Die Quadratur der Scheibe

Welchen Wert hat Popmusik, wenn alles gratis ist? Über das Kunstwerk im Zeitalter seiner digitalen Kopierbarkeit

Der Tagesspiegel, 27. Oktober 2009

Ein Freund von mir sagt, er fände es okay, wenn illegales Downloaden mit dem Abschalten des Internetzugangs bestraft würde, so wie es bald in Frankreich passiert. Dann würde er endlich damit aufhören und hätte wieder Spaß daran sich CDs zu kaufen, wie früher.

In Minuten lässt sich heute die komplette Kate-Bush-Diskografie aus dem Netz ziehen. Der neue Dan Brown wurde am Erscheinungstag millionenfach über Tauschbörsen kopiert. Filme sind zu finden, bevor sie ins Kino kommen. Das Kunstwerk im Zeitalter seiner digitalen Kopierbarkeit: Warum sollte man noch dafür zahlen? Illegale Praktiken untergraben alte Geschäftsmodelle und schaffen neue: Langsam verstehen auch die Konzerne, dass die Abrechnung pro Stück immer weniger funktioniert und lassen sich versuchsweise auf die Öffnung der Archive ein.

Das Internetradio Spotify, in Deutschland wegen Lizenzproblemen bislang nur per Tricks zugänglich, erlaubt es, die gesamte Musik aller vier Majorlabels und vieler Indies auf Abruf zu hören. Morgen will Google in den USA seinen neuen Service „Google Audio“ vorstellen, mit dem Musik über die gewohnte Suchmaske zu finden und gratis zu hören sein soll. In China läuft das Angebot bereits.

Paul Valéry ahnte das alles schon 1932: „Wie Wasser, Gas und elektrischer Strom von weither auf einen fast unmerklichen Handgriff hin in unsere Wohnungen kommen, um uns zu bedienen, so werden wir mit Bildern oder mit Tonfolgen versehen werden, die sich, auf einen kleinen Griff, fast ein Zeichen einstellen und uns ebenso wieder verlassen.“ Jetzt, wo es so weit ist, verflucht mein Freund diese Freiheit. Und wünscht sich zurück in die gute alte Zeit, als er sich für 24,99 DM die Gewissheit kaufen konnte, er würde die Musik, die er hört, besitzen.

Aber kann man Musik besitzen? Und muss man Geld zahlen, um sie schätzen zu können? Warum fühlt sich das Musikhören anders an als früher? Man hört doch immer noch: Musik. Ging es vielleicht gar nicht nur um Musik?

Etwas scheint verloren. Die Digitalisierung hat den einst selbstverständlichen Geldfluss zwischen Künstler und Hörer ausgetrocknet. Eine Verbindung ist gekappt – auch wenn diese ohnehin bislang von Plattenfirmen kontrolliert wurde. Doch es scheint, als stünde nicht nur der Künstler mit leeren Händen da. Auch mancher MP3-Hörer stellt fest, dass sich die Gigabyte von Musik auf seiner Festplatte irgendwie wertlos anfühlen. Es ist in aller Munde: Pop hat ein Werteproblem.

Pop wollte immer die Masse. Die hat er bekommen: Die Musik ist verflüssigt, rinnt durch die Finger der Rechtsabteilungen, dringt durch alle Netze. Geht Pop in der Erfüllung seines Versprechens unter?

Wenn Sam Riley als jugendlicher Ian Curtis im Joy-Division-Film „Control“ von Anton Corbijn – als Fotograf von Frank Sinatra und U2 selbst ein großer Auralieferant – seine David-Bowie-Platte aus dem Schuber zieht, muss das in Schwarzweiß geschehen. Es ist der nostalgische Blick auf eine verlorene Vergangenheit, als Platten ein exklusives Vehikel waren, das einen der Enge der Verhältnisse enthob und mit dem Versprechen auf ein besseres, echteres Leben versah.

Heute ist der genaue Veröffentlichungstermin nicht mehr wichtig. Meist sind die Stücke vorher im Netz zu hören, immer öfter auch legal. Ist es nicht albern, meine CDs in einem eigenen Möbel auszustellen, wenn ich sie ohnehin alle von Festplatte und MP3-Player höre? Das Verbinden mit anderen, die das Richtige denken, das Richtige fühlen, das Richtige mögen – haben nicht soziale Netzwerke wie Facebook und last.fm diese Funktion übernommen? Und hat vielleicht die über Twitter geteilte Vorfreude auf Präsentationen neuer Apple-Produkte das kollektive Entgegenfiebern auf neue Alben ersetzt?

Nur zehn Prozent der Spotify-Nutzer sind bereit, für ein werbefreies Abo zu bezahlen. Das geht nicht gut, sagt Internetexperte Gerd Leonhard. Wenn Kopien gratis sind, musst du Dinge verkaufen, die nicht kopiert werden können, sagt der amerikanische Technikjournalist Kevin Kelly – nach dem Motto: zahle das Handy, höre gratis. Treten damit auratisch aufgeladene elektronische Endgeräte an die Stelle von Popstars? Und die Musik spielt nur noch die zweite Geige, als Beigabe, als austauschbare Imagestütze? Kann man sich diese Gratiswelt wünschen?

Interessanter als der Veröffentlichungstermin ist, wann das Konzert stattfindet. Für Konzerte wird mehr Geld ausgegeben denn je, denn Livebegegnungen gibt es, bei allen wackligen Handykamera-Reproduktionen auf Youtube, tatsächlich jeweils nur einmal. Wobei die Konzertübertragungen der Philharmoniker, von Robbie Williams und U2 neue Formen der Zusammenkunft einläuten.

Die Basler Elektropop-Band The Bianca Story verschenkte ihre letzte EP Song für Song per Download und stellte für jeden einen Videoclip auf Youtube. So weit, so üblich. Zusätzlich veröffentlichten die studierten Künstler die EP allerdings in einer Ausstellung – als Skulptur. Klappt man den Glitzerwürfel auf, kommen Boxen und Monitore zum Vorschein und spielen die Musik. Klappt man ihn zu, stoppt sie. Je weiter man den Würfel öffnet, desto lauter wird er. Die Quadratur der Scheibe: Die CD ist tot, es lebe das Kunstobjekt. Nach vier Wochen wurde das Werk „Unique Copy“ versteigert und ging für über 10 000 Franken an den reichsten Erben Basels, der es in seiner Strandbar ausstellen möchte.

Das Album als Skulptur – ist das die Zukunft des Formats Pop-Album? Von der Massenware, die um Chart-Platzierungen kämpft, zum Unikat: Die Rückeroberung von Aura durch radikale Verknappung? Seit den Jazzcovern von Blue Note gestalten Künstler Platten. Peter Blakes „Sgt. Pepper“-Cover für die Beatles zählt zu den Meisterwerken des 20. Jahrhunderts. Das „Weiße Album“ verwandelte Richard Hamilton per Nummerierung in eine Auflagenedition.

Seit der Renaissance des Vinyls bemühen sich immer mehr Veröffentlichungen um Einzigartigkeit: Die zweite Soloplatte von Thom Yorke erschien mit aufwendiger Stanzung. Der isländische Bluesrocker Mugison fertigte 20 000 Cover seiner CD „Mugiboogie“ in Handarbeit zusammen mit Nachbarn aus seinem Heimatdorf. Doch immer ist es ein Massenprodukt, das die Kunst nur illustriert. The Bianca Story denken die Idee der Limitierung zu Ende bis zur prinzipiellen Unverfügbarkeit – bei maximaler Verfügbarkeit der Kopie.

Pop will größtmögliche Reichweite. Kunst will höchstmögliche Preise. Die Kunst ist stärker: Sie ist nicht vom Material zu lösen. So lebt nach den Regeln der Kunst auch der Zauber von Curtis’ Bowie-Platte weiter: auf Flohmärkten und in Plattenläden, wo Sammler Raritäten aus den Kisten ziehen, Stücke, die man so nur einmal findet. Frei nach Kafka: Diese Platte ist nur für dich bestimmt.

Auch die Idee von The Bianca Story ist als Geschäftsmodell kaum kopierbar, aber bildstark verdeutlicht sie die Trennung von Ton und Träger. Musik kam die kürzeste Zeit auf Tonträgern. Massenmärkte und Studiotechnik haben sie bereichert. Die Befreiung vom Material wird es auch tun. Man muss loslassen können.

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für kunstkritik 2012