Das Relikt

Auf Jerusalems Ölberg schlummert das frühere Hotel Intercontinental und konserviert den verblassten Glanz der sechziger Jahre

Süddeutsche Zeitung, 22. April 2011

Die ersten Strahlen der Vormittagssonne berühren die Grabsteine am Westhang des Ölbergs, während die Limousinen vor dem neuen Intercontinental vorfahren. Durch die Drehtür schreitet die diplomatische Klasse der arabischen Welt. König Hussein von Jordanien selbst hat das Luxushotel bauen lassen, mit seinen sieben Fensterbögen, die abends honiggelb von der Kuppe des Ölbergs Richtung Westen strahlen. Es ist das beste Haus am Platz. Die Leuchter kamen aus Syrien, das Holz aus dem Libanon, die Möbel entstanden vor Ort wie in mittelalterlichen Domhütten.

Nun hat das Intercontinental seinen ersten großen Auftritt. Generäle, Botschafter und Frauenvertreterinnen sind aus Ägypten gekommen, aus Marokko und dem Irak, aus dem Jemen und dem Sudan. Der Speisesaal ist gefüllt vom Raunen der Gespräche und dem Rascheln von Stoff. Würde man die schweren Vorhänge aufziehen, blickte man auf Jerusalem, die geteilte Stadt. Blickte man auf Israel, den Dorn im Auge der arabischen Völker. Zur Seite von König Hussein sitzt Palästinenserführer Ahmad Al-Shukairy und verliest die erste Verfassung der Palästinensischen Befreiungsorganisation. Sie erklärt die jüdische Staatsgründung für illegal, fordert gleiche Rechte für alle Religionen und ruft auf, „voranzuschreiten auf dem Pfad des heiligen Krieges, bis vollständiger und endgültiger Sieg erreicht ist.“ Es ist der 28. Mai 1964, die Gründungskonferenz der PLO.

46 Jahre später. Tzachi Ashour hat es heute wieder nicht nachhause zur Familie geschafft. Auf seinem Teller stapeln sich die einfachen Köstlichkeiten vom Buffet, Hühnerfrikassee, Safranreis und gefüllte Paprika, zubereitet von der arabischen Belegschaft. Ashour ist Sohn sephardischer Juden, ein freundlicher, zupackender Ingenieur. Er leitet den Ausbau der Autobahn 1 zwischen Tel Aviv und Jerusalem auf vier Spuren. Die 1 ist die wichtigste Route Israels und häufig überlastet. Sie führt über die Waffenstillstandslinie von 1948 und quer durch palästinensisches Gebiet zum Toten Meer. Viele sagen, der östliche Abschnitt schneide das Westjordanland in zwei Hälften und verhindere einen funktionierenden Palästinenserstaat. „Probieren Sie unbedingt das Steak“, empfiehlt Tzachi Ashour. „Es kommt auf einer Steinplatte, die Spezialität des Hauses.“

Es ist 2010. Der Ölberg wird seit 1967 von Israel verwaltet. Die meisten der arabischen Führer von damals sind tot, die Vision eines palästinensischen Staates auf israelischem Gebiet ist lange aufgegeben. In der Nachbarschaft schaffen Bulldozer Platz für jüdische Siedlungen und diplomatische Krisen, im Januar intervenierte Hillary Clinton, als mit dem Abriss des alten Shepherd Hotel begonnen wurde. Doch die markante Fensterfront des alten jordanischen Hotels behauptet ihren Platz im Stadtpanorama, knapp unter dem Himmel, am äußersten Rand der westlichen Welt, als wäre hinter den ungeputzten Scheiben die Zeit stehen geblieben. Unter der Decke des Speisesaals hängen die gleichen Leuchter wie auf den Fotos von damals, goldene Reife mit roten Christbaumkugeln oben und unten. Unter den Fenstern glitzert die Ewige Stadt mit der Kuppel des Felsendoms. Ein erhabener Ausblick. Doch kaum ein westlicher Reisender verirrt sich noch hierher. Wir teilen uns das Buffet mit Pilgern und Familien, die sich in der Weite des Speisesaals verlieren.

Jeder Wirbelsturm hat ein stilles Auge. Das des Nahen Ostens liegt auf dem Ölberg, hat 197 Zimmer und kostet 100 Dollar die Nacht.

Wenn Ashour nachhause fährt, nimmt er die 1 nach Westen und biegt vor Tel Aviv ab auf die 6, die parallel zur Sperranlage nach Haifa führt. Für die Abende, an denen es auf der Baustelle später wird, hält seine Firma ein Zimmer im 7 Arches, wie das Haus heute heißt. „Ich bin der treueste Stammgast“, sagt Tzachi Ashour mit verschmitztem Stolz wie ein Antiquitätensammler, der einen Besucher für ein altes Liebhaberstück begeistern konnte. Er lobt die Freundlichkeit des Personals, gerade ihm gegenüber als jüdischem Gast. „Normalerweise ist die Stimmung in der Gegend nicht so friedlich.“ Tzachi Ashour wird nachher noch etwas Büroarbeit machen und sich dann schlafen legen, in einem Luxusbett von 1964.

Seit Jahrtausenden dient der Ölberg im weiteren Sinne als Hotel: Über den ganzen Westhang ziehen sich die Grabsteine für die Seelen, die auf die Ankunft des Messias warten. Ganz oben, auf den besten Plätzen, schickte König Hussein seine weltlichen Bulldozer hinein und errichtete einen Prunktempel moderner Gastronomie, ein Monument arabischen Kosmopolitismus. Sieben Bögen hat die Glasfront des Haupttraktes, nach den sieben Bögen des Seils, auf dem die frommen Muslime am Jüngsten Tag zum Felsendom schreiten werden. Kolonnaden führen in die beiden Schlafflügel aus rohem Sandstein, die sich zur Stadt hin ausstrecken. Architekt William Tabler, der zur gleichen Zeit den blauen Kasten des New Yorker Hilton entwarf, schuf eine einzigartige Mischung aus orientalischen Formen und gestrecktem Modernismus. Das Intercontinental hatte Fernseher, Zentralheizung und Klimaanlage auf jedem Zimmer.

Das ist alles noch da, aber die Touristen kommen nicht mehr her, sie sind in Westjerusalem. Dort gibt es Spas, Bars, W-Lan und aktuelle Zeitungen. Im 7 Arches gibt es auch eine Bar, sie hat das beste Panorama der Stadt, unter der Decke hängen goldene Schalen mit Efeu und an der Wand prangt ein Spiegel mit feierlicher Schlachtenszene. Die Tische sind immer gedeckt, aber nie besetzt. Als warteten sie auf eine nie eintreffende Festgesellschaft. Alkohol wird ohnehin selten bestellt. Für den Hauptumsatz sorgen heute Pilgergruppen, gefolgt von Seminaren der israelischen Armee und Tagungen von Siedlerorganisationen.

Es gibt wohl wenige spektakulärere Bauplätze als diese heilige Stätte dreier Weltreligionen, zwischen Gräbern, Kirchen, Ölbäumen und Moscheen. Aber das hier ist vielleicht das ineffizienteste Hotel der Welt. Gefangen in einem unruhigen Dornröschenschlaf über den Kuppeln der Heiligen Stadt. „Wir sind Häftlinge der politischen Entwicklungen“, sagt Manager Awni Inshewat.

Inshewat arbeitet seit 1974 im 7 Arches, damals leitete er die gastronomische Kontrolle. Er kennt jeden Lichtschalter im Haus, jeden Läufer. „Alles, was Sie sehen, ist original“, erklärt er und hebt die Brauen über den Rand seiner Sechziger-Jahre-Brille. Inshewat wird später E-Mails schicken mit alten Fotos: Inshewat mit US-Außenminister Warren Christopher. Inshewat mit dem Bürgermeister von Betlehem. Inshewat mit dem Patriarchen von Russland. Man liest den Lauf der Zeit am Wechsel der Kleidungsstile und dem Ergrauen von Inshewats Haar. Nur das Hotel sieht immer gleich aus.

„Concierge“, steht in modernen Lettern an der Mahagoniwand der Rezeption. „Cashier“. „Receptionist“. Doch der Platz hinter dem Marmortresen ist verwaist. Ich scharre mit den Füßen auf dem Teppich, so wie man eine Öllampe reibt, darauf tritt ein schüchtern lächelnder Student aus dem Dunkel und legt mir einen großen Schlüssel mit schwerem Plastikanhänger in die Hand.

Hotels sind immer Gesamtaufführungen, eine Folge inszenierter Abläufe, die Diskretion und Feierlichkeit schaffen. Selten wird das so klar wie hier, wo die Festlichkeit der Kulissen und ihr Gebrauch so auseinanderklaffen. Alles ist in dieser Stille mit Bedeutung aufgeladen, jeder ein Darsteller, der somnambul einer Rolle folgt, die vor langer Zeit geschrieben wurde. Auf der Veranda steht ein Springbrunnen, der kein Wasser führt. Neben der Rezeption hängt ein alter Münzfernsprecher, die einzige Verbindung nach draußen. Der Weg zu Zimmer 501 führt durch einen langen, dunklen Flur, an dessen Ende ein Leuchtschild warnt: „No Exit“.

Im Nachtschrank sind Drehschalter für TV und Radio eingelassen, aber aus den Lautsprechern dringen nur einzelne Fetzen Arabisch durch das Rauschen, und die Fernbedienung wurde vergessen. Hinter den lange nicht geputzten Scheiben liegt die Altstadt wie eine ausgeblichene Postkarte, die seit den Siebzigern ihren Platz im Aufsteller eines Souvenirgeschäfts behauptet. Einen Stock höher steht der Schreibtisch von König Hussein. Awni Inshewat verwaltet ein Museum. Ab und an verliert sich ein Besucher hinein und atmet schwer im Unterdruck der Geschichte.

Inshewat spricht bedächtig, mit sanfter Stimme, immer, als würde er der Auffassungsgabe seines Gegenübers nicht ganz trauen. Das mit den Eigentumsverhältnissen ist aber auch schwer zu verstehen. Als Israel 1967 die palästinensischen Gebiete besetzte, blieb das Hotel nach internationalem Recht Eigentum der jordanischen Königsfamilie. Israel verwaltet es bis heute für Jordanien, als Spielstein in den diplomatischen Beziehungen. 1988 brach die erste Intifada aus, und bei Intercontinental war man froh, dass gerade der Zwanzig-Jahres-Vertrag mit der Regierung endete. Inshewat war damals Assistent des Managers, und da sich kein neuer Investor fand, erklärte er sich bereit, das Haus in einer Übergangslösung zu führen. Die hält bis heute an.

„Wir hatten seitdem nicht einen einzigen Tag geschlossen“, betont Inshewat. „Wir sind das einzige Hotel, das am Freitag eine islamische Hochzeit ausrichten kann, am Samstag eine christliche und am Sonntag eine jüdische.“ Doch seit Jahren fehlt das Geld, um das Hotel wieder auf internationalen Standard zu bringen. Israel behandelt es als jordanisches Eigentum, Jordanien als israelisches.

So warten hier die jüdischen Seelen auf den Messias, warten die muslimischen Seelen auf die Rückkehr Mohammeds, und wartet das Hotel auf einen gütigen Investor, der einen Tischler schickt. „Das 7 Arches ist ein Schwellenort“, sagt der Künstler Nir Evron, „stecken geblieben zwischen Ost und West, Vergangenheit und Gegenwart.“

Nir Evron lebt in Tel Aviv und lehrt in Jerusalem an der traditionsreichen Bezalel Kunsthochschule. Er hat eine Videoarbeit über das 7 Arches gedreht, die zuletzt in Haifa zu sehen war. Der Blick von der Rückseite des Hotels auf palästinensische Siedlungen mit der Mauer in der Morgendämmerung. Die verlassene Rezeption. Leere Flure. Das Personal beim bedächtigen Falten der Wäsche. Ein einsames Paar beim Frühstück. In langen, konzentrierten Einstellungen enthüllt sich die eigentümliche Halbpräsenz dieses blinden Flecks israelisch-palästinensischer Geschichte.

Inshewats Hoffnungen sind nicht ehrgeizig. „Auch wenn wir das Geld hätten, denke ich nicht, dass wir das Haus in ein Fünf-Sterne-Hotel verwandeln sollten.“ Das 7 Arches könnte sich wirklich keinen besseren Repräsentaten wünschen. Mit gefalteten Händen sitzt er an seinem Schreibtisch in einem kleinen Büro und haushaltet zuverlässig mit dem engen Budget der Regierung, ohne Verluste, ohne Gewinne. Awni Inshewat würde gerne alles bewahren, wie es ist.

Doch vielleicht wird er bald gar nicht mehr gefragt. Im Dezember ist das 7 Arches in die öffentliche Aufmerksamkeit gerückt. Die Tageszeitung „Haaretz“ berichtete von Dokumenten der Regierung, die vorsehen, 75 zusätzliche Zimmer zu bauen, eine Konferenzhalle und einen Swimming Pool. Die jordanischen Eigentümer protestierten, die israelischen Stellen dementierten. Aber es gibt die Dokumente. Vielleicht passiert jetzt erstmal gar nichts, vielleicht passiert etwas in zwei Jahren. Doch die Bereitschaft der Politik, hier neue Realitäten zu schaffen, liegt offen. Der Israel-Tourismus boomt, Ende Oktober gab es in ganz Jerusalem kein freies Zimmer, selbst das 7 Arches war in manchen Nächten ausgebucht.

Awni Inshewat zeigt sich unbeeindruckt. „Diese Pläne gab es“, sagt er am Telefon. „Das war 1981.“ Er lacht leise in sich hinein.

Vielleicht wird Awni Inshewat es kaum bemerken, wenn seine bedächtig tickende Welt bald in die Stürme gerät, die sich am Ölberg zusammenbrauen, und wenn die Bulldozer zurück kommen und die Ölbäume ausreißen, und wenn dieses ganze liebenswerte Hotelmuseum davongetragen wird, mit seinen Teppichen, seinen Leuchtern, den ein, zwei Pilgern am Frühstückstisch und mit seinem durch nichts aus der Ruhe zu bringenden Manager.

Danke an den großartigen Film- und Videokünstler Nir Evron für den Tipp und die Bebilderung.
http://www.nirevron.com/index.php/oriental-arch

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für kunstkritik 2012