Durchbruch

Renata Lucas hat den Kunstpreis der Schering-Stiftung bekommen. In ihrer Ausstellung in den Kunst-Werken bringt sie die Stadt zum drehen

Der Tagesspiegel, 13. September 2010

Was ist die Stadt? Zerteilter Raum, geronnene Geschichte, Manifestation von Macht, ein Gedächtnis aus Asphalt und Stein. Sie scheint oft starr und unabänderlich, doch sie verändert sich ständig.

In ihrer Heimatstadt Sao Paolo hat die Künstlerin Renata Lucas 2004 eine Straßenkreuzung mit Sperrholz belegt. Die Bewegungen von Autos, Mopeds und Fußgängern wurden auf dieser temporären Bühne zum Schauspiel, zufällig, sinnfällig und verhandelbar. Bald demontierten die Nachbarn das Werk, weil sie das ständige Rumpeln nicht mehr ertrugen.

Letztes Jahr ließ Lucas auf der 53. Venedig Biennale einen Teil der Kieswege in den Guardini asphaltieren. Mitten im Kunstrahmen landeten die Gäste unvermittelt auf einer Autobahn.

Die unbestechliche Konsequenz, mit der Renata Lucas Grenzen zwischen getrennten Realitäten verrückt, bringt Wahrnehmungsmuster ins Wanken und schärft die Sinne für jene Strukturen, die oft unbemerkt die Wirklichkeit formen. Dafür bekam die 1971 in Ribeirao Preto geborene Künstlerin vergangenen Freitag von Kurator Daniel Birnbaum den Kunstpreis der Schering Stiftung überreicht. Deren Kunst-Direktorin Heike Mertens macht dieser Tage ordentlich Programm: Im Projektraum Unter den Linden läuft eine nette Gemeinschaftsausstellung des Physikers Arthur Miller und der Künstlerin Fiorella Lavado; am Donnerstag wird Bildhauer Rainer Maria Matysik im Medizinhistorischen Museum der Charité eröffnen. Positionen zwischen Kunst und Wissenschaft soll auch der Kunstpreis fördern, der ab jetzt alle zwei Jahre zusammen mit den KW vergeben werden soll und mit 10 000 Euro dotiert ist.

Die Verleihung an Renata Lucas hatte sich bereits um ein Jahr verschoben. Ihr erstes Projekt für die Preisträgerausstellung erwies sich nämlich als unmöglich: Sie wollte in die Spiegelwand des Cafés im Innenhof der KW eine Drehtür schneiden – mit dem Drehpunkt an genau der Stelle, an dem das Grundstück auf die benachbarte Synagoge und ein Wohnhaus trifft. Das hätte die Grenzen zwischen Kunst-, Wohn- und Gotteshaus durcheinander gemischt, wogegen die Nachbarn Bedenken hatten.

„Die Diskussionen im Vorfeld sind untrennbarer Teil meiner Arbeiten“, erklärt die Künstlerin. Auch die nun realisierten Arbeiten erforderten harte Verhandlungen mit Denkmal- wie Straßen- und Grünflächenamt: Lucas hat einen großen Kreis aus dem Boden des Hofzugangs geschnitten und um 7,5 Grad gedreht, mitsamt einem Teil des Gehsteigs an der Auguststraße. Im Vorübergehen leicht zu übersehen, doch ein radikaler Eingriff mit gewaltigem imaginativem Potenzial; fast glaubt man das Knirschen dieser tektonischen Verschiebung zu spüren. Die Geste weist aus der Gegenwart auf Umgebung und Geschichte dieses Ortes.

Lucas' Arbeiten greifen direkt in die Realität ein und sind in keinen anderen Galerieraum übersetzbar. Sie überschreiten die Trennung von Rahmen und Inhalt, öffnen und durchdringen benachbarte, doch voneinander geschiedene Orte.

In Lucas' zweiter Arbeit geschieht das durch die aktive Betätigung des Betrachters. Am anderen Ende des Geländes, im tief liegenden Hauptsaal, stemmt er sich mit den Händen gegen die Rückwand und setzt durch Treten der Füße eine Drehscheibe in Bewegung, die zur Hälfte drinnen, zur Hälfte draußen liegt. Laut rumpelnd schiebt sich das Gras der anschließenden Brachfläche in den Innenraum und der Estrich hinaus, und so weiter im Kreis.

Der Karussel-Effekt hält noch lange an, die physisch-symbolische Unterbrechung der Ordnung begleitet mich auf meinen Wegen durch Berlin. Was kreist wirklich um jenen Angelpunkt in der Auguststraße? Ist es die Scheibe, ist es das Gebäude, oder ist es die ganze Stadt?

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für kunstkritik 2012