Das Gewicht der Stadt

Germania in Brikettform: Der Schwerbelastungskörper in Tempelhof beschließt die Serie "Berliner Häuser" im Tagesspiegel

Der Tagesspiegel, 08. Januar 2012

Wir beenden unsere Sammlung geschichtsträchtiger Berliner Häuser mit einem gewichtigen Schlussstein. Mit dem schwersten Haus der Stadt, gemessen am Volumen: 12 650 000 Kilo auf 21 Metern Breite.

Eigentlich ist der Schwerbelastungskörper an der General-Pape-Straße 100 in Tempelhof kein Haus im engeren Sinne, denn niemand würde darin wohnen wollen, und gearbeitet wird dort seit 1984 nicht mehr. Doch reflektiert der Betonpilz, mit dem Albert Speer die Tragfähigkeit des Märkischen Sandes testen ließ, die Bedingungen der Möglichkeit aller anderen Berliner Häuser, da er den Grund, auf dem sie alle stehen, am besten kennt. Er ist ein kantisches Apriori der Architektur.

So enthält er auch die Möglichkeit aller nicht gebauten Häuser: der Großen Halle etwa mit ihrer 290 Meter hohen Kuppel; oder des Triumphbogens, der ein paar Steinwürfe entfernt 170 Meter breit über der Prachtstraße in den Himmel ragen sollte, mehr als doppelt so hoch wie sein Pariser Vorbild. Bildhauer Arno Breker sollte die Namen der 1,8 Millionen Gefallenen des ersten Weltkriegs einmeißeln. Albert Speer nannte Hitlers Anliegen sachlich "Gebäude T".

Um sicher zu gehen, dass dessen 12 650 Tonnen nicht in die tieferen Mergelschichten sacken, ließ Speer 1941 zum Test das gleiche Gewicht in Stahlbeton aufgießen. Ursprünglich sollte der Belastungskörper schon nach zwanzig Wochen wieder verschwinden. Später war die Sprengung nicht mehr machbar, weil sie die umliegenden Wohnhäuser gefährdet hätte. So behauptet sich der Zylinder siebzig Jahre später noch immer, leicht schief hinter Bäume und Gebüsch geduckt, als einziges Relikt der geplanten Nord-Süd-Achse für die Welthauptstadt: Germania in Brikett-Form. Der Schwerbelastungskörper ist das kalte Negativ des Triumphbogens, er ist das Eckige im Runden. Auf seiner tonnenschweren Rationalität gründete jene himmelsstürmerische Irrationalität.

"Schwerbelastungskörper": Weht aus diesem Kompositbegriff nicht der eisige Hauch der Vernichtungspolitik? Dabei ist das Wort das jüngste in einer langen Reihe von Namen, die vom "Prüfturm" bis zum "Nazi-Klotz" ("Die Zeit") reicht. Michael Richter hat ihn erfunden, Architekt mit Spezialisierung auf Sanierungen und Denkmalpflege. Von 2007 bis 2009 leitete er die Sanierung des historisch schwer belasteten Körpers. Jeden Sonntag gibt er hier für den Berliner Unterwelten e. V. Führungen. Und wenn man nett fragt, kommt Richter auch während der Winterpause an einem eisigen Dezembervormittag raus an die Kleingartenkolonie Papestraße und schließt die schwere Eisentür auf, die in die niedrige Messkammer führt.

Drei konische Öffnungen gewähren in schrägen Winkeln Blicke durch die dicke Wand nach draußen; das hätte auch Zaha Hadid entwerfen können. Auf der Betonstele dazwischen stand ein Messgerät und registrierte, wie das Gebäude allmählich im Verhältnis zur Umgebung sank: 18,6 Zentimeter bis 1944; 19,4 Zentimeter bis 1948; das Tausendjährige Reich war schon Geschichte, als dessen Fußabdruck in 18,2 Metern Tiefe zum Stehen kam. Das waren ganze 13,4 Zentimeter mehr, als Albert Speer vorgegeben hatte. Dennoch hätte "Gebäude T" gebaut werden können, urteilte 1948 die Deutsche Gesellschaft für Bodenmechanik (Degebo), hätte man mit Rüttlung und Pfählen den Boden verdichtet.

Nicht dass damals noch jemand fragte. Doch das Gebäude sollte der Wissenschaft noch einige Jahre dienen. Seine Messwerte fanden nicht nur im Hansaviertel und beim Corbusier-Hochhaus am Olympiastadion Anwendung, sondern gingen in Grundbaunormen ein und trugen dazu bei, dass man heute so ziemlich alles über Bodenverhalten weiß. "Der Schwerbelastungskörper leistete einen wesentlichen Beitrag zur Forschung", erklärt Michael Richter, der von Albert Speer nur als dem "Generalbauinspektor" spricht.

In der noch jungen Disziplin der Bodenmechanik war es damals üblich, mit kleineren Lasten zu arbeiten und die Ergebnisse anschließend hochzurechnen. Dass der Generalbauinspektor auf dem Originalgewicht bestand, lässt sich nur als in Beton gegossene Absichtsbekundung verstehen. Im Übereifer wurde teils gar etwas schnell gegossen, so dass der Zylinder im November 1941, als Arbeiter in die eroberten Ostgebiete abgezogen wurden, zu kippen begann, was nur durch hektisches Gegenbetonieren aufzuhalten war. So hinterließ der Generalbauinspektor statt eines Triumphbogens den schiefen Turm von Tempelhof.

Es war ein schlechter Start. Als drückten die 12 650 Tonnen von vornherein auf den Platz, findet jede Unternehmung hier unter Schwerstbedingungen statt. 1941 konnten die Kleingärtner, die sich auf dem früheren Garnisonsübungsplatz eingerichtet hatten, noch mit Entschädigungen verdrängt werden. Nach dem Krieg, als jede freie Fläche zum Gemüseanbau genutzt wurde, musste die Degebo hart verhandeln, um das Gelände Stück für Stück zurück zu gewinnen. Kleingärtner gegen Großplanung: Es ist auch ein exemplarischer Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaftskörper, der an der Papestraße seit siebzig Jahren ausgefochten wird.

Bis 1984 wurde hier gemessen. Dabei drückten unter die Unterseite des Belastungskörpers gespannte Pressen in das zu prüfende Material. "Totlast", heißt das unter Bauingenieuren. Zur Finanzierung der Miete – das Grundstück war Senatseigentum – erwog die Degebo in den Fünfzigern, den Zylinder als Werbeträger zu verwenden. Doch die poröse Elefantenhaut blieb grau. Später wollte der Deutsche Alpenverein eine Kletteranlage einrichten. Die Planungen verliefen im Sande. In den Achtzigern erwog die Tempelhofer Bezirksversammlung, das Gebäude zu begrünen. Richter zeigt die Handvoll Nägelchen und Drähtchen für Efeuranken, die sich auf Hüfthöhe behauptet haben. Es scheint, als absorbierte das Gebäude jeden Eingriff.

Die Natur half sich selbst, Birken wuchsen aus dem aufgeweichten Zement des Daches, und als der Bezirk das inzwischen denkmalgeschützte Gebäude 2002 übernahm, war das Gelände zugewuchert. Zusammen mit dem Unterwelten e. V. wurde ein Informationsort geplant. Überraschend wurden dafür Gelder aus dem Stadtumbau West für eine umfassende Sanierung frei. Die 913 750 Euro sorgten für Aufregung von der "NZZ" bis zur "ZEIT": Der Pilz bleibt eine Provokation. Er passt so gar nicht in diese Effizienz- und Sicherheitsverliebte Epoche. Er ist ein Schmuddelkind, sein Laster ist die Eigenlast. Selbst trägt er nichts. Und dann ist er auch noch gefräßig!

Ein Haus bezieht seine Rechtfertigung durch das Streben nach oben, durch das, was es dem Himmel entgegen bringt. Alles was am Schwerbelastungskörper oben ist, dient nur dazu, nach unten zu drücken.

Nun macht freilich gerade die anscheinende Absurdität dieses Bauwerks auch einen beträchtlichen Teil seines Reizes aus. "Es ist unklar, wofür es steht", sagt Künstlerin Susanne Kriemann. "Ist es ein Gebäude, ein Objekt oder eine Skulptur auf einem Sockel, der im Boden steckt?" Auf der Berlin Biennale 2008 mischte Kriemann Fotos der Sanierung mit Archivfotos von 1951 zur Ununterscheidbarkeit, als sei keine Zeit vergangen. Ihr Buch "12650" versammelt 15 Zeitungsartikel, die seit dem Zweiten Weltkrieg zum Schwerbelastungskörper erschienen. "Auffällig war, dass darin das Gewicht immer variierte", sagt Kriemann. "Zum 60. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkiegs ging es sogar auf 40 000 000 Kilogramm hoch." So scheint der stille Brüter weniger über sich selbst zu erzählen als über die Gesellschaft, in der er steht.

Als der Prüfturm fertig war, wollte ihn auch der Generalbauinspektor nicht mehr abreißen. Statt dessen sollte er unter der 120 Meter breiten Prachtstraße verschwinden, die in vierzehn Metern Höhe auf die Große Halle zuführen sollte. Eine Vorstellung dieses Unternehmens lässt sich auf der ebenfalls vierzehn Meter hohen Aussichtsplattform gewinnen, die Michael Richter errichtet hat, und von der der Blick auf das neue Berlin geht. Auf der Nord-Süd-Achse stehen heute die Hochhäuser des Potsdamer Platzes. Wo die Große Halle stehen sollte, steht der Berliner Hauptbahnhof. Unten trägt ein Kleingärtner einen Laubsack zum Auto. Und der Schwerbelastungskörper misst nur noch die Last der Geschichte im Verstreichen der Zeit.

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für kunstkritik 2012