Die Welterklärer

Eindeutig undeutlich: Das Haus am Waldsee widmet dem Architekturbüro Graft eine Einzelausstellung

Der Tagesspiegel, 29. November 2011

Die Währung des Architekten, sollte man meinen, sind Gebäude. Mindestens ebenso wichtig sind aber Bilder und Worte. Le Corbusier wie Rem Kohlhaas verdanken ihren Ruhm zum großen Teil Schriften und Vorträgen. Auch das Berliner Büro Graft, dem das Haus am Waldsee eine Einzelausstellung widmet, hat, gemessen an verwirklichten Projekten, eine erstaunliche Sichtbarkeit erreicht.

Die Zahl derer, die in Berlin ein Graft-Gebäude von innen gesehen haben, beschränkt sich wohl auf den Patientenkreis einer Charlottenburger Zahnarztpraxis und die Gäste des Hotel Q in der Knesebeckstraße. Aber jeder kennt die 'Wolke', die Graft für die Kunsthalle am Schlossplatz vorschlugen. Und jeder würde ihre Häuser wiedererkennen: die geschwungenen Formen einer biophilen Science-Fiction-Architektur, die jenseits der Schwerkraft statt zu finden scheint und jenseits der Zeit.

Die Hauptelemente der Ausstellung sind denn auch nicht Fotos, die eine etwaige Nutzung zeigten, sondern Modelle und große 3D-Renderings, die in künstlichem Farbklima spektakuläre bis paradiesische Gegenwirklichkeiten versprechen.

Nordchina: Zackig konkurriert die Schanze eines Ski-Ressorts mit den Gipfeln des Changbai-Shan-Gebirges nahe der nordkoreanischen Grenze.

Dubai: Wie die Motorhaube eines Sportwagens steigt ein Sonnenkollektoren-Dach an, aus dem sich in vielen Winkeln gebrochene Wohnblöcke auffalten wie abstrakte Skulpturen.

Kuala Lumpur: Zwei weiße Luxuspavillons schweben auf Stelzen in einer Seenlandschaft, ihre Hüllen wirken zugleich wie visualisierte Klangwellen und aus Schilf geflochten. Die Suggestion: Graft könnten die ganze Welt schöner, weicher und energieeffizienter gestalten, wenn man sie nur ließe. Keins der Projekte ist bisher gebaut.

Wolfram Putz, Christoph Körner, Lars Krückeberg und Thomas Willemeit, die ihr Büro 1998 nach dem gemeinsamen Studium in Los Angeles gründeten, wird mit Begeisterung wie Skepsis begegnet, denn sie füllen eine Lücke. Es ist ja nicht ihre Schuld, dass Architekten um die 40 in deutschen Diskussionen kaum vorkommen. Und dass Berlin, wo Graft 2009 einen Wettbewerb am Tempelhofer Feld gewonnen haben, seine Potenziale als städtebauliches Experimentierfeld mit einer rückwärtsgewandten Baupolitik verspielt hat. "Schinkel würde sich im Grab umdrehen": Graft sagen, was viele denken, aber sie sagen es so schön, dass es völlig neu klingt.

Der Nimbus des Neuen ist Grafts Markenkern. Das Computergestützte Entwerfen, das sie aus den USA mitbrachten, der interdisziplinäre Ansatz, das globale Arbeiten mit Büros in Berlin, Los Angeles und Peking, dazu das Engagement für Afrika mit einem "Solarkiosk" zum Aufladen von Telefonen: Das alles sind Dinge, die selbstverständlich sein sollten. Dass sich auf ihnen ein Image aufbauen lässt, sagt mehr über den deutschen Architekturdiskurs als über Graft.

Ein Weinstock illustriert zu Beginn der Ausstellung die Technik des "Grafting" im Obst- und Weinanbau: die Optimierung von Pflanzen durch Kombination mit fremden Arten. Graft nehmen sie als Vorbild für Entwürfe, die sich vorgeblich nicht an Stilen und fertigen Bildern orientieren, sondern aus Bau- und Nutzungsvorgaben generieren – auch eine Grundtugend, die allerdings mit dem softwaregestützten "parametrischen Entwerfen" neue Möglichkeiten erhalten hat. Ein Mehrfamilienhaus für Tokio verkörpert sie eindrucksvoll: Aus den Bauvorschriften ergab sich eine Hügelform, das begrünte Dach ist als Feuchtigkeitsspeicher ans Wassersystem angeschlossen, und ein sich zum Himmel öffnender Trichter bringt Luft und Tageslicht ins Gebäudeinnere.

Ein Grafting unternimmt auch Haus-am-Waldsee-Direktorin Katja Blomberg, indem sie die Räume für Gegenwartskunst einem einzelnen Büro überlässt. Das Haus betätigt sich als symbolischer Kapitalgeber für Akteure eines anderen Marktes. "Wir profitieren ja auch davon, schließlich sind Graft bekannt", entgegnet Blomberg, die Wert darauf legt, dass alle Kosten von ihrem Haus getragen wurden. Nur das 'Künstlerbuch' haben Graft mit aufgestockt.

Nun könnte das Haus weit mehr profitieren, enthielte das Buch auch nur eine kunst- oder architekturtheoretische Fragestellung. Essays könnten aus dem floral-vaginalen "Desert Canyon Ressort" Henry Moore herauslesen oder die Technik des "Slicings" mit den Skulpturen Tony Craggs in Beziehung setzen, von denen passenderweise eine neue im Garten steht. Stattdessen erwähnt Blomberg, dass die Architekten zu Studienzeiten deutsche Vizemeister im A-Capella-Jazzgesang waren. Und schon dürfen die Wunderkinder selbst drauflos graften: von der Villa Adriana über englische Gartenarchitektur zu Pasta und Mash-Ups in der Popmusik. Von Kant bis Pink Floyd wird alles schlampig anzitiert. Überholte Dichotomien werden errichtet, um sie mit Effekt überwinden zu dürfen. Ja, Graft wollen uns tatsächlich die ganze Welt noch mal erklären. Sie sagen nur Dinge, denen man nicht widersprechen kann. Das ist die Strategie von Lebensratgebern.

Im Erdgeschoss ist, wie die Architekten sagen, "das Denken" ausgestellt: ein Kuriositätenkabinett aus Kitschobjekten, Dornenkrone, Currywurst und so weiter. Das wiederum ist eine Strategie von Fürsten.

Eine Spiegelinstallation, die das von Brad Pitt gesponserte Engagement für den Wiederaufbau von New Orleans in eine plakative "Phoenix-aus-dem-Ei"-Motivik übersetzt, erinnert dann weniger an Kunst als an ein Shopdesign für DC von 2006. Es passt, dass Graft bisher vor allem Geschäfte und Hotels realisieren konnten, Räume mit vorgegebenen Nutzungen. Denn ihre Gebäude illustrieren zwar Ideen von Wandel, lassen dabei aber wenig Raum diesen zu gestalten. So ist der Titel der Ausstellung allzu treffend: "Distinct Ambiguity" – Vieldeutigkeit, zur Eindeutigkeit gefroren.

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für kunstkritik 2012