Alles unter Kontrolle

Baku hat Öl, Gas, Geld – und im Mai den Eurovision Song Contest zu Gast. Ein Rundgang durch die aserbaidschanische Hauptstadt mit ihren Künstlern

Süddeutsche Zeitung, 12. April 2012

Sie könne mir ein mittelalterliches Dorf zeigen, auf der Halbinsel Abseron, sagt die Übersetzerin. Ich will Öl sehen, will zum Ölfeld Bibi Heybat.
„Ich kann Ihnen auch die antiken Felsinschriften von Gobustan zeigen“, sagt die Übersetzerin.
Ich habe die schönen Seiten Aserbaidschans gesehen: die Ausgrabung der antiken Hauptstadt, die sanierte Innenstadt von Baku mit ihren glänzenden Plätzen und Fassaden. Gerade geht die Sonne unter hinter den fast fertiggestellten Flame Towers auf dem Berg über der Stadt. Ich will jetzt Öl sehen.
„Ich kenne das Ölfeld nicht“, sagt die Übersetzerin. „Es gibt hier kein Ölfeld.“

Und dann sehe ich sie doch, zufällig, im Vorbeifahren aus dem Taxifenster, die rostigen Ölpumpen von Bibi Heybat. Sie reihen sich von der Straße bis zum Kaspischen Meer, knarzend und zwitschernd senken sie feine Rohre in die Erde. Hier fand 1846 die erste Ölbohrung der Welt statt. Hier wiegelte Josef Dschugaschwili die Arbeiter zum Aufstand auf, bevor er Stalin hieß. Im James-Bond-Film „Die Welt ist nicht genug“ jagt Pierce Brosnan im Sportcoupé vorbei. Und in Sichtweite knattert die aserbaidschanische Flagge auf dem höchsten Fahnenmast der Welt: 162 Meter, zwei Meter höher als der im nordkoreanischen Kijong-dong. Zu seinen Füßen ist die neue Baku Crystal Hall für den Eurovision Song Contest im Mai gebaut worden. Die Schuhe schwer von öligem Schlamm, steigen wir zurück in den Wagen. Hält die Übersetzerin uns für verrückt? „Nein“, sagt sie resigniert. „Das ist normal. Viele wollen das sehen.“

Ihr Widerwille ist verständlich: Das Öl hat Aserbaidschan, zumindest die Elite, so reich gemacht wie nie. Doch wird dieser Reichtum gerade eingesetzt, um das ölige Image um jeden Preis zu überwinden. Fieberhaft richtet sich die „Stadt der Winde“, „bad kube“, wie der Name Baku sich aus dem Persischen ableitet, für den Außenblick her. Öltourismus steht nicht auf dem Plan. Dabei hat der antike Vorläufer: Über Jahrhunderte pilgerten Zoroastrier aus Indien und Persien zur natürlichen Flamme im Feuertempel Atashgah auf der anderen Seite der Stadt. Heute brennt die Flamme nur, wenn eine Aufseherin missmutig die Gasleitung aufdreht.

Baku, schwankend zwischen der Bauwut von Dubai und der Verträumtheit einer Kleinstadt, besteht grob aus vier Ringen. Im Zentrum die Unesco-geschützte Altstadt aus der Seidenstraßenzeit: verschlafene Gassen, Wäsche trocknet zwischen Holzbalkonen, ein Schlachter nimmt einen Hammel aus. Vor den Stadtmauern die europäische Stadt des 19. Jahrhunderts, aus der Zeit, als die Nobels und Rothschilds den ersten Ölboom begründeten. In den Außenbezirken weichen die Plattenbauten uniformen Apartmenthäusern. Am Stadtrand liegen einstöckige Armensiedlungen, durch Schallschutzwände gegen den Blick des Gastes abgeschirmt, der auf der neuen Flughafenautobahn unter bunten Lichtspielen ins Zentrum geleitet wird, vorbei an den sich hoch aufschwingenden Spitzen des neuen Kulturzentrums von Zaha Hadid.

Die im Nachbarland Iran geborene Stararchitektin führt die Liste der Namen an, mit der sich die aserbaidschanische Elite den Eintrag auf die internationale Kulturlandkarte erkaufen will. In der Nähe des kolossalen neogotischen Parlaments, gebaut von deutschen Kriegsgefangenen, öffnete ein Gegenwartskunstmuseum. Am Meer entsteht das neue Teppichmuseum in Form eines gerollten Läufers, entworfen vom österreichischen Büro Hoffmann-Janz.

Als die Aserbaidschaner Ell & Nikki im vergangenen Jahr in Hannover den Song Contest gewannen, hätte der Zeitpunkt nicht besser passen können: Endlich wird Aserbaidschan, nach Jahrhunderten persischer und russischer Fremdherrschaft, strahlend im Rampenlicht stehen, im Kreis der europäischen Nationen. 5,3 Millionen Euro gibt die Regierung für den Bau der Kristallhalle aus, die von einem deutschen Unternehmen hochgezogen wird und die 23 000 Gäste fassen soll. Entworfen hat sie der Architekt des Berliner Hauptbahnhofs, Meinhard von Gerkan. Mit der Blaupause der Halle hat Aserbaidschan sich im vergangenen Jahr auch für die Olympischen Spiele 2020 beworben.

Aserbaidschan ist also noch immer ein Land wie aus dem Märchen: Was die Mächtigen sich wünschen, wird wahr.

Farhad Khalilov lädt zum Stadtspaziergang. Der Maler wurde 1987 Vorsitzender der aserbaidschanischen Künstlergewerkschaft und ist es bis heute. Er spricht Aserbaidschanisch, eine Turksprache. „Ich war der erste Vorsitzende, der direkt von den Künstlern gewählt wurde. Das zeigte, dass die Dinge begannen sich zu ändern.“ Schon 1918 bis 1920 war Aserbaidschan die erste islamische Demokratie. 1990 wagte das Land als erster Satellitenstaat die Konfrontation mit Moskau. Über hundert Protestierende starben, als die Roten Armee versuchte, die Kundgebungen niederzuschlagen. Ihre Gräber reihen sich entlang der Märtyrerallee, an deren Ende unter einem steinernen Baldachin eine Flamme zum Gedenken brennt. Dahinter liegen gefallene Soldaten des bis heute schwelenden Armenienkrieges. Gleich neben jenen offenen Wunden der Geschichte züngeln drei blaue Glastürme in den Himmel. Die Flame Towers stehen vor der Fertigstellung – ein Wahrzeichen wirtschaftlicher Zuversicht, sichtbar aus der ganzen Innenstadt.

Auf dem zentralen Fontänenplatz schmücken Statuen der Nationaldichter die Front des Literaturmuseums, das mit phantastischen Gemälden die aserbaidschanische Kulturgeschichte erzählt. In den Seitenstraßen stehen die ersten Edelboutiquen. Neue Sandsteinfassaden im Neojugendstil wetteifern um Aufmerksamkeit. Vor allem türkische Immobilienfirmen investieren in Baku. „Bis vor ein paar Jahren konnte jeder mit genügend Geld bauen wie er wollte“, erklärt Farhad Khalilov beim Mittagessen mit gefüllten Weinblättern und Fisch mit Granatapfelkernen. „Inzwischen hat die Regierung mehr Kontrolle.“

Kontrolliert wirkt die Innenstadt tatsächlich. An jeder zweiten Ecke prangt ein Porträt des Präsidentenvaters Heydar Aliyev, und wenn das Volk bis spät abends auf dem Bulvar am Meerufer flaniert, ist nicht ganz klar, ob es Herr über die eigene Inszenierung ist oder eher Volksdarsteller. Skulpturen romantisieren die europäische Gesellschaft des 19. Jahrhunderts: Hier ein bronzener Schuhputzer; echte Schuhputzer gibt es dagegen keine. Dort die Bronze eines Malers, über die Staffelei hinweg aufs Meer blickend. Fragt man, wie viele Gegenwartskünstler es gibt, heißt es: zehn, höchstes 20. Der Reiz der Stadt schöpft sich zum großen Teil aus der Spannung zwischen Repräsentation und Realität.

Einer der Gegenwartskünstler ist Farid Rasulov. Der 24-Jährige hat zum Tee am Jungfrauenturm geladen, dem Wahrzeichen Bakus am Fuß der Altstadt. Rasulov war gerade mit einem Stipendium in Wien, er hat ein deutsches T-Shirt gewählt: „Meine Leber ist eine Minibar.“ Auch hier klaffen Realität und Repräsentation auseinander, denn Alkohol trinkt Rasulov keinen. Es gibt nur eine Handvoll Nachtclubs, die wenigen Pubs werden vor allem von Mitarbeitern der britischen Ölfirmen frequentiert. Interessante Partys finden eher im Verborgenen statt. „Wir treffen uns zum Tee oder zum Schischa rauchen“, sagt Rasulov. Während andere ihre Kinder ins Ausland schicken, um nicht auf Beziehungen angewiesen zu sein, repräsentiert er eine junge Elite, der die Welt offen steht, solange sie die Lorbeeren nach Hause bringt.

Als das Gespräch auf die schöne Präsidentengattin kommt, die allein über die Kulturmittel verfügt, sagt er: „Die kenne ich auch.“ Die Regierung hat die Gegenwartskunst als Sprache der Globalisierung erkannt, die es mitzusprechen gilt. Zugleich scheint sie ihr nicht zu trauen. So verschwanden die Pläne für einen von Frank Gehry entworfenen GuggenheimAbleger in Regierungsschubladen. Zum vierten Mal unterhielt Aserbaidschan vergangenes Jahr einen Pavillon auf der Venedig-Biennale. Er erregte eher durch das, was er nicht zeigte, Aufsehen: Nach dem Besuch von Präsident Ilham Aliyev verschwanden zwei Skulpturen der Russin Aidan Salakhova aus der Ausstellung. Die Schleierund Vaginadarstellungen, so die offizielle Begründung, verletzten religiöse Gefühle und zugleich das Bild Aserbaidschans als säkulare Republik. Gewerkschaftler Farhad Khalilov erklärt die Entscheidung vielsagend: „Er hat in diesem Moment nicht als Präsident entschieden, sondern nach seinem persönlichen Geschmack.“

Es scheint, als sei man in eine große Familie geraten. „Es herrscht eine Kultur der Dankbarkeit“, sagt ein gut vernetzter Musiker, der seinen Namen lieber nicht lesen will. Reporter ohne Grenzen nennt es direkter ein „Klima der Angst“ und listet Aserbaidschan auf dem Pressefreiheits-Index hinter Kambodscha und Afghanistan.

Wer Kritik hören will, muss eine Etage tiefer steigen, in Kellerbars wie „USSR“: Über der Treppe hängt ein verblasstes Beatles-Plakat, drinnen spielen Jugendliche zwischen Porträts von Marx, Lenin, Juri Gagarin und Stalin Billard. „Unter den Sowjets waren die Löhne viermal so hoch“, erklärt ein Gast. „Heute sind die Mieten so hoch, dass man sich keine Innenstadtwohnung mehr leisten kann.“ Warum ist es dann so ruhig im „Land des Feuers“? Wo der Präsident seine unbegrenzte Wiederwahl ermöglicht hat und die Opposition nur einen Parlamentssitz hält, wäre es ja am Volk, Einfluss zu üben. Ein tiefer Blick ins Glas, dann die einleuchtendste Erklärung der Welt: „Wodka und Zigaretten sind billig.“

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für kunstkritik 2012