Dank dem kleinen Führer

Von Pjöngjang lernen: Ein deutscher Architekturführer präsentiert die nordkoreanische Hauptstadt wie eine normale Stadt. Aber was ist schon normal?

Welt am Sonntag, 22. Mai 2011

Was würde eine Nordkoreanerin zur Posse um den diesjährigen Henri-Nannen-Preis sagen? Ein Journalist hat den begehrten Preis für die beste Reportage bekommen, da wird er ihm gleich wieder aberkannt, weil er die Modelleisenbahn Horst Seehofers, die er beschreibt, nicht selbst gesehen hat.

Die Koreanerin wird wohl höflich lächeln. Die Wichtigkeit der Modelleisenbahn eines Parteivorsitzenden wird ihr sicher einleuchten. Weniger die deutsche Erbsenzählerei. Ein Journalist, der nicht vor Ort war? Nichts gegen ein Land, das von einem Präsidenten regiert wird, der nicht mehr auf der Erde ist!

Auch in diesem Text geht es um ein Land, das Wettbewerbe liebt. Es kommt ein Parteivorsitzender vor und eine Modelllandschaft, allerdings im Maßstab 1:1. Und auch hier war der Autor nicht vor Ort. Er hat nur ein Buch, den "Architekturführer Pjöngjang", herausgegeben vom Architekten Philipp Meuser.

Wer die Hauptstadt der letzten realsozialistischen Diktatur besucht, wird am Flughafen von einer Reisebegleiterin empfangen, einem Fahrer und einem Übersetzer. Sie stellen sicher, dass es einem an nichts fehlt, dass man keins der Monumente zu Ehren des Großen Führers Kim il-Sung verpasst, dass man vor dessen Bronzestatue Blumen niederlegt und nicht mit Anwohnern spricht. Dem Reisenden präsentiert sich Pjöngjang als gigantische Theateraufführung, als Projektionsfläche für seine Fantasien. Trotz der Abhängigkeit von chinesischem Öl und der Welthungerhilfe bemüht sich Nordkorea um Haltung in seiner Rolle als das schlicht Andere. Die Sonnenbrillen seiner Generäle werfen dem Rest der Welt trotzig ein Spiegelbild zurück.

Fehlt es in Nordkorea auch an Essen und Meinungsfreiheit – für Architektur wird sehr viel Geld ausgegeben. Zentrale Planungshoheit, ein Sinn für Monumentalität im öffentlichen Raum: Nordkorea ist ein Land, wie es Architekten lieben. Philipp Meuser hat Botschaften in Kasachstan und Sarajewo gebaut und die ägyptische Botschaft in Berlin. In seinem Verlag DOM Publishers erschienen Architekturführer für Tokio, Moskau und Berlin-Mitte. Nun reiht er Pjöngjang ein in die Achse der Normalität und macht die Kulissen der sozialistischen Musterstadt so frei begehbar wie noch nie – zumindest in Gedanken.

Der poetische Wert dieses Buches liegt in seiner Sachlichkeit. Es ist so sachlich, dass es einem fremd vorkommt. Man spürt die Anstrengung, mit der um kleinste Formulierungen gerungen wurde. Texte und Bilder stammen vom Verlag für Fremdsprachige Literatur, Pjöngjang.

So ist beispielsweise jedes Apartment mit einem Thermostat und Doppelglasfenstern ausgestattet, heißt es zum Neubauviertel Mansudae, Teil des 100.000-Wohnungen-Programms von 2009. Die nordkoreanische Redakteurin dachte beim Klang von Wörtern wie „Thermostat“ und „Doppelglasfenster“ wahrscheinlich: Endlich bekommt der propagandistisch verblendete Westen ein Bild unseres Wohlstands, den wir unserem lieben Führer, Genosse Kim Jong-il, verdanken. Der westliche Leser denkt indes mit kaltem Grauen: Wie ist dann bloß der Rest des Landes ausgestattet!

Bis zur Drucklegung wechselten Faxe. „Kim il-Sungs Rückkehr aus dem sowjetischen Exil“, schrieb Meuser. „Schreiben Sie bitte: ’triumphale Rückkehr des großen Führers, Genosse Kim Il-Sung’“, schrieben die Koreaner. „Bitte haben Sie Verständnis, dass wir das anders formulieren“, schrieb Meuser. Ihre Bitten, die Namen des ewigen Präsidenten Kim il-Sung und seines lebenden Vertreters Kim Jong-il um 0,5 Punkt größer zu drucken, wies Meuser zurück. Man einigte sich darauf, das „il-„ großzuschreiben.

Das Projekt ist ein beispielhaftes Experiment in interkultureller Übersetzung, sein Ergebnis ein doppelzüngiger Zwitter. Interessant ist er weniger wegen der dürftigen Informationen als wegen der offen gelassenen Fragen.

Über der nüchternen Aufzählung von Grundflächen, Geschoss- und Jahreszahlen wirft der Leser dieses so milde temperierte Buch womöglich bald in die Ecke, laut ausrufend: Was kostet denn das Essen in den dreißig verschiedenen Spezialitätenrestaurants in der Changgwang-Straße? Kann es sich außer Parteikadern und Botschaftspersonal überhaupt jemand leisten? Warum zum Kim il-Sung steht hier nichts über die eins bis drei Millionen Hungertoten dieses grausamen Regimes? Stattdessen steht da: Das Restaurant Chongnyu ist bekannt sowohl für seine Spezialitätenküche als auch für das geschmackvolle Interior Design.

Schließlich haben auch die Bürger einer Diktatur ein Recht auf Normalität. Auf eine Universität wie die Kim Chaek mit Studentenwohnheimen, Sporthalle und e-Bibliothek. Auf Sportarenen wie das blütenförmige Stadion 1. Mai, das größte der Welt, in das zu den sommerlichen Arirang-Massengymnastiken 150.000 Zuschauer passen. Auf ein Filmfestspielhaus wie das Filmtheater International, auch wenn es international kaum jemand kennt. Und auf 2000 Betten im Hotel Yanggakdo International und 6000 in der Wolkenkratzer-Pyramide des Ryugyong, an der seit 1987 gebaut wird, auch wenn im Jahr höchstens 2000 Touristen kommen. Auf einen Schülerpalast mit über 650 Räumlichkeiten für 5400 Kinder, dessen in einem Halbrund geschwungene Front sich einladend zu einem weiten Platz öffnet. Bemerkenswert ist auch das drei Geschosse hohe Atrium mit 19,50 Meter hohen Marmorsäulen.

Für Philipp Meuser war die Produktion mit einer gewissen Anspannung verbunden. Doch wusste er die Genugtuung auf seiner Seite: Er plante, was die koreanischen Kollegen nicht ahnten, bereits den Kommentarband. Er kommt zusammen mit dem ersten in einem Schuber, günstig in China produziert, und enthält alles, was dort fehlt: Einen Stadtspaziergang, der das Gezeigte kulturell und politisch einordnet. Einen architekturhistorischen Essay vom Südkoreaner Ahn Chang-mo. Fotos von Hütten hinter den Hochhauszeilen. Einen Plan des teils geheimen U-Bahn-Netzes, in dem alte Berliner Triebwagen verkehren. Und einen Stadtplan, in dem der geheime Wohnsitz von Kim Jong-il eingezeichnet ist.

Den größten Platz hält allerdings Kim Jong-il selbst mit Auszügen aus seinem Werk „Über die Baukunst“. Hier ist es der einzigartigen Baukultur mit ihren Vorbildern in sozialistischem Modernismus und koreanischer Tradition überlassen, sich selbst zu erklären: In der Architektur gibt es losgelöst vom Inhalt keine nationale Besonderheit, und es kann keine Form geben, die mit der nationalen Besonderheit nichts zu tun hat. In der Architektur spiegelt sich die nationale Besonderheit durch die Form wider, die Ausdruck der nationalen Besonderheit ist.

Dem Theoretiker Christian Posthofen mag angesichts dieser bürokratisch rhythmisierten Pamphlete der Kopf geschwirrt haben, den Eindruck erweckt jedenfalls sein Kommentar, in dem er etwas unschlüssig mit Foucault hantiert. Er widmet sich auch dem Kult um die Orchideenzüchtungen Kimilsungie und Kimjongilie, die auf Propagandaplakaten und Wettbewerben verehrt werden wie die Führer selbst.

Aufopferung des Einzelnen für die Gemeinschaft, Singen und Tanzen und eine tiefe Verbundenheit mit der Natur – was in ganz Asien geschätzt wird, treibt Nordkorea auf die Spitze. Die Koreaner haben ihrerseits Posthofens Blumentheorie nicht ganz verstanden, jedenfalls fragten sie, den Tränen nahe, wie er darauf käme, den Großen Führer mit einer Blume zu vergleichen.

Ein Gedankenexperiment: Das globale Finanzsystem bricht zusammen. Als einziges Land kann sich Nordkorea, das seiner isolationistischen Juche-Lehre treu blieb, selbst erhalten. Nordkoreanische Delegationen reisen zu den Hungernden in aller Welt und unterrichten sie in Kooperativwirtschaft.

Wie würden die Nordkoreaner dann über das chaotische Stadtbild westlicher Metropolen denken? Über die sich so eitel in die Höhe schraubenden Monumente von Frank Gehry oder Rem Koolhaas? Über die allgegenwärtige Anstiftung zur Selbstoptimierung auf hochhausgroßen Werbeflächen? Über die Bibliotheken Norman Fosters, die schnaufend und ratternd mit dem Justieren ihrer selbstlernenden Belüftungssysteme kämpfen, sodass sich in ihnen niemand auf die Schriften unserer geliebten Klassiker konzentrieren kann?

Als jedenfalls Philipp Meuser, der in Korea seinen Kollegen mit so viel Respekt begegnete, eine Gruppe Nordkoreaner über eine Theaterbaustelle am Potsdamer Platz führte, waren diese so wenig beeindruckt, dass sie vorzeitig vor die Tür gingen, um eine zu rauchen.

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für kunstkritik 2012