Europa, eine Ausstellung

Von der Berlin Biennale über die Manifesta nach „Newtopia“ und zurück: Elf Ähnlichkeiten (anlässlich des Ähnlichkeits-Spezials in der vonhundert)

vonhundert, 11. Dezember 2012

1. Name-Hopping
Am anderen Ende des Sommers sehen wir uns wieder: Kaum in Graz aus dem Zug gestiegen, renne ich im „Marathon Camp“ des Steirischen Herbstes in Joanna Warsza, den good cop im Kuratorenteam der letzten Berlin Biennale. Sieben Tage lang, 24 Stunden täglich, lud in Graz das Team um den scheidenden dramaturgischen Leiter Florian Malzacher Theoretiker, Aktivisten und Künstler in einer Sperrmüll-Architektur von raumlabor zu Debatten über Kunst und Politik. Joanna war vor mir da und erklärt mir die Highlights, darunter einige Namen, die sie selbst schon auf ihren Recherchereisen für die Berlin Biennale gebucht hatte; sie beginnt mich Leuten vorzustellen, und ich stelle fest, dass ich dringend nochmal zurück ins Hotel will. Bin ich denn dazu neun Stunden mit dem Eurocity von Berlin über Prag nach Praterstern gefahren, und von der Viennafair nach Graz, um auf der anderen Seite Mitteleuropas wieder bei der Biennale herauszukommen?

2. Erleichterung
Der Sommer war, frei nach Rilke, eine Großausstellung. Ich erinnere mich noch an die leuchtenden Augen einer Freundin am Preview-Abend der Documenta, die gerade von der Manifesta kam und sagte, beide seien mal wieder „richtige Ausstellungen“. Da schwang, wie in vielen Reaktionen, die Erleichterung nach den Zumutungen der Berlin Biennale mit, wenn nicht gar die Beruhigung darüber, dass es Artur Zmijewski, Joanna Warsza und Voina entgegen mancher Befürchtung doch nicht gelungen war, die Kunst abzuschaffen.

3. Fernsehen
„Richtige Ausstellungen“. Es ist ja nicht so, dass es allgemein an richtigen Ausstellungen fehlte, im Gegenteil, man kommt, wie Jörg Heiser im Anschluss an die diffuse Documenta in der „Süddeutschen“ und einem Berliner Vortrag beklagte, dem expandierenden Ausstellungsgeschäft gar nicht mehr hinterher. Nachdem ich im Sommer die belgischen Eröffnungen verpasst hatte, bin ich Ende September nochmal in den Zug gestiegen um alles zu sehen: In zehn Tagen von der Viennafair über den Steirischen Herbst zur Architekturbiennale, von da zur Menschenrechts-Ausstellung „Newtopia“ bei Brüssel, Jimmie Durham in Antwerpen, die Manifesta. Kasper Königs Abschlussausstellung in Köln, Alfredo Jaar in Arnsberg. Durchschnaufen und Nachdenken nur im Transit, wo mir etwa auf einem Vaporetto nach Giudecca klar wird, dass diese Form der Kunstbehandlung durch einen übereifrigen Jungkritiker dem Stil von Sondereinheitskommandos gleicht: Räume sichern, Objekte scannen – „cleared!“.

Überhaupt ist Kunstjetset wie Zappen: Kaum Zeit was zu verarbeiten, und auf allen Kanälen läuft das gleiche. Je weiter man in der Ausstellungswelt reist, desto kleiner wird sie. Und je schneller man durch Shows und Städte schaltet, desto eher fallen die Ähnlichkeiten in den Blick: die Verortung künstlerischen Handelns im Politischen; immer wieder auftauchende Positionen wie Khaled Jarrars tolles Briefmarken-und-Passstempel-für-Palästina-Projekt; oder die standardisierten Mülleimer in den pittoresken Innenstädten Venedigs und Antwerpens, die, nach ihrem Design zu urteilen, vom selben Hersteller stammen.

4. Europa, eine Ausstellung
Es gibt ja kaum noch Zonen im öffentlichen Raum, die keiner Ausstellungslogik folgen. Auf dem Flughafen Brüssel empfängt ein Werbeplakat des Europäischen Parlaments zum Thema Flug-Überbuchung den eben aus dem Flugzeugschlaf Erwachten: „Ask for compensation. It’s your right.“ Wenn Parlamente ihre Legitimation auf Konsumentenschutz gründen und das mit teuren Werbeetas beweisen müssen, dann ist auch Politik längst im Ausstellungsgeschäft versunken. Ändert das nicht automatisch die Funktion von Kunstausstellungen, die die Berlin Biennale problematisierte?

5. Wirre
Ich hatte ja nichts gegen die Biennale. Ich hatte sogar im Rahmen eines kleinen Beratervertrags meine Unabhängigkeit verkauft, um zu versuchen, ein paar Gedanken zur Kommunikation beizusteuern. Seit Martin Zets Büchersammlung hat mich das einhellige Zurückschrecken von Kritik und Institutionen weit mehr abgetörnt als die Unentschiedenheiten, die man Artur Zmijewski vorwerfen könnte. Und ich frage mich immer noch, warum der Biennale so wenig gegönnt wurde. Wirr, inkonsistent? Es gibt viele wirre Ausstellungen, die ungeschoren davon kommen. Die Manifesta zum Beispiel.

6. Kohle
Als hätte es in den letzten Jahren nicht genügend Ausstellungen zur Moderne gegeben, wurde hier nochmal die Kuratorenschippe mit abgehangenen Postindustrialismus-Thesen beladen. Denkt man sich das spektakuläre Gebäude der stillgelegten Kohlenmine, das als Readymade die Ausstellung zusammen hielt, weg, bleibt eigentlich nur ein Gerippe oberflächlicher Assoziationen auf Motiv-Ebene:
Richard Long? Kohle! Dabei.
Robert Smithson? Kohle! Dabei.
Marcel Broodthaers? Kohle! Dabei.
Dabei war Broodthaers’ Geste von 1967, drei Kohlehaufen im Galerieraum aufzuschütten, natürlich eine kategorisch andere als jene, diese Kohlehaufen wiederum in einer Kohlenmine aufzuschütten.

Die Manifesta war mit 100 866 Besuchern ein Riesenerfolg, zwanzig Prozent der Anwohner der einst stolzen Minenstadt Genk haben sie gesehen. Dem Auftrag der EU, strukturschwache Regionen zu erforschen und zu beleben, wurde vorbildhaft entsprochen. Mit dem Kohlenthema haben die Kuratoren ins Schwarze getroffen, aber sie haben es sich auch nicht besonders schwer gemacht, wenn sie etwa eine Etage schlicht mit allem füllten, was sie in regionalen Archiven an Erinnerungsstücken fanden. Wenn meine Erinnerung mich nicht trügt, hatte sich auch eine kunsthistorische Sektion mit vielen Bergbauszenen in Öl hierher verirrt, da ging dann sicher viel Kohle in Versicherung, Wände und Lüftung.

7. Thesen schöpfen, Menschen schöpfen
Die populären Elemente waren das Sympathischste an der Ausstellung, hinreißend etwa die Arbeiten aus einem Laienworkshop, die abseits in einem Schachtmodell abgestellt waren. Nur warum dieser verbrämte Akademismus in Kapiteltiteln wie „Aesthetics of Pollution“ oder „Poetics of Restructuring“? Warum so viel schmallippige Recherchekunst, die selbstgenügsam über den Betrachter hinweg sendet? Warum das erfüllungsmäßige Abhaken kapitalismuskritischer Allgemeinplätze ohne selbstreflexive Wendung, und warum keine Analyse neuer Ausbeutungsmodelle wie der Ressource Lebendigkeit in partizipativen Projekten von Kommunikationskonzernen oder Künstlern? Genüsslich fährt in einem Film von Mikhail Karikis und Uriel Orlow die Kamera die greisen Gesichter und Gehstöcke eines früheren Arbeiterchors ab, der in einer Minenlandschaft die Geräusche des Kohlenabbaus intonieren soll. Von der Gesangskunst kriegt man kaum was mit, aber deren arty Konfektionierung garantiert den Künstlern künftige Kapitalabschöpfung, wie bei Jérôme Bels Schrumpfversion von Behindertentheater auf der Documenta.

8. Porno
Ich rutsche gerade in so einen verkniffenen Dokumentarismusdiskurs ab, aber diese Art von als kritischer Kunst getarntem Sozialporno geht mir einfach enorm auf den Zeiger. Seit ich Renzo Martens’ Praxis kenne, kann ich sowas nicht mehr entspannt sehen. Mit seinem Gonzo-Dokumentarfilm „Enjoy Poverty“ (2008), gezeigt auf der 6. Berlin Biennale, hat Martens eine selbstreflexive Analyse des Ausbeutungssystems von journalistischer wie künstlerischer Bildproduktion vorgelegt. Und zur 7. Berlin Biennale hat er im Kongo ein Gentrifizierungscamp eingeweiht, in dem Plantagenarbeiter durch Kunsttheoretiker Unterricht in kritischer Kunst erhalten sollen, um an deren Wertschöpfung teilzunehmen. Das ist eine radikale Perspektive auf Augenhöhe mit ihren zynischen Rahmenbedingungen. Viele finden das unerhört, etwa Manifesta-Cokuratorin Katerina Gregos. Aber wenn man sich auf sie einlässt, fällt es schwerer, sich auf einen humanistischen Idealismus zurückzuziehen, wie sie es in ihrer Ausstellung „Newtopia – the State of Human Rights“ in Mechelen tat, die, eineinhalb Zugstunden entfernt, während der Manifesta eröffnete.

9. Menschenrechte
Zur Einweihung eines Museums des Holocaust und der Menschenrechte war Gregos eingeladen, eine Großausstellung zu kuratieren. 70 diverse Positionen von Marina Naprushkina bis Andy Warhol (sic!) waren auf den schwammigen Nenner „Menschenrechte“ reduziert. Eine angenehme, klassische Ausstellung mit viel guter Kunst, die aber den Menschenrechten nicht viel bringen wird, schon weil von den Anwohnern kaum jemand kam, weshalb die Schulklassen durchgeschleift wuden (die Veranstalter zählten seit Anfang September 18 000 Besucher). Der Umfang an Missverständnissen des Politischen zeigt sich schon in der Werbegrafik, die sich drollige Demonstrationsschildchen aneignete.

So standen die Räume also fast leer, aber der Name Mechelen ist durch die eingeladenen Journalisten in die Feuilletons eingetragen. Am Ende werden vom Projekt weniger Regionen mit schlechter Menschenrechtslage profitieren als vielmehr das Tourismusmarketing der Region Flandern, das auch die Manifesta unterstützte (an dieser Stelle danke für zwei Hotelnächte!). Auch Städte und Regionen sind offensichtlich der Ausstellungslogik unterworfen. Mechelen ist übrigens eine sehr schöne Stadt.

Ist ein so folgenloses, durch die Kunst gefiltertes Panorama weltweiter Missstände weniger zynisch als, sagen wir, das Verschiffen einer ohne Kunstanspruch gefertigten Schlüsselskulptur aus einem palästinensischen Flüchtlingslager in den Hof der Berliner Kunst-Werke? Es war genau jener distinguierte Abstand eines sich auf sein kritisches Bewusstsein etwas einbildenden Expertenpublikums, den Zmijewski als Teil eines größeren Problems identifizierte und heraus fordern wollte. Statt Artefakten stellte seine Streikbiennale eher tektonische Blick- und Rahmenverschiebungen aus.

10. Tektonik
Was für Carolyn Christov-Bakargiev der Meteorit war, war für Zmijewski der Schlüssel. Klar lassen sich, so man will, beide auch als kuratorische Schwanzverlängerung lesen, insofern war Zmijewski doch noch recht bescheiden. Zmijewski hat Palästina nach Mitte verrückt, was ein deutscher Kurator vielleicht nicht hätte machen können. Was viele Kritiken zurückwiesen, war gerade die osteuropäische Perspektive, und das hatte schon was Provinzielles: Wir wollen hier keine schlecht erzogenen Polen und Tschechen, die mit altmodischer Politkunst mühsam errungene Allgemeinplätze deutscher Gedenkkultur infrage stellen. In unsensibler und manchmal undurchdachter Weise hat die Biennale einige wichtige Löcher aufgerissen, die in der Rezeption allerdings gleich wieder zugeschüttet wurden.

Witzig aber, dass viele um die Autonomie der Kunst fürchteten. Wo doch die Biennale in seltener Deutlichkeit darauf hinwies, auf wie alarmierende Weise diese Autonomie längst bedroht ist, konkret durch rechtspopulistische Regierungen von Russland über Ungarn bis in die Niederlande, und tendenziell durch den überall zunehmenden Zwang zu Verwertbarkeit.

11. Parlamente
Letztlich war es ja einfach, dieser Streikbiennale ein Bein zu stellen, indem man sie, wie es mehrheitlich geschah, als das behandelte, wogegen sie eigentlich antrat (und was sie leider doch an ein paar Stellen war): eine Ausstellung für den konsumistischen Blick. Die stärksten Momente wurden kaum diskutiert, nämlich die performativen Formate in Bühnenbildern, die politischen Gremien nachempfunden waren, wie Yael Bartanas semifiktionaler „Erster Kongress des Jewish Renaissance Movements“. Oder Jonas Staals „New World Summit“, in dem Vertreter von sogenannten Terrororganisationen sprachen. Gerade der ambivalente Kunstrahmen erlaubte es, Spannungen zwischen Positionen zu erzeugen, die sonst kaum aufeinandertreffen.

Wider die Ähnlichkeit: Spektrales Kuratieren
Ich fand die Biennale jedenfalls nicht zynisch. Sie hat mich auch nicht zum Aktivisten gemacht. Sie hat mir aber geholfen, meine Kriterien zu schärfen für alles, was sich kritische oder politische Kunst nennt. Vor allem fand ich sie gerade in kuratorischer Hinsicht das Interessanteste, das es diesen Sommer zu sehen gab. Beispielhaft für mich der Raum, in dem Miroslaw Patecki den Kopf seiner großen Jesus-Statue noch einmal formte, die im polnischen Swiebodzin zum Pilgerziel geworden ist. Während Kuratoren sich sonst mit den gezeigten Arbeiten solidarisch erklären, unternahm diese Installation eine spektrale Auffächerung von relativ unähnlichen Interessen, und das ohne Versprechen auf Erfüllung: die der katholischen Kirche in Polen, die eines leidenschaftlichen Volkskünstlers, die eines Künstler-Kurators und die der Kunstgenießerin, der hier die einfache Einfühlung in die Unterdrückten versagt ist.

Ich finde ja auch, dass der Biennale ein größeres Interesse am Gegenüber gut getan hätte und eine entschiedene Moderation der Auseinandersetzungen. Wenn ein Kurator meint, besser zu wissen als alle, was politische Kunst ist, darf man es den anderen nicht verübeln, wenn sie es auch besser wissen.

(Die fehlenden Debatten lieferte dann das übrigens sehr vielfältige Programm des Steirischen Herbstes.)

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für kunstkritik 2012