eine neue Ausstellung zu Liszts Leben. Doch wenn man die Leiterin nach Gaststätten am Ort fragt, rät sie lächelnd vom Besuch ab. Das Dorf befindet sich noch am Anfang der touristischen Erschließung.

Als sich der Architekturkritiker Roland Hagenberg hier einen alten Hof kaufte, wusste er nicht mal, dass es sich um Liszts Geburtsort handelte. Bis er 2006 vom Bau des Liszt-Zentrums überrascht wurde. Ein weißer zweistufiger Kasten des Rotterdamer Architekten Kempe Thill schob sich neben Liszts kleines Geburtshaus. In der Halle aus Fichtenholz, die weltläufigen Glanz mit ländlichem Charme verbindet und eine hervorragende Akustik für Kammermusik bietet, kommen auch Stücke der Freiwilligen Feuerwehr zur Aufführung.

Hagenberg ist begeistert vom Gedanken, dass sich Raiding „im Blick der Künstler neu erfinden“ könnte. Der geborene Wiener lebt seit 17 Jahren in Tokio und ist hervorragend vernetzt. So konnte er zehn japanische Architekturbüros gewinnen, experimentelle Künstlerunterkünfte für Raiding zu entwerfen, darunter auch die Pritzker-Preisträger SANAA. Ursprünglich waren die ersten beiden Häuser für Juni geplant, nun kündigt Hagenberg die erste Grundsteinlegung für Oktober an. Das „Storchenhaus“ von Terunobu Fujimori soll zusammen mit Ingenieur Richard Woschitz aus Eisenstadt entstehen, der auch an der Realisierung der Raidinger Konzerthalle beteiligt war. Die Realisierung werde von privaten Sponsoren finanziert, sagt Hagenberg. Als Medienprofi weiß er: Wenn man eine Idee nur oft genug erzählt, wird sie irgendwann wahr.

Roland Hagenberg zeigt das einzige Storchennest des Ortes, auch hier sieht er Handlungsbedarf: „Wenn wir es richtig anstellen, können wir auch neue Vogelpaare anlocken.“ Zugvögel und Kulturtouristen – in Hagenbergs Worten tragen sie das gleiche Versprechen.

So schwirrt neben Politikern und Musikern auch ein umtriebiger Privatunternehmer um Raiding, abwartend beäugt von den anderen Akteuren, die freilich nichts dagegen hätten, entstünde mit seiner Hilfe eine neue Pflichtstation für japanische Wien-Besucher. Einer profitiert vom anderen, und so verwandelt sich ein Kuhdorf nach und nach zur Heimat eines toten Genies.

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für kunstkritik 2012