„Ich war mit keinem Projekt erfolgreich“

Ryue Nishizawa von SANAA hat das New Museum in New York gebaut und die Szenografie für die aktuelle Istanbul Biennale - geblieben ist dem Japaner immer ein Gefühl von Scheitern.

monopol, 23. Oktober 2011

Herr Nishizawa, Sie haben die Ausstellungsarchitektur für die Istanbul Biennale entwickelt. Sie als Pritzker-Preisträger sind damit vielleicht der am wenigsten sichtbare Künstler der Ausstellung. Gefällt Ihnen der Gedanke?
Für mich ist das nichts besonderes. Nur wenige Leute kennen mich. Die Bodenleger wissen nichts über mich. Die Stahlkonstrukteure wissen nichts über mich. Für einen Architekten ist das normal.

Sie haben aber einige formale Entscheidungen getroffen, durch die die Ausstellung im Sinne der Kuratoren funktioniert. Die separaten Kabinette mit Stahlhüllen wirken so zurückhaltend und ephemer wie Ihre Museumsbauten. Wäre es zu einfach, Ihre papierenen Architekturen in die Zen-Tradition einreihen?
Japan hat mich sehr beeinflusst. Ich bin in Tokio aufgewachsen und habe nie außerhalb von Japan gelebt. Tatsächlich kenne ich keine andere Kultur.

Die Ausstellung bezieht sich auf das Werk von Felix Gonzales-Torres. Spielte es auch für Sie eine Rolle?
Ich kannte Gonzales-Torres tatsächlich nicht. Im Zuge des Projektes habe ich begonnen, mich mit ihm zu beschäftigen, und ich mag seine Arbeit sehr. Ich kenne nicht alles, aber was ich gesehen habe, sieht fantastisch aus.

Lassen sich Gemeinsamkeiten finden zwischen dem Geist, in dem er arbeitete, und Ihrem?
Ich denke, es ging ihm sehr um Einfachheit. Diese Ästhetik ist mir durchaus sympathisch.

Wie sehen Sie die Beziehung zwischen Künstler und Architekt? Was müssen Sie Künstlern liefern?
Worauf es mir am meisten ankommt, ist Freiheit. Die Künstler können unabhängig von ihren Nachbarn arbeiten und die Dimensionen selbst bestimmen.

Was ist der größte Fehler, den man beim Bau eines Museums machen kann?
Ich war in keinem meiner Projekte erfolgreich.

Bitte?
Vielleicht muss ich ein besserer Architekt werden.

Sie kokettieren.
In den Projekten, die mir am meisten bedeuten, entdecke ich immer ein Problem, das gelöst werden will. Zugleich spüre ich, dass ich es nicht sofort lösen kann. Mir gefällt die Gewissheit, dass ich vielleicht fünf oder zehn Jahre brauchen werde, um ein Problem zu lösen.

Hat Sie ein solches Problem auch in Istanbul beschäftigt? Gibt es eines, das in all Ihren Museumsarbeiten steckt?
Ja, als ich zum Beispiel das Kanazawa Museum entwarf, entdeckte ich das Gefühl von Offenheit als Thema. Als das Projekt fertig war, spürte ich, dass das Thema zu groß ist, um sich in einem Fall lösen zu lassen und dass ich viel Zeit damit verbringen würde. Ich habe sehr unterschiedliche Lösungen dafür entwickelt, aber ich verstehe noch immer nicht, was Offenheit bedeutet.

Herrscht da nicht auch ein Widerspruch? Offene Räume machen es ja schwierig, Kunstwerke zu hängen.
Ein wundervolles Beispiel sind Monets Seerosen in der Beyeler Foundation, eines der schönsten Gemälde überhaupt. Ich reise manchmal hin, um den Raum zu bewundern. Das Bild ist komplett nach außen hin ausgestellt. Das ist wirklich wunderbar, auch das Verhältnis zwischen Raum und Kunstwerk.

So wie es auch in Ihrer Arbeit um Relationen geht, im Gegensatz zur europäischen Tradition in sich geschlossener Setzungen.
Aus europäischer Sicht trifft das vielleicht zu. Für Japaner ist das nichts Besonderes.

Gibt es ein Kunstwerk, das Ihr Leben verändert hat?
Es gibt viele. Matisse zum Beispiel. Er hat mich sehr inspiriert, was das Organische angeht. Und Gerhard Richter. Er ist einer der größten lebenden Künstler. Als ich seine Atlas-Ausstellung sah, war ich tief bewegt. Ich mag auch die amerikanischen Abstrakten sehr. Robert Smithsons "Spiral Jetty" hat mich sehr inspiriert.

Sammeln Sie Kunst?
Nein. Ich habe kein Geld. Ich besitze nur einige wenige Arbeiten.

Zum Beispiel?
Ein Bild von Louise Bourgeois. Das haben mir die Macher des New Museum in New York geschenkt.

Wo hängt es?
Es ist in einem dunklen Raum gelagert (lacht).

Sie leben also zwischen leeren weißen Wänden?
Mein Büro ist zu hell, zu offen. Weil ich mich davor fürchte, selbst ausgestellt zu sein.

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für kunstkritik 2012