Forderung zum Tanz

Die Trümmerfrauen des Techno: Aus Ruinen bauten sie die Musikhauptstadt Berlin auf. Seit auf der die Bürokraten herumtrampeln, geben sie einen neuen Takt vor

Der Tagesspiegel, 02. Januar 2010

Es war ein friedlicher Sonntag morgen. Michael Schmidt hatte gerade die Zeitung auf dem Cafétisch ausgebreitet und den ersten Biss von seinem Brötchen genommen, da klingelte das Telefon. „Wir haben hier eine Rauschgiftrazzia“, hieß es, „kannst du vorbei kommen?“ Schmidt ließ alles stehen und liegen, sprang ins Taxi und fuhr ins Ministerium für Entspannung, ein Trance-Club in Friedrichshain.

Eine Razzia im Club ist ein bisschen wie das Kinderspiel „Reise nach Jerusalem“: Die Musik gestoppt, die Tanzenden eingefroren: Wer hat die Drogen, wer muss gehen? Wer es schafft, vor der Durchsuchung noch schnell die Päckchen mit dem Stoff fallen zu lassen, hat gewonnen.

Michael Schmidt stellte sich der Polizei vor. „Guten Tag, ich bin Leiter der Rechtsabteilung bei der Club Commission. Ich möchte Sie gerne bei Ihrer Arbeit begleiten.“ Er solle sie nicht behindern, murrten die Beamten. „Ich werde Sie nicht behindern“, erklärte Schmidt freundlich. Aber er wolle sicher gehen, dass sie keinen Fehler machen. Er kenne die Gesetze. Zuerst sollten sie die beschlagnahmten Eintrittsgelder wieder herausrücken, dafür fehle jede Rechtsgrundlage. Bis vier Uhr nachmittags blieb er den Beamten auf den Fersen. In deren Gesichtern stand der Hass. Es war ein Sonntag, wie Michael Schmidt ihn mag.

Er kennt diese Machtspiele noch von der anderen Seite. Mit Anfang zwanzig war er in Köln als Sonderermittler tätig, Zuständigkeitsbereich illegale Gastronomie, Prostitution, organisierte Kriminalität. Einmal wurde er da wegen Ruhestörung in eine Pizzeria gerufen. Er war gerade auf dem Weg auf's Dach, um sich ein Bild der Lage zu machen, da ging das Licht im Treppenhaus aus. Schmidt hörte Schritte, dann ein Sirren in der Luft, er schrie auf, sprang zur Seite, glücklicherweise zur richtigen. Hinter ihm knallte eine Stahlkurbel an die Wand. Das Licht ging wieder an, Schmidt setzte seinen Weg fort.

Während einer Festnahme spürte er etwas Warmes am Arm. Blut. Sein Unterarm war aufgeschlitzt. Es war sein letzter Arbeitstag, das Abschiedsgeschenk sozusagen. Schmidt wechelte die Seiten.

Das Café Moskau, kurz vor den Feierlichkeiten zum Mauerfalljubiläum: Der Berliner Senat und die Club Commission laden zur Fachtagung „20 Jahre Musikhauptstadt Berlin“. Die Club Commission ist die erste Lobby des Nachtlebens. Seit 2000 setzt sie sich für die Rechte des Partygeschäfts ein, kämpft gegen zu strenge Lärmauflagen, eine restriktive Stadtplanung und für die politische Anerkennung des Wirtschaftsfaktors Clubkultur. Auf dem Podium sitzt die Partyszene der Wendezeit: ein DJ, drei Clubbetreiber, ein Partyfotograf, zwei Journalisten. Der Fotograf zeigt alte Aufnahmen, es läuft eine Kurzdoku über die Geschichte des Tresor Clubs, man schwärmt von der Offenheit damals, von der Aufbruchsstimmung. Aufbruch hatte einen Doppelsinn, als überall in Mitte leerstehende Abbruchhäuser darauf warteten, zur Partyzone erklärt zu werden.

Dann geht es um die Gegenwart. Darum, dass man als Clubbetreiber auf manchen Ämtern noch immer in die Schublade „Zuhälter, Drogenhändler und andere Kriminelle“ einsortiert wird. Um das Wagnis der ständigen Zwischennutzung, um die Verdrängung durch Investoren, um immer strengere Bau- und Lärmschutzauflagen. Darum, dass Mitte langsam von seinen Clubs bereinigt wird – wenngleich auch neue eröffnen, zuletzt das Dice und das neue WMF. Zum Schluss erhebt sich in der ersten Reihe jemand, den man hier nicht erwartet hätte: Halbglatze, Hornbrille, Tweedjacket, rheinischer Tonfall, eine Stimme, die knattert wie ein alter VW-Motor. Ein Hauch Bonner Republik steht im Raum. Aus welchem Jahrzehnt kommt der denn? „Mein Name ist Michael Schmidt, und ich habe beruflich mit dem Thema zu tun.“

Schmidt spricht von „Vergnügungsstätten mit Sondergenehmigung“, von Bebauungsplänen, vom Intellektuellenpaar in seiner Altbauwohnung, das gerne noch ab und zu feiern geht, aber den Club im Erdgeschoss verklagt, weil er zu laut ist. „Die, die damals mit uns gefeiert haben“, sagt Schmidt, „sind heute unsere Gegner.“

Die Generation der Babyboomer, die Berlin zur Partyhauptstadt machte, ist erwachsen geworden. Sie hat ein Erbe zu verwalten, sucht das Gespräch mit der Politik. „Ich habe zwei sechzehnjährige Kinder“, erklärt auf dem Podium Sascha Disselkamp, der den Sage Clubs betreibt, einen Catering-Service und ein Krankenhaus im Senegal. „Ich möchte, dass die in 'ner coolen Stadt aufwachsen.“ Disselkamp trägt Punk-Klamotten und lebt noch immer in der Wohnung am Lützowplatz, die er aufbrach, als er in den frühen Achtzigern nach Berlin kam. Er sagt: „Ich will der nächsten Generation gewisse Ideale weitergeben.“

Wir haben die Stadt von unseren Kindern nur geliehen: Früher kämpften Eltern für Frieden und den Umweltschutz. Heute engagieren sie sich für friedliches Feiern und Artenschutz für Clubs. „Wir müssen Schilder aufstellen“, fordert Disselkamp auf dem Podium: „Lieber Investor, auf diesem Gelände lebt eine bedrohte Art, hier kannst du nicht bauen.“

Nicht Geld brachte Berlin weltweit den Ruf als Musikhauptstadt ein. Es war die Abwesenheit von Geld. Dimitri Hegemann, Chef des Tresors und des gleichnamigen Labels, drückt es so aus: „Ein Haufen Dorfdeppen hat dafür gesorgt, dass Berlin London, Paris und alle anderen Metropolen abgehängt hat.“ Die illegalen Clubs der Nachwendezeit sorgten dafür, dass Berlin heute international so beliebt ist. Die Hälfte der Besucher aus dem Ausland sucht hier das Nachtleben, ergab eine Umfrage der Berlin Marketing GmbH. „Niemand kommt wegen des Brandenburger Tors“, bringt es Sascha Disselkamp auf den Punkt. Aus aller Welt ziehen junge, gut gebildete Intellektuelle her und halten zu Hungerlöhnen Wissenschaft und Kreativindustrie am Laufen. Nur um in Berlin zu sein, der Stadt, in der das Berghain steht, der zur Zeit berüchtigtste Club zwischen Tokio und Chicago.

Die Trümmerfrauen des Techno: Aus Ruinen bauten sie eine Musikhauptstadt. Und sie verbitten es sich, dass unverständige Politiker und Bürokraten darauf herumtrampeln. Dass Berlin mit seinem einzigartigen Nachtleben für sich wirbt, aber Bebauungspläne beschließt, die es unmöglich machen, im Zentrum einen neuen Laden zu eröffnen. Traditionsclubs wie das Knaack und das SO 36 sind bedroht, weil plötzlich Anwohner beginnen zu klagen. Wer soll die nötigen Lärmschutzmaßnahmen bezahlen? Mancher spricht schon von der drohenden Münchnerisierung: Am Ende könnten die übrig bleiben, die das Geld haben, nicht die mit den Ideen. Michael Schmidt sagt: „Wir sind Opfer unseres eigenen Erfolgs.“

Die Geschichte hat sich zu oft wiederholt. Man könnte es das „Tresor-Trauma“ nennen: 2005 musste der Club im Keller des alten Wertheim-Kaufhauses, wo 1991 der Siegeszug des Berliner Techno begann, einem Bürogebäude weichen. Die Büros stehen heute leer. Von Anfang an wussten die Feiernden das Recht der Geschichte auf ihrer Seite. Doch gegen die Allianz von Baustadtrat und Investor waren sie machtlos.

Neulich war Dimitri Hegemann in China. Im April soll dort unter Schirmherrschaft des Goethe-Instituts ein Tresorableger eröffnen. Dort traf er einen Englischlehrer aus Bogota. Tresor? Kenne er. Der Name stünde für ihn für die Gründung einer neuen Generation. Der Generation Techno.

Im Ausland tritt Hegemann als Lifestyle-Exporteur auf, die Marke Tresor strahlt auf seine Stadt zurück. In Berlin fühlt er sich noch immer behandelt wie ein Krimineller. „Wenn ich zur Investitionsbank gehe und sage, ich brauche Geld für eine Kunsthalle, das ist eine Comedy! Die lachen nur. Die verstehen nicht, was wirtschaftlich für Berlin zählt.“ Dimitri Hegemann, weiße Haare, Jeans, großzügig am Körper schlabbernder Kapuzenpulli, steht in der Turbinenhalle des alten Heizkraftwerks Mitte. Hier hat er 2007 den Tresor neu eröffnet. Die Herzkammer des Gebäudes steht noch leer. Tritt man aus dem Aufzug in diese erhabene Industriekathedrale, stockt einem der Atem. „Der letzte Rohdiamant in Mitte“, sagt Hegemann. Er will hier elektronische Kunst ausstellen, Räume der Stille schaffen. Star-Künstler wie Laurie Anderson und Matthew Barney wollten schon Performances veranstalten, Unternehmen von Boss bis Vogue fragten für Veranstaltungen an. Doch für den ständigen Betrieb fehlt die Genehmigung. Die erteilt das Bauamt erst nach abgeschlossener Renovierung. Und für die fehlte bislang das Geld. 41 Anfragen für Produktionen hatte Hegemann, sagt er, dann schloss er die Warteliste. Der Unternehmer fühlt sich im Stich gelassen von Banken und Politik: „Die lassen einen ausbluten.“

„Wenn du als Gastronom einen Kredit haben willst, ist das fast aussichtslos“, sagt auch Michael Schmidt. Die Politik hat die Kreativindustrien entdeckt. Nun müsse sie auch entsprechende Rahmenbedingungen schaffen. Nicht nur Hegemann und Schmidt wünschen sich eine zentrale Anlaufstelle, die beide Sprachen beherrscht: die des Nachtlebens und die von Wirtschaft und Politik.

So wie Schmidt selbst. Er war Bundessprecher des Lesben- und Schwulenverbands, schrieb im Wahlkampf Textentwürfe für Lafontaine, Günter Verheugen und Herta Däubler-Gmelin, kämpfte im Fernsehen für die Homoehe, organisierte verantwortlich den Kölner Christopher Street Day. Als er vor zehn Jahren nach Berlin zog, sprach sich das schnell rum. Kannst du hier nicht auch den CSD organisieren, wurde er gleich gefragt. Die Club Commission war gerade in Gründung, Schmidt wurde rechtlicher Beirat. Zum Anwaltstitel fehlt ihm das zweite Staatsexamen, Prozesse delegiert er an seine Spezialisten. Er selbst nennt sich Wirtschaftsberater und Experte für Bau- und Verwaltungsrecht. „Ich bin das lebende Schutzschild der Clubs“, sagt er. Der Mann für aussichtslose Fälle. Der Eisbrecher. „Oft genügt ein Anruf“, sagt er, „und die Genehmigung liegt auf dem Tisch.“ In seiner Arbeit blicke er in viele Abgründe. „Mein Job besteht darin, bis zum Rand der Legalität zu gehen und dort teilweise hart zu kämpfen.“

Eine Podiumsdiskussion im Pfefferberg zum Thema Musik und Lärm: Dr. Benjamin-Immanuel Hoff, Staatssekretär im Umweltsenat, 33 Jahre, früh ergraut, ein Bürokrat wie aus dem Bilderbuch, antwortet genervt auf einen Vorschlag aus dem Publikum. Nein, er sehe wenig Chancen für ein Volksbegehren für mehr Krach. Michael Schmidt hebt den Zeigefinger: „Musik ist kein Krach!“

Neben Schmidt sitzt der Bürgermeister von Friedrichshain-Kreuzberg Franz Schulz, ganz die Eidechse: Nur die Augen blinzeln manchmal, er redet, wenn er gefragt wird. Fast wirkt es, als führe der Clublobbyist als Puppenspieler die Lippen des Politikers, als der von „Clubs als Imagefaktoren“ spricht, „die sich direkt auf die demographische Entwicklung auswirken.“ Die Kreuzberger Philosophie gehe so: „Jeder kann so viel Lärm machen wie er will, solange sich niemand beschwert. Erst dann schalten wir uns ein.“

Michael Schmidt lobt die Zusammenarbeit mit dem Bezirk als vorbildlich. „Wenn es ein Problem gibt, kann ich in Franz Schulz' Büro anrufen.“ Dann holt er aus. „Müssen wir den Minderheitenschutz so weit treiben, dass ein ganzer Club gefährdet ist, weil ein einziger Nachbar die Behörden einschaltet?“, fragt er. Er spricht gelassen, als verstehe er jedes Gegenüber als guten Freund, den es zu überzeugen gilt. Seine Bewegungen sind genau abgemessen, Handbewegungen markieren den Sprechrhythmus. Wechselt das Thema, wechselt die Hand. „Wenn Berlin sich als Musikhauptstadt begreift, muss das von oben nach unten bis auf die Verwaltungsebene umgesetzt werden.“ Über Jahre habe er mit der Club Commission versucht, auf die Bebauungspläne für Rosenthaler und Spandauer Vorstadt Einfluss zu nehmen – vergeblich. „Die aktuelle Fassung sorgt dafür, dass in Mitte nur noch am Hackeschen Markt und am Alexanderplatz Clubs zulässig sind.“ Das Problem werde damit nur verlagert. „In fünf oder zehn Jahren werden wir in Neukölln und Wedding das gleiche Problem haben, wenn das nicht politisch gelöst wird.“ Auftritt erfolgreich, Applaus im Publikum, ein tiefer Schluck aus dem Wasserglas.

In Kultur- und Wirtschaftssenat hat die Club Commission bereits Partner gewonnen. Zur Zeit plant sie mit dem Senat an der „Berlin Music Week“, die ab kommendem Jahr zum Popkomm-Termin alle Akteure der lokalen Musikbranche zusammenfassen soll. Die nächste Bastion, die es zu stürmen gilt, ist die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung: „Da sind noch dicke Bretter zu bohren“, sagt Schmidt.

Es sei eine gesellschaftliche Frage, die hier ausgehandelt werde, erklärt ausgerechnet der Wächter über die Lärmemissionen, Staatssekretär Dr. Hoff: „Welche Art Lärm bin ich bereit zu akzeptieren?“ Für ihn persönlich ist die Frage klar: „Wenn ich ganz viel Zeit und Geld übrig habe“, erzählt er nach der Veranstaltung im Gespräch, „werde ich mit Freunden meinen eigenen Club aufmachen.“

Die Politik erkennt zunehmend den kulturellen Wert der Clubszene: Als erster Club bekam Anfang Dezember das Berghain direkte finanzielle Zuwendung vom Senat versprochen. 1,2 Millionen Euro aus alten DDR-Vermögen sollen für Ausbau und Veranstaltungen zur Verfügung stehen. „Berlin braucht innovative Orte“, begründete Kulturstaatssekretär André Schmitz die Entscheidung.

Die Bässe des Techno und die Rhythmen der Bürokratie: Sind sie nicht verwandt? Bumm bumm bumm, macht der Beat. Tipp tipp tipp, machen die Finger auf der Tastatur. Eigentlich müssten sie sich verstehen. Würde nur auf den Ämtern nicht immer wieder die Platte in der Rille hängen bleiben.

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für kunstkritik 2012