Demonstrationen

Kurzessay für ein Leporello zur Ausstellung "Demotape" von Markus Draper in der Bourouina Gallery, Berlin (12. 10. - 16. 11. 2013)

Bourouina Gallery, 10. Oktober 2013

Der Unmut nimmt Form an. Die Gemeinde verlässt die Kammern des Privaten und reklamiert die Plätze. Sie brandet an gegen die Mauern der Ordnung. Der demos wird monstrum.

Die Wächter der Ordnung stehen bereit und warten ab. Bevor es zu Übergriff und Ausschreitung kommt, steht ein Messen der Kräfte: Wer ist bereit wie weit zu gehen?

Die Demonstration setzt die Routinen des Staates außer Kraft. Sie führt die Macht auf ihren Ursprung und Zielpunkt zurück: den lebenden Körper. Die Versammlung entzieht den Zeichen der Macht die Legitimation und setzt sich selbst als Zeichen: zuallererst für die Bereitschaft, die eigene Unversehrtheit auf’s Spiel zu setzen. Sie schreibt sich ein in die Ordnung der Stadt und deutet ihre Plätze um. Der Körper steht direkt gegen die Architektur, die Stimme gegen die Schrift. Die Demonstration kündigt die Verteilung der Körper auf und schlägt eine neue vor. Sie ist der Anfang der Politik.

Auch der Staat kann Demonstrationen anordnen. Aber er kann es nicht verhindern, wenn die Bühne genutzt wird um die Zeichen zu verrücken.

In dieser Wette auf die Zukunft teilt man sich den Grund des Gesetzes, das dem Einzelnen Schutz verspricht. Und das es erlaubt, ihm diesen Schutzanspruch zu entziehen.

Greift die Menge durch, kann sie ihre Sprechmacht verlieren. Greift die Macht durch, kann ihr die Macht abhanden kommen. Jede Bewegung wird registriert und schreibt sich ein in die Geschichte. Irgendwo ist immer eine Kamera versteckt.

Beim Sturm auf die Bastille sind urbaner und medialer Raum noch eins, sind Stadt und Körper die Medien, in denen der Kampf ausgetragen wird. In der globalen polis wird auch um den medialen Raum gestritten, um die Verteilung der Leitungen und der Kameras. Je mehr man sich die selbe Software teilt, desto mehr wird die Demonstration zum Ringen um die Möglichkeit des Erscheinens selbst.

Und manchmal antwortet die Macht dann gar nicht mehr. Sie sitzt die Versammlung einfach aus.

adkv - art cologne preis
für kunstkritik 2012