Das lodernde Feuer des Irrsinns

Spelunke, Volkstheater und Labyrinth: Das Kulturzentrum Karmanoia feiert seinen eigenen Untergang

Der Tagesspiegel, 27. März 2009

Hier ist er also, der sagenumwobene Ort, in einem Wohnhaus in einer Neuköllner Seitenstraße am Hermannplatz. Studenten erzählen sich seit Jahren davon. Ein Spielmann steht im Hausflur und zupft die Maultrommel. Ein anderer mit Bart und dem Gang eines Turmwächters greift die Hand des Gastes und führt die Holzstiegen hinauf. „Das Labyrinth hat einen Namen“, raunt er: „Peristal. Das kommt von Peristaltik, der Kontraktion des Darms. Hier ist es aber umgekehrt. Hier führt die Reise vom Arsch zur Seele. Viel Spaß.“

Wie Alice im Wunderland steigt man durch ein Loch, rutscht über eine Rutsche, irrt zwischen Tüchern, Pappmaché und Gipsfiguren durch enge Gänge, umspielt von seltsamen Geräuschen, stößt auf Fremde, die schreiend zusammenzucken.

Das Labyrinth ist überfüllt. Alle wollen nochmal rein, bevor abgebaut wird. Das Karmanoia, Berlins spektakulärstes Künstlerhaus, muss schließen. Vor Jahren wurde das marode Gebäude von den Mietern übernommen. Aber keiner konnte die Kredite zahlen, die Wohnungen leerten sich, Banken übernahmen die Zwangsverwaltung. Vor einem Jahr schlug eine Immobilienfirma zu. Ende April wird saniert.

Nur ein Bewohner blieb zurück. Tim Schneider, gelernter Dekorationsmaler. Eine „Berlin Mitte Hinterhofgöre“ mit Räuberaugen. „Das Karmanoia, wie es heute ist, ist eigentlich ein Unfall“, sagt Tim. Es begann mit improvisierten Theaterabenden zum Mitmachen für ein vertrautes Publikum. Dann kam mehr Publikum. Und noch mehr Publikum. Raum für Raum bohrte man sich vor, zimmerte, malte, grub sich in den Keller. Auf einmal war die Karmanoia eine Kneipe mit Konzerten, Theateraufführungen und Parties. „Es gibt keine feste Gruppe“, sagt Tim. „Wer sich hier wiederfindet, kann mitmachen.“ Die Karmanoia hat nicht nur ein Labyrinth. Sie ist eins. „Man weiß nie wo es hin geht. Nächste Woche ist wieder alles anders.“

Eine Woche später. Der Labyrinthwächter hat seinen Bart rasiert, allerdings nur die rechte Hälfte. Die Haare hat er auch geschoren, aber nur die linke Hälfte. Andrija Belosevic, gelernter Bauschlosser, Ex-U-Bahnfahrer, Familienvater. Irgendwann stand er in der Karmanoia und fragte, was gebraucht wird. Er baute eine neue Bar ein und kümmerte sich fortan um die Technik. Heute spielt er im neuesten Theaterstück den nörgelnden alten Finn, der im Lauf des Abends von Monstern gefressen wird. Georg Losch hat das Stück geschrieben, der Maultrommelspieler aus dem Hausflur. „Trimenon“ ist ein Märchen über einen König, der seinen Sohn sucht und ein Schiff, das auf dem Meeresgrund liegt, als Stöpsel. Fantastisch, irre, lustig, verzaubernd, sprachlich verblüffend, technisch virtuos. Eine archaische Spielfreude. Das ist bestes Volkstheater. Wie geht so was?

David See spielt den Kapitän und Erzähler. „Ich hab' einfach gefragt, ob sie noch jemanden brauchen.“ Jeder kann mitmachen, keiner verdient was. Das ist in der Karmanoia das einzige Konzept.

Eine Frau Ende 50 kommt aus dem Theaterraum und lächelt zufrieden. „Ich fühle mich an früher erinnert.“ Die 60er und 70er, Leben in Fabriketagen, Subkultur, Performance-Theater. „Ich finde es extrem schade, dass das Haus schließt. Es hat sich so viel verändert. Eine Zeit lang hatte ich schon das Gefühl, in der Stadt nicht mehr leben zu können.“

Das Gefühl ist Generations- und Szenenübergreifend. „Hier kommen 20jährige her und 65jährige“, erzählt Tim, „Hiphopper und Dubstepper, und alle kommunizieren, ohne Zwang. Hier fliegen Gläser, fallen Tische um, tanzen Leute nackt. Das fehlt in vielen Clubs: die Lockerheit. Die Leute sind hungrig danach, sich frei zu bewegen.“

Hinter der Theke steht Inga. Geld verdient sie keins. Warum macht sie das? Inga grinst. „Ich mache ein Fernstudium und brauche soziale Kontakte.“ Seit einem halben Jahr packt sie da an, wo was zu tun ist. Dienstplan gibt es keinen. Wer da ist, macht mit.

Wenn man Tim fragt, wann der Theaterraum eröffnet wurde oder die Kellerbar, dann muss er nachdenken. War's vor vier Jahren? Oder vor fünf? „Ich kann's nicht sagen. Alles wächst und bewegt sich.“

Wenn man Tim fragt, warum kurz vor der Schließung noch ein neues Café mit Sonntagsbrunch eröffnet, der Theaterraum zum Schiff umgebaut und zwei Premieren gestemmt wurden, wirft er die Hände in die Luft und ruft: „Die Frage 'Warum?' existiert nicht! Es ist unsere Art! Es gibt nur das Machen!“

Man hört diesen Mann reden und denkt: Da draußen die Stadt ist voll von kreativen Selbstverwirklichern, aus deren Blicken die Gier nach Geltung spricht. Doch kaum jemand hat dieses Feuer des Irrsinns in den Augen, des blinden Tatendrangs, wie es in Tims, Andrijas und Georgs Augen flackert. Hier geht es nicht um Selbstbestätigung. Hier herrscht die absolute Hingabe.

Einer der Schauspieler mischt sich ein: „Tim, willst du in meiner Band mitspielen? Wir brauchen noch 'nen Sänger.“

„Nö“, sagt Tim, „ich hab' meine eigene Band.“

Der Bassist der Trash-Swing-Combo Les Haferflocken Swingers kommt vorbei. „Tim, wir machen am Samstag so ne Art Theaterkonzert. Willst du Moderator machen?“

„Okay“, sagt Tim. Niemand hätte sich dieses Haus besser ausdenken können.

„Was hier passiert, hängt total von der Lebenssituation der Macher ab“, erklärt der Künstler. Was ist seine Lebenssituation? „Meine Lebenssituation ist der Laden!“ ruft er. Ein Zirkelschluss? „Ja, verdammt!“ Tim ist jetzt 29, hat Frau und Kind. Klar hätte man auch um das Karmanoia kämpfen können. Über Samstägliche Zirkusdemos auf dem Hermannplatz ging das politische Engagement aber nicht hinaus. „Uns standen zwei Wege offen: Einen Schuppen draus machen, Studis hinter den Tresen stellen, die Kuh melken. Oder uns zurück ziehen und uns treu bleiben.“ Der harte Kern wird auf's Land ziehen. „Karotten pflanzen, Ziegen melken, nachdenken, leben“, sagt Georg. Wenn es in den Fingern juckt, ruft man in Zukunft einfach befreundete Veranstalter an und fällt mit Aktionen in deren Parties ein.

Inzwischen hatte das neueste Stück Premiere. Andy Warhol, Frida Kahlo und William Shakespeare kämpfen da in einer Castingshow um den Kunstpreis einer Seifenfirma. Ein heiterer Abschiedsgruß an den etablierten Kunstbetrieb. „Wir würden nie einen Antrag schreiben“, sagt Tim. „Wir würden nie zum Bezirk gehen und sagen: Gebt uns einen Raum. Wir sind gegen Künstlerförderung! Du kannst die Leute nur verzaubern, wenn du dich mit deiner ganzen Existenz hergibst.“

Diese Woche hat die Karmanoia vierundzwanzig Stunden geöffnet, um in einer ununterbrochenen Abschiedsfeier zu verglühen. Ab nächster Woche wird die Einrichtung ausgebaut. Was nicht bei der Schlussauktion versteigert wird, wird bei Freunden untergestellt. „In diesem Laden stecken 10 000 Schrauben!“ brüllt Tim und schlägt Andrija auf den Rücken. „Das wird ein Fest!“

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für kunstkritik 2012