„Die Reaktionen fallen aus, als sei Putin Gott.“

Die Moskauer Kunsthistorikerin Ekaterina Degot über die Aktionen von Pussy Riot und das Verhältnis von Kirche, Macht und Kunst in Russland

Die Welt, 05. April 2012

Frau Degot, Russland steht Kopf, weil ein paar junge Frauen in der Christ-Erlöser-Kathedrale die Heilige Jungfrau zur Hilfe gegen Putin gerufen haben. Können Sie aus der Sicht einer Kunsthistorikerin erklären, was genau die Band Pussy Riot tut?
Dazu muss man das Verhältnis zwischen Kunst und Politik in Russland verstehen. Beides ist gerade ziemlich das selbe. Sich zum Künstler zu erklären ist vielleicht die einzige Möglichkeit, in Russland politisch zu wirken, weil das mehr Möglichkeiten gibt und Sichtbarkeit verleiht. Anders als andere politische Künstler verzichten Pussy Riot aber auf künstlerische Autonomie, die es in Russland ohnehin nicht wirklich gibt. Sie haben allerdings künstlerische Hintergründe. Eine der drei Frauen, die jetzt in Haft sind, war früher meine Studentin.

Die Anklage, die geprüft wird, lautet "Rowdytum". Darauf stehen bis zu sieben Jahre Haft. Die Frauen sitzen in Untersuchungshaft und werden in Käfigen im Fernsehen vorgeführt. Ist das innerhalb der russischen Rechtsprechung angemessen?
Nun, der entsprechende Paragraph impliziert, dass Gewalt enthalten war. Das trifft rein logisch nicht zu.

Pussy Riot müssen gegen mehr verstoßen haben als das geschriebene Gesetz.
Ich glaube, dass sie einen besonders wunden Punkt getroffen haben: die Verbindung von Kirche und Macht. Die Reaktionen fallen aus, als sei Putin Gott. Wie im byzantinischen Reich, wo der Herrscher von Gott gesandt war. Dazu ist die bloße Tatsache, dass sie Frauen sind, für viele Autoritäten unerträglich. Es steht Frauen nicht zu, sich so zu verhalten. Das bringt sehr wichtige unausgesprochene Dinge an die Oberfläche.

Zwei der Frauen sind Mütter, ihnen wird mit Entzug von Sorgerecht gedroht. Mahnwachen vor dem Gefängnis wurden angegriffen. Ein Kolumnist schrieb, Pussy Riot hätten es verdient, auf dem Scheiterhaufen verbrannt zu werden. Das klingt wie eine Hexenjagd.
Absolut. Das Mädchen, das bei der Mahnwache angegriffen wurde, ist auch eine Studentin von mir. Sie erzählte, dass Leute mit Weihwasser kamen und die Demonstranten bespritzten. Andere standen daneben und zerrissen ihre Poster. Sie versuchte, mit ihnen zu reden, was einem anderen Fanatiker genügte, sie körperlich anzugreifen.

Wer sind die Leute?
Der Angreifer ist ein Politiker, Alexander Bosykh. Er arbeitet als eine Art PR-Berater für Dmitry Rogozin, den Führer der Partei Kongress russischer Gemeinschaften. Rogozin ist Nationalist und jetzt Vizepremier in der Regierung Wladimir Putins. Alles geschah unter den Augen der Polizei, die zusah, wie Bosykh meine Studentin schlug, ohne einzugreifen.

In der orthodoxen Kirche geht es um Vergebung. Wie können die Reaktionen so harsch sein? Was steht für die Kirche auf dem Spiel?
Wsewolod Tschaplin, der Sprecher der russisch-orthodoxen Kirche, schrieb neulich, Vergebung bedeute, den Sünder streng zu bestrafen, denn das sei zu seinem Besten. Er will Blut sehen. Auf dem Spiel steht die wirtschaftliche und politische Macht der Kirche. Sie müssen verstehen, dass die Kirche in Russland nicht nur dekoratives Accessoire ist, sondern selbst eine wichtige Stütze politischer Macht. Sie bekam in den Neunzigern viele Immobilien zugesprochen und dazu das Privileg, Tabak und Wodka steuerfrei zu handeln. Sie versucht mehr Einfluss auf die junge Generation gewinnen, sie verfolgt eine starke Anti-Abtreibungspolitik. Am liebsten hätte sie wohl die gleiche Macht wie im Schariarecht. Das ist eine sehr ernste Situation. Pussy Riot brachen die symbolische Ordnung, das war für Kirche und Politik nicht tolerierbar. Aber die Kirche wurde überrascht von den moderaten Reaktionen vieler Priester und Gläubiger. Es scheint, als ob die allmähliche Demokratisierung auch in der orthodoxen Kirche vor sich ginge. Mir haben auch Leute erzählt, dass sie eine mögliche Kirchenspaltung befürchten.

Welche Bedeutung hat der Ort, die Christ-Erlöser-Kathedrale?
Das ist vielleicht der am stärksten ideologisch aufgeladene Ort Moskaus. Sie wurde im 19. Jahrhundert zum Gedenken an den Sieg über Napoleon gebaut. 1931 wurde sie zerstört, für den Palast der Sowjets, der nie gebaut wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand das Moskwa-Freibad, das auch im Winter beheizt war. Ich erinnere mich wie ich als Kind dort war, das war schön. Man konnte in der Mittagspause im Zentrum schwimmen gehen. Es war ein Symbol für Freizeit und Freiheiten in der Sowjetkultur, das durch den Wiederaufbau der Kathedrale zerstört wurde. Das ist eine politische Institution, zugleich ist sie das Herz der wirtschaftlichen Macht der orthodoxen Kirche. Sie vermietet dort auch Veranstaltungsräume für Feiern. Die Reaktion vieler Gläubiger zeigt, dass sie sich mit dieser Kathedrale überhaupt nicht identifizieren, für sie ist sie ein beschämendes Symbol für den Zustand der orthodoxen Kirche.

Das würden die Gläubigen, die dort beten, sicher anders sehen.
Das Zentrum Moskaus ist völlig gentrifiziert, dort leben nur Reiche. Putin und Medwedew gehen in die Kathedrale. Einmal wurde ein Teil des Gürtels der Jungfrau Maria aus Ägypten ausgestellt, da gab es lange Schlangen von Menschen, die aus dem ganzen Land kamen um dort beteten. Aber normalerweise sind da nur Touristen.

Es gibt regelmäßige Gottesdienste.
Vielleicht muss ich erklären, dass in Russland fast niemand traditionell an Gott glaubt. Religiöse Bräuche wurden in der Revolution zerstört. Eine typische Umfrage würde so ausfallen: Sind Sie orthodox? – Ja. – Glauben Sie an Gott? – Nein, natürlich nicht. Russisch-orthodox gilt als Art nationaler Identität, nachdem die kommunistische nicht mehr gilt.

Worauf gründet dann die Macht der Kirche?
Eine schwierige Frage. Soziologische Statistiken ergeben auch folgendes: Unterstützen Sie die Politik Putins? – Nein. – Würden Sie ihn wählen? – Ja. So ist das leider. In Russland haben wir nicht diese politische Kultur wie in Frankreich. Normale Leute wollen einfach eine Macht, die für sie herrscht. Sie wollen nicht selbst Verantwortung tragen.

Beleidigen Sie damit nicht Ihre Gesellschaft?
Ich bin nicht die einzige, die das sagt. Ich denke dass sich die Dinge jetzt stark ändern. Ich als Journalistin tue mein Bestes, und auch ich spüre diese Faulheit, politisch verantwortlich zu sein. Das ist etwas neues und schwieriges für Russland. Leider gibt es diese Idee der 99 Prozent gegen das eine Prozent in Russland nicht. All die 99 Prozent wollen sich mit dem einen Prozent identifizieren. Außer kleine linke Gruppen, Aktivisten und Künstler.

Lässt sich die Situation der Kunst heute mit der in Sowjetzeiten vergleichen?
Das ist sehr verschieden. Eins ist sicher, so eine Performance wäre in Sowjetzeiten unmöglich gewesen. Wegen dem totalen Mangel an politischer Freiheit. Aber ein Vergleich zu den Neunzigern ist interessant. 1993 betrat der Künstler Alexander Brener die damals wichtigste Kathedrale in Moskau, die Erlöserkathedrale war noch nicht gebaut, und rief: "Tschetschenien, Tschetschenien!". Er erklärte hinter, er wolle als 33 Jahre alter Jude die Verantwortung für den Tschetschenienkrieg auf sich nehmen. Es war eine politische Performance, aber es passierte nichts, er wurde nach draußen geschafft, das war alles. Das zeigt uns sehr gut, wie anders die jetzige Situation ist.

Sie haben vor einer Ästhetisierung der Proteste gewarnt. Sie sind Kunstkritikerin und sagen: Weniger Kunst?
Kunst gilt oft als Art sicheres Feld, in dem Ideen ausgedrückt werden können, gerade weil es nur Kunst ist. Nur Kunst heißt: Ist ohne Verantwortung, hat keine Konsequenzen, ist nicht ernst. Daher halte ich es für gefährlich, wenn sich die politischen Proteste als etwas schönes präsentieren, ohne konkrete Slogans und konkrete Ziele...

Wie die Menschenkette um das Stadtzentrum vor den Präsidentschaftswahlen.
Ja, das schafft eine Illusion. Für mich war es wie ein Yoga-Seminar: Nicht die Dinge ändern sich, nur deine Stimmung. Ich denke, Kunst muss ihre politische Rolle überdenken, wie die Banken. Nur Dekoration für Proteste abzugeben ist nicht genug.

Sie wollen die Freiheit der Kunst preisgeben?
Ich denke nicht, dass sie aufgegeben werden kann, aber sie sollte nicht als selbstverständlich betrachtet werden. Für viele Kunstschaffende in Europa und Amerika ist sie etwas gegebenes, etwas, das nicht in Frage gestellt werden kann. Aber sie reflektieren nicht wirklich darüber, welche Rolle sie spielt. Die Freiheit der Kunst ist ein Feld ständigen Kampfes.

Ekaterina Degot, geboren 1958, ist Kunsthistorikerin, Kritikerin und Professorin an der Rodchenko-Schule für Fotographie und Neue Medien in Moskau. Sie hat zahlreiche Ausstellungen in Russland und Europa kuratiert und leitet das Kunstressort des Online-Magazins OpenSpace.ru.

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