Am inneren Äquator

Auf ins Offene: Die 12. Istanbul Biennale öffnet neue Räume zwischen Kunst und Politik

Die Welt, 18. Oktober 2011

Wenn in Berlin die Mieten weiter gestiegen sind, wenn selbst Wedding und Marzahn zu Jugendherbergen und Eigenheimen umgestaltet sind und noch der letzte Partytourist begriffen hat, dass man mit Erinnerungsfotos aus der Warteschlange vor dem Berghain nicht mehr punkten kann, dann dürfte sich für die Kunst- und Kulturschaffenden Istanbul auftun als die große Alternative. Auf den Eröffnungen im Vorfeld der 12. Istanbul Biennale war jedenfalls schon fast so viel deutsch zu hören wie türkisch. Nicht nur auf den Bosporusfähren ist spürbar, dass hier die geologischen wie sozialen Kontinentalplatten noch in Bewegung sind.

Bis dahin wird allerdings auch Istanbuls noch so durchmischtes Zentrum endgültig aufgewertet sein, wo junge Galeristinnen in einem Tempo Räume eröffnen, als drohe die Zeit abzulaufen. Was sie auch tut: Geologen erwarten in den kommenden Jahren ein gewaltiges Seebeben im Marmarameer.

Als Brückenkopf zwischen verschiedenen Kulturräumen ist Istanbul prädestiniert für die Befragung politischer und symbolischer Ordnungen. Mit der letzten Biennale beschwor das kroatische Kollektiv WHW auf launige Weise den Kommunismus. Nun wollen die Kuratoren Jens Hoffmann und Adriano Pedrosa eine Art Quersumme der seit 1987 bestehenden Istanbul Biennale ziehen. Auch sie fragen nach dem Verhältnis von Kunst und Politik. Aber sie tun es sehr diskret. "Wir können vielleicht nicht die Welt verändern", sagt Pedrosa im Gespräch. "Aber wir können die Art und Weise verändern, wie wir sie sehen."

Besonders seit der 4. Berlin Biennale ist es populär, geschichtsträchtige Orte als Ausstellungsräume zu nutzen. Letztes Mal dienten in Istanbul eine alte Tabakfabrik und eine geschlossene griechische Schule zur auratischen Aufwertung. Diesem Wirklichkeitszauber wohnt ein verdeckter Eskapismus inne, und so ist es tatsächlich eine erfrischende Setzung, die Ausstellung auf zwei Lagerhallen am Bosporus zu konzentrieren: der Rückzug in den White Cube.

Separate Kojen, innen weiß, außen gerippter Stahl wie von Containern oder Baustellen, lassen glauben, man habe sich auf eine Messe verirrt. Zu Beginn zwingt ein Raster von auf Halshöhe gespannten Videobändern zum Bücken: Die filigrane Installation von Mona Vatamanu und Florin Tudor zitiert die Markierungen, mit denen in Venezuela Land neu an Kleinbauern verteilt wird.

56 solcher Kabinette sind für je einen Künstler da, individuell in Höhe und Fläche und durch Flure separiert. Das Konzept stammt von SANAA-Mitglied Ryue Nishizawa, dessen Museumsbauten in weißer Zurückhaltung eher die Umgebung rahmen als sie, wie üblich, mit pompösen Formen zu verstellen. In Istanbul erreicht der Pritzker-Preisträger eine überraschende Freiheit für Werke und Betrachter. So eine konzise strukturierte und exzellent gehängte Großausstellung ist selten zu sehen. Gerade die Einheitlichkeit sichert eine enorme inhaltliche und formale Vielstimmigkeit.

Nishizawas ephemerer Minimalismus passt zum Schaffen des einzigen Künstlers, dessen Name vor der Eröffnung bekannt war: Félix Gonzáles-Torres. Indem die Kuratoren das Werk des 1996 verstorbenen Konzeptkünstlers als Ausgangspunkt nahmen, räumen sie mit einer weiteren Biennale-Mode auf: staatstragende Themen und Thesen, die Allgemeingültigkeit beanspruchen. Wie Gonzáles-Torres seine Werke, nennen auch Hoffmann und Pedrosa ihre Ausstellung "Untitled". Die Künstlerkabinette sind lose um fünf thematische Gruppenausstellungen gruppiert, die sich je auf ein Werk von Gonzáles-Torres beziehen. Die subjektive Setzung im Zentrum begünstigt eine offene Annäherung, der Blanktitel lässt Raum für eigene Assoziationen, während das abwesend anwesende Werk des an Aids erkrankten Gonzáles-Torres einen ständigen poetischen Verweis auf das Existenzielle bietet.

Gonzáles-Torres' Blutkurvenarbeit "Untitled (Abstraction)" ist Vorlage für eine Sammlung von Werken, die an den abstrakten Tendenzen der Moderne das Subjektive, Körperliche und Politische aufzeigen. Ein kleines Raster aus Haaren von Mona Hatoum bildet ein magisches Zentrum, während Alexander Gutke die Peripherie vermisst: Sein in die Ecke gedrängter Acht-Millimeter-Projektor wirft die minimale Projektion eines durchlaufenden Maßbandes an die Wand, das die Ränder des gesamten Raums entlang läuft. Diese raffiniert-schlichte Arbeit legt das Maß für die formale Stringenz und das konzeptuelle Reflexionsniveau der ganzen Show.

Die hängt ihre Setzungen an auffällig vielen historischen Positionen auf, die meisten von Frauen. In "Untitled (Abstraction)" sind das Vertreterinnen des brasilianischen Neoconcretismo wie Lygia Pape und Lygia Clark sowie die 60er-Jahre-Leitungsbauerin Charlotte Posenenske.

35 der rund 130 Künstler stammen wie die Kuratoren aus Lateinamerika. Das alte Europa ist nur als fernes Echo präsent. Viele Namen tauchen sowohl in Einzel- wie in Gruppenpräsentationen auf, was Verflechtungen stimuliert, und Rivane Neuenschwanders Zaun aus "Abstraction" findet sich auch in "Untitled (Passport)" wieder.

Diese Sektion widmet sich einem der brennendsten Themen der Gegenwart wie der Gegenwartskunst: Migration. Vielleicht weil die Wirklichkeit so feste Grenzen setzt, ist dies der schwächste Teil der Ausstellung. Lara Favarettos abgestellte Koffer wirken so verloren, wie sie es für ihre früheren Besitzer sind. Mehr vermögen verschiedene Neuanordnungen von Landkarten und der Äquator, den sich Adriana Varejão auf die Hand gemalt hat: das menschliche Maß gegen die Regulierungen durch Wirtschaft und Politik.

Wollte man die Arbeiten dieser Biennale probehalber auf konkrete Forderungen festlegen, gliche das Ergebnis den meisten politischen Ausstellungen: Reisefreiheit für alle; gegen Einschränkungen von Identität durch Normen wie Rasse, Religion, Geschlecht; gegen die ungleiche Verteilung von Kapital; Reduktion von Schusswaffen. Überraschend dabei ein Anliegen, das in der Kunst zuletzt in den 80ern Konjunktur hatte: mehr Aids-Prävention.

"Untitled (Ross)" geht von dem essbaren Bonbonhaufen aus, den Gonzáles-Torres im Gedenken an seinen verstorbenen Geliebten in dessen Körpergewicht aufschütten ließ, und widmet sich den Themen Identität, Geschlecht und Liebe. Neben erotischen Turnschuhassemblagen und Elmgreen & Dragsets frühem Schwulenfotokabinett wird Gonzáles-Torres' aktivistische Arbeit mit Group Material gewürdigt.

Bisschen viel Aids? Schon. In Südafrika sind fast 15 Prozent der 15- bis 49-Jährigen erkrankt. Die Künstler des Ardmore Ceramic Art Studio bemalen dort Teller und Vasen mit Tiermotiven, Comics und naiv-poetischen Texten, die vor dem "Geist" Aids warnen. Der vielleicht zauberhafteste Raum der Biennale, die unter den hohen Decken des zweiten Gebäudes allmählich an Spannung verliert.

Man kann der Ausstellung Rückwärtsgewandtheit vorwerfen, wenn sie in "Untitled (Death by Gun)" Platz an Martha Rosler oder Letizia Battaglia vergibt statt an mehr junge Künstler. Allerdings löst sie sich gerade dadurch auch von jenem einseitigen Fortschrittsmodell, das Biennalen beiwohnt, und erreicht die Verhandlung der Ordnungssysteme, auf denen die Simulakren namens Wirklichkeit gründen.

In der Sektion "Untitled (History)" sind Cevdet Ereks Lineale zentral, die eigene Raster und Register erfinden, um an die prinzipielle Austauschbarkeit abstrakter Maße zu erinnern. Und der Ägypter Wael Shawky spielt in einem fantastischen Film mit 200 Jahre alten Piedmontese-Marionetten die Kreuzzüge aus arabischer Sicht nach.

"Wir im Westen sind Möwen und Lemuren", sagt Ardmore-Gründer Fèe Halsted im Ausstellungsführer: "meins, meins, meins, und niemand gibt nach. Wenn ein Zulu-Skulpteur zusieht, wie ein anderer sein Werk bemalt, freut er sich, wie wenn man das Feld, das man gesät hat, wachsen sieht." Die Befreiung von selbst- und zielfixierten Weltsichten gehört zu den wichtigsten Angeboten dieser Biennale, die dezidiert wie selten das Politische als Formfrage stellt. Zwischen den Alternativen von Kritik und Affirmation, von Abstraktion und Konkretion, sucht sie den dritten Weg, die Zurücknahme, die Öffnung. Sie beharrt auf der kategorischen Trennung von Wirklichkeit und Kunst - und zeigt gerade dadurch die Erstere als so künstlich und gestaltbar wie die Letztere.

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für kunstkritik 2012